Schweinehirt war gewandt und stark, er packte bett Burschen an der Kehle und stieß ihm den Kopf sechs- bis achtmal so heftig gegen die feuchte Mauer, daß der Knecht ohnmächtig wurde, worauf ihn der Gefangene in die Ecke zu dem ohn­mächtigen Henker schleuderte. Inzwischen hatte sich der erste, stärkere Henkersknecht empor gerafft und mit Muth stürzte er sich auf den Hirten. Doch dieser vermochte den kleinen Holz­schemel, womit er den Justizcommiflarius niedergeschlagen, noch einmal zu erreichen. Krachend fuhr der Schemel auf den Schä­del des Schinderknechtes hernieder, der nun auch zu Boden stürzte. Es blieb nur noch der Schreiber, welcher sich unter seine Bank verkrochen und dorten keinen Laut von sich gab. Der Schlüffel zur Marterkammer stack inwendig im Schlöffe. Der Schweinehirt zog ihn mit Blitzesschnelligkeit heraus, nach­dem er die Thüre geöffnet, schlug diese hinter sich zu, schloß die Folterkammer ab, nahm den Schlüflck mit und stürzte den dunklen Gang hinaus auf die Straße. Das Unglück wollte, daß er hier mit dem Postschreiber Quaflel zusammenprallte, welcher augenblicklich begriff, daß der Hirte ausgebrochen und sich auf der Flucht befanb.

Feuer I Mordio! Nachbarhülfe!" schrie ber Schreiber unb winkte nach dem Schloßwalle, wo eine Wache auf und nieder­schritt und die blindgeladene Lärmkarthaune stand. Sofort hielt der Soldat die brennende Lunte an das Geschütz und der Schuß donnerte in den Ort hinein. Auf dem Rathhausthürm- chen fing die Feuerglocke an zu stürmen, in den Straßen rief man: Feuer I Mordio! und von allen Enden strömten Leute herbei.

Als der Schreiber in der Folterkammer merkte, daß ber schreckliche Schweinehirt draußen war und Hülfe erwartet wer­den konnte, rückte er seinen Tisch an die Lucke, welche wegen Abzugs der erstickenden Dünste an der Mauer gelassen wurde, und rief aus Leibeskräften um Hülfe. Mehrere Männer drangen durch den Gang bis vor die Thüren der Marter­kammer ; ohne Schlüssel war aber nichts auszurichten, denn die eiserne Pforte widerstand jedem Angriffe.

Inzwischen ertönten Trompetensignale und Trommelwirbel vom Schlosse her.Alle Mann zu Haus!" schrie es überall. Vorwärts zur Hexenjagd, der Schweinehirt von Bisses ist ausgebrochen."

Wie von Furien gepeitscht, raste dieser bett Hügel, nach Norden zu gelegen, hinan und suchte den Wald in der Richtung von Geiß-Nidda zu gewinnen.Seht Ihr bett ausgerissenen Schelm!" riefen die Leute hinten drein.Gleich ist er am Lörbusche; seine Füße berühren den Boden nicht, der böse Feind führt ihn durch die Lüste und hilft ihm davon! Nur noch wenige Schritte und er ist gerettet!"

Mit einem gewaltigen Sprunge setzt der Flüchtling über den Graben, welcher das Feld von dem Walde schied. Da kracht ein Schuß stöhnend bricht der Flüchtling zusammen; die Kugel war ihm in's rechte Kniegelenk gedrungen. Mit dem noch rauchenden Rohre in der Hand trat Stoffel Langerhans aus dem Walde hervor. Er sah schon eine Zeit lang, vom Buschwerk am Waldessaums gedeckt, den Flüchtling den Hügel heraufeilen, hörte die Lärmkarthaune, die Sturmglocke und legte die Büchse an die Wange, als gelte es, ein Stück Wild- pret auf der Treibjagd zu erlegen.

Gelt, Hexenmeister!" rief Langerhans,die Teufels- und Zauberkünste haben Dir nicht davon geholfen."

Der niedergeschossene Schweinehirt hob sich mühsam empor; er preßte das zersetzte Beinkleid zusammen, um das hervorquellende Blut zu stillen.

Was Du feiger Wilddieb an mir verübtest, ist keine Heldenthat," antwortete der Verwundete,sondern ein Busch- klepperstreich, dessen Du Dich Zeit Deines Lebens nicht zu rühmen brauchst. Auf Deinem Todtenbette werde ich Dir der­einst erscheinen und Dir in Deinem letzten Stündlein vorhalten, war Du gethan."

Unterdessen kamen die Verfolger heran. Sie wickelten dem Verwundeten nothdürftig ein Tuch um die Schußwunde und schafften ihn den Hügel hinab in's Dorf. Stoffel Langer- Hans eilte in den Wald zurück. Die Worte des Schweine­

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Hirten klangen ihm in den Ohren. Einige Jahre später wurde er, als die Knechte Holz fällten, von einer niederbrechenden Buchs nahe der Stelle, wo er den Flüchtenden niederschoß, er­schlagen.Der Schweinehirt hat recht prophezeiht I" sollen seine letzten Worte gewesen sein.

(Fortsetzung folgt.)

Werthers Schatten.

Novelle von Carl Caksau.

(Fortsetzung.)

Das Schreiben lautete:

Jena, den 3. Deeember 1784.

Lieber Herr Woland I

Bei meiner Abreise versprach ich Ihnen, dann und wann ein Lebenszeichen von mir geben zu wollen. Ich hätte mit diesem ersten nicht so lange zögern sollen, aber ich wollte nicht eher etwas von mir hören lassen, bis es sich der Mühe lohnte. So erfahren Sie denn, wie ich auch heute meinen lieben Eltern mittheilte, daß ich feit dem 1. December Juris utriusque Doctor bin, nachdem ich in aller Form promovirt habe. Ich darf nun mit den frohesten Hoffnungen der Zukunft entgegen sehen, da mir auch bereits eine gute Amtmannsstelle auf den Gütern des Grafen von Falkenbsrg angeboten ist. Vorläufig habe ich mir Bedenkzeit ausbedungen.

Trotz eifriger Studien habe ich doch so viel Zeit er­übrigt, eine Reiss nach Weimar unternehmen zu können. Sie hatte eigentlich den Zweck, den geheimen Rath von Goethe persönlich kennen zu lernen. Dieses wird besonders Ihre Fräulein Töchter interessiren. In der That gelang es mir, den größten Dichter Deutschlands zu sehen und mit ihm einige Worte zu sprechen.

Ich habe selbst seither einige Poeme verfaßt und mir den poetischen Amtmann von Altengleichen zum Vorbild ge­nommen. Mit Herrn von Goethe sprach ich von seinem Weither". Ich bemerkte, daß ich eine Lücke darin ver­mißte, nämlich eine Vertheidigung der Todesursache de« jungen Helden. Aber Goethe lachte und sagte:Lieber collega in Justitia, der Werther wird uns alle Beide über­dauern! Weshalb ich aber die Vertheidigung des Selbst­mordes nicht übernommen? Das ist sehr einfach: Es gibt keine! Sagte ich es offen heraus, so schlüge ich unsrer noch hochromantisch gefärbten Zeit in das Gesicht. Sehen Sie, wir Dichter geben zu allem, was wir schreiben, ein paar Tropfen Herzblut als Gewürz quasi. So ist auch der Werther etwas von dem, was ich selbst erlebt habe. Aber das ist nun vorüber! Daß ich der Idee eines Selbst­mordes nicht huldige, sehen Sie an meinem Leben. Leben Sie wohl!" Ich war entlassen und konnte gehen. Im Gasthause erfuhr ich, daß Goethe der beste Freund des jungen Fürsten ist und daß das Leben bei Hof manchem Bürger ein Kopfschütteln abnöthigt. Offenbar will der Dichter vergessen, was er erlebt; ich könnte das nicht!

Mein Freund Reißner hat Jena verlassen und ist nach Leipzig übergesiedelt; er wollte hier an Ort und Stelle nicht mit allem studentischen Plunder brechen; übrigens ist er fleißig gewesen und wird zu Ostern ebenfalls promo- viren! - Ich hoffe, daß es Ihnen und Ihren Fräulein Töchtern wohl gehe und hoffe Sie alle in den Weihnachts- tagen herzlich begrüßen zu dürfen, womit ich in refpect- voller Vermeidung meiner Ergebenheit verbleibe'

Ihr

Werther Helbig, Juris utriusque Doctor.

Herr Woland nickte wohlgefällig mit dem Kopfe und sagte: Ein geistreicher Mensch, der besten Stelle würdig! Hier Mädchen, ist der Brief! Lest! Ihr schwört ja auch zu Goethe!"