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Schöffer. „Vier Zauberer auf einmal zu befragen, torquiren und Hinzuthun, ist keine Kleinigkeit."
„Ihr sprecht ja, als wenn die vier Leute bereits mit ihren Zauberei« und Hexenstücken überwiesen und condemniret wären," bemerkte Kammerdiener Langsdorf. „Seine landgräfliche Durchlaucht wollen aber durchaus langsam und womöglich in Güte aus den Hexenleuten herausgebracht haben, wie es mit dem Hexereilaster beschaffen ist."
„Das hat noch Niemand zuwege gebracht," versetzte Burg« graf Keip; „der böse Feind verschließt den Hexen die Mäuler, daß sie nichts reden dürfen. Nur durch Anwendung der schärfsten Torturmaßregeln bringt man die Leute zum Bekennt« niffe."
„Grade dies halten Seine Durchlaucht für schrecklich; durch Tortur erzwungene Geständnisse seien werthlos, es müsse andere Mittel geben, zum Ziele zu gelangen."
„Man verbrennt seit sechzig Jahren Zauberer und Hexen," begann der Schultheiß, „stets aber muß die peinliche Frage vorher gehen. Gütliche Bekenntnisse folgen ja doch immer hintendrein."
„Aber blos aus Furcht," erwiderte der Kammerdiener, „es möchte die Tortur noch schärfer angewandt werden; die Leute wollen lieber als Hexen angesehen sein und den Tod erleiden, als die fürchterlichen Qualen zum dritten und vierten Male aushalten."
„Wie gedenken nun Seine Durchlaucht das Hexeretlaster aus der Welt zu schaffen, wenn nicht mehr torquirt und gebrannt werden darf?" fragte der Schultheiß.
„Er will Schulen errichten und das Volk aufklären," versetzte der Kammerdiener. „In Echzell, als dem größten Orte der Landgrafschaft, hat er bereits 1640 eine Lateinschule zu Stande gebracht ähnlich derjenigen in Gießen und Darmstadt. Die Herren Theologen und andre Magistri, welche berufen werden, sollen Sprachen und Wissenschaften lehren, dadurch verginge der Aberglaube."
„Aber die Herren glauben ja alle selbst an Hexen und Zauberer!" rief Keip, „wie sollen sie nun den Aberglauben vertreiben?"
„Richt Alle glauben däran," antwortete Langsdorf, „es gibt auch welche, die dagegen kämpfen. Darum müsse das Volk aufgeklärt und weiser gemacht werden, dann verginge der Aberglaube von selber."
„Das gäbe eine schöne Wirthschaft I" rief der Schultheiß. „Wer könnte denn da das Volk noch regieren, wenn jeder Bauer das Lesen, Schreiben und Rechnen verstünde! Je weniger das Volk weiß und je dummer es ist, desto gehorsamer folgt es den Befehlen der Obrigkeit. Die jungen Herren Regenten meinen gar zu leicht: Gescheute Leuts seien besser zu regieren, als dumme. Wenn die Herren aber dreißig Jahre älter geworden, klingt es anders. Dann wollen sie nichts mehr von Neuerungen hören. Die Erfahrung macht den Meister, darum ist das Alter der Jugend überlegen. Tüchtige Untersuchungsrichter müssen wir haben, welche die Hexereilaster an den Tag bringen und wenn geschehen, hinaus mit den Zauberern und Hexen, daß sie die Menschen nicht länger quälen."
„Ja, das ist auch meine Meinung," sprach Burggraf Keip; „aber wo kommen solche Männer her, sie sind selten."
„Wenn die Herren gütigst erlauben," sprach da plötzlich eine Stimme, indem sich die Thüre zum Herrenzimmer öffnete, in welcher Fred Quaffel, der Postschreiber, erschien und ein Heft in der Hand hielt, das er aus der Brusttasche seines Rockes gezogen.
„Was will Er denn, Postschreiber?" fragte der Schult- heiß.
„Ich hörte, daß die Herren von Männern und Kräften redeten, welche geeignet wären, die Hexen aufzuspüren und an's Licht zu ziehen und da wollte ich--"
„Ei, ei, Postschreiber, da hat Er uns ja belauert. Kennt Er nicht das Sprichwort: Wer lauert an der Wand, hört seine eigene Schänd."
„Verzeiht, gestrenger Herr Schultheiß," antwortete der
Tropf, „ein Lauern war es nicht. Die Thür stand offen und da hörte ich die Rede der Herren."
„Das ändert nicht viel an der Sache. Er thut besser, sich mit seiner Gesellschaft zu unterhalten und dorthin seine Aufmerksamkeit zu lenken, als uns'rem Gespräche nach zu horchen. Hat Er das verstanden?"
„Ja, gestrenger Herr Schultheiß."
„Gut, nun sag' Er, was Er will und zu was Ende Er das Buch hier in der Hand hält."
„Es ist ein berühmtes Buch, „Die Teufelsgeißel", verfaßt von einem gar gewaltigen Gelehrten. Das Buch gibt an, wie alle Hexen, Unholde und Dämonen beschworen und ver« trieben werden können. So dachte ich nun, wenn in jedem Hause ein solches Buch läge, als könnten dann die Menschen der Hexen und Unholden Herr werden."
„Ganz recht, Postschreiber, Er hat da einen guten Gedanken, hat aber vergessen, daß die Leute nicht lesen können, also nützt sein Buch nichts. Wir wollen uns die Sach' in« dessen überlegen und wenn wir sein Buch gebrauchen können, wollen wir darnach senden. Nun gehab' Er sich wohl, gehe hinaus zu seiner Gesellschaft und horche Er nicht mehr an der Wand, das verbitten wir uns von Ihm."
Mit einem Bückling zog sich Quaffel zurück, trat zur Thüre heraus in das große Gastzimmer, verfehlte aber die Treppenstufe und kugelte, die Beine nach oben, auf den Fußboden.
Alles lachte, die Gäste in beiden Zimmern. Der Schultheiß fchloß die Thüre zum Herrenstübchen, aber das Gelächter der drei Jnfaßen tönte noch einige Minuten nach.
„Na, Meister Quaffel, Ihr seid mit Extrapostgeschwindigkeit wieder bei uns angekommen!" sagte Schulpräceptor Fischer.
„Daß man einen Fehltritt Ihm und die Treppe hinab fällt, ist schon Jedem passirt," antwortete Quaffel, indem er sich den Staub abklopfte und die gestauchten Rippen ein wenig rieb.
„Ganz recht," versetzte Hosbüchsenmacher Breitenbach, „so nieder zu kommen ist keine Kunst. Aber das Treppenhinauffallen ist eine, daher wird die hessische Elle mit drei Batzen bezahlt. Versucht es einmal, vielleicht steht in Eurer Teufelr- geißel, wie das Ding zu Stande gebracht wird."
Der Wächter blies jetzt die elfte Stunde vor dem Brau- hause; die Gäste tranken aus und gingen nach Haufe.
Trüb und nebelig zog der folgende Novembertag am Himmel empor. Der Justizcommiffarius Caspari, in einen Pelzmantel gehüllt, von einem Schreiber begleitet, ging nach dem Rath- hause und verschwand in dem Gange, welcher nach der Folterkammer führte. Hier harrete bereits der Henker mit dem durch Ketten und Banden gefesselten Sohne des Hingerichteten Schweinehirten von Bisses.
Sogleich begann das Verhör. Dem Gefangenen wurden die Aussagen der Schöffen, die Berichte der Schultheißen über sein Leben und Wandel vorgehalten und er gefragt: ob er ein Hexenmeister sei und zaubern könne. 'Als dies Alles mit Widerwille abgewiesen wurde, zeigte man dem Gefangenen die Marterinstrumente vor, warnte vor der nun folgenden Tortur und ermahnte zum gütlichen Geständniffe. Auch dies war vergeblich.
„Ziehet dem Gefangenen die Kleider aus und leget ihm das Folterhemd an," befahl Caspari.
„Das kann ich selber, Herr Richter!" sprach der Gefangene, indem er an der Jacke herumnestelte und diese ausbrachte.
Der Scharfrichter sah dem Schweinehirten spöttisch zu. Plötzlich bekam er einen gewaltigen Fußtritt vor den Magen, daß er ohnmächtig in die Ecke der Folterkammer flog. Der Justizcommiffarius sprang auf, um den Gefangenen zu bändigen; in demselben Augenblicke sauste ein kleiner Holzschemet auf das Haupt des Gestrengen nieder, daß er stöhnend zusammenbrach. Wie Wölfe stürzten die beiden Henkersknechte über den wüthenden Schweinehirten, allein sie konnten ihn nicht meistern. Er unterlief den größeren und stärkeren und warf ihn mit einem gewaltigen Ruck zu Boden. Der kleinere hatte sich an ihn gehängt, um ihn nieder zu reißen; doch der junge


