Ausgabe 
12.5.1894
 
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1894.

6SÄ

UntevhKltnngsblatt )um Gietzensv 2lnzeigsv (GsMeval«rlnzeigep)

Samstag, den 12. Mai.

Mngstmorgen.

O Maienwelt, o Maienwald, Du meines Herzens Freude, Von Engelrhänden ausgeschmückt Mit grünem Brautgeschmeide! Durch deine Tiefen rauscht der Wind Mit stillen Orgeltönen.

O Maienwelt, o Maienwald, Wann stillst du Leid und Sehnen?

Es bangt das arme Menschenherz Und will im Kampf ermüden.

Da flammt herab der Geist des Herrn Mit Kraft und Trost und Frieden. Es sterben Leid und Todesnoth, Die Augen werden trocken.

Zum Himmelsfrieden rufen laut Der Pfingsten Morgenglocken.

O Maienwelt, o Maienwald, Du Blüthengrab der Klage, Von Gottes Gnaden brechen an Trostvolle Frühlingstage.

Des Geistes Bäche rauschen schon, Der Himmel steht uns offen.

O Maienwelt, o Maienwald, Nach dir geht all' mein Hoffen!

Die Hexe von Bingenheim.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung.)

Auf dem Friedhöfe zu Bingenheim fanden wir das ganz von Moos und Flechten bedeckte Grabdenkmal Schössers. Die Inschrift besagt: Herr Joh. Görg Schösser ist geboren den 3. Juni anno 1598, gewesenen Schultheißen zu Ranstadt (13 Jahre Keller und Amptmann zu Octenberg) Sohn; 31 Jahre Schultheiß; Obermärkermeister, Zoll- und Land- bereiter 35 Jahre. Erzielt 21 Kinder, in erster Ehe mit

Frau Marie Elisabeth End.lin*) siebe« Kinder; 1650 mit Frau Anna Katharina Wachrothin,**) erzielte er acht Söhne und sechs Töchter- Gestorben 1679 den 12. November seines Alters 81 Jahre, 6 Monate, 9 Tag.

Inmitten des Grabsteins befindet sich das Schöffer'sche Wappen: ein von links nach rechts schreitendes Schaf, über dessen Rücken ein dreiblätteriges Kleeblatt emporwächst. Den Wappenschild krönt ein geschlossener Helm, auf dem als Zier ein von rechts nach links schreitendes Schaf angebracht ist.

Unter dem Wappen steht folgender Reimlein:

Das Herr Schultheiß möchte blühen

Euer Nanie für und für

Will ich diesen Vers anziehen

Hier an dieses Grabes Thür: Herr Schössers Fleisch und Bein Lieget unter diesem Stein."

Es folgt darauf ein Todtenkopf mit zwei gekreuzten Todtenbeinen, darüber das Stundenglas und die lateinische Sentenz: Mors lugrum, vita Christus! (Tod ist Trauer, Leben ist Christus.)

Schösser schrieb eine schöne Handschrift und wußte sich statistisch gut auszudrücken. Seine beiden Frauen brachten ihm ein hübsches Vermögen mit- Merkwürdig ist, daß seine Familie, obgleich ste sehr zahlreich war, bald erlosch oder von Bingen« heim wegzog, denn das Kirchenbuch zeigt den Namen Schösser wenige Jahre nach des Schultheißen Tod nicht mehr.

lieber die Hingerichteten Hexen und Zauberer, Diebe und Landstreicher, welche vor das peinliche Halsgericht zu Bingen« heim gestellt wurden, führte Schultheiß Schösser ein genaues Verzeichniß, welches heute noch vorhanden ist. Darin ist auch aufgeführt, was aus den Mobilien und Immobilien der justi« ficirten Personen erlöst wurde; was der Henker und fnne Leute für die Hinrichtungen empfingen; was ein ehrbar Ge­richt, die Geistlichen und andere Personen bei den Hinrichtungen VCtACÖTlCtt»

Wir werden dieses Verzeichniß weiter unten folgen lassen.

Eure Gesundheit, Herr Schultheiß!" sprach der Burg« graf Keip, indem er mit Schösser und Langsdorf anstieß, wo« rauf alle Drei tiefe Züge aus ihren Humpen thaten und die Krüge fast mit einem Schlage niedersetzten.Was memt Ihr zu den eingethürmten Hexen und Zauberern?"

Es wird ein tüchtiges Stück Arbeit geben," antwortete

*) Tochter des Schultheißen Endel zu Bingenheim.

**) Tochter des Schultheißen Wachroth zu Echzell-