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konnte zur Thür, indem er rief: „Ich will rasch nach Oben I gehen und Jadwiga holen!"
„Nein Väterchen, ich gehe selbst, ich danke Dir," versetzte Roman hastig.
„Ja wohl, ja — das ist auch bester. — Geh nur zu ihr, Du kennst doch das hübsche, große Thurmzimmer noch? — links! Du kannst den Weg gar nicht verfehlen, wenn Du die schmale Seitentreppe hinaufgehst. — Roman, höre doch — links die Treppe — links!"
Graf Stanislaw war in großer Aufregung, er wußte kaum, was er sprach. Er wollte auch noch allerhand hinzu- fügen, doch Roman war schon aus dem Zimmer geeilt und konnte nichts mehr davon hören. Nun blickte er ihm mit umflorten Augen nach und wurde allmälig etwas ruhiger.
„Gottes Gnade ist unerschöpflich und seine Wege sind wunderbar," murmelte er vor sich hin. „Und was bin ich nur, daß mir so viele Gnade vergönnt ist- Ach Gott, lieber Gott, ich kann mich nicht gleich auf ein Gebet besinnen, nur auf das Eine: Set auch ferner gnädig, segne Roman und mein geliebtes Kind!"--
Jadwiga saß noch immer in ihrer Fensternische. Sie hatte die Stickerei bei Seite gelegt und blickte unverwandt nach Osten, von woher Roman kommen mußte. Ihr reizendes, von Liebe und freudiger Hoffnung verklärtes Gesicht besaß noch die ganze Frische der Jugenv und die blauen Augen den alten Zauberglanz. Man würde es schwerlich errathen, daß die schöne schlanke Mädgengestalt bereits vor fünfundzwanzig Jahren das Licht der Welt erblickte.
Das dachte auch Roman, als er leise und unhörbar durch ihr Zimmer schritt, denn der dicke Teppich dämpfte das Geräusch seiner Schritte. Doch jetzt trat er näher und blieb einen Augenblick sprachlos vor Entzücken. Wonnebebend schaute er sie an, dann rief er leise, fast zaghaft ihren Namen.
„Jadwiga!"
Sie wurde leichenblaß und preßte unwillkürlich beide Hände auf die heftig wogende Brust, um den Krampf ihres Herzens zu beschwichtigen.
„Jadwiga, ich bin's!"
Nun wandte sie sich zitternd um, ihre Augen standen voll Thränen. Einen Moment trat sie scheu und schamhaft von ihm fort und senkte erglühend das Haupt.
„Aber Geliebte, kennst Du Deinen Roman nicht mehr? — Deinen Roman, der jetzt zu Dir kommt, um Dich endlich, endlich als Braut in die Arme zu schließen. Denn Niemand steht mehr im Wege zwischen uns Beiden. Wenn Dein Herz sich nicht verändert hat, wenn es noch mein eigen ist, dann hindert uns nicht» auf der Welt, glücklich zu fein!"
Er stand hochaufgerichtet vor ihr, mit flammenden Augen, während die ihren still beglückt sich zu den seinen erhoben.
Und dann streckte sie ihm ihre Hände entgegen, zagend, schüchtern, doch mit vollem Vertrauen. Aber sprechen konnte sie nicht, nur mit erstickter Stimme stammeln: „Ach Roman, Roman, nun darf ich's Dir endlich sagen, daß auch ich Dich niemals vergeffen konnte und daß mein Herz immer getrauert hat um Dich!"
Und nun weinte sie, weinte, als wenn ihr das Herz brechen wollte — aber es waren Thränen des wonnigsten Glückes, die sie vergoß.
Roman warf sich vor ihr nieder und umfaßte ihre Knie, er küßte den Saum ihres Gewandes — wie er es vor einem Jahre wachend geträumt-
„Jadwiga!" rief er mit vor Leidenschaft bebender Stimme, „Du meine holde, meine schöne Braut, habe ich Dich endlich errungen! Ach, ich konnte nicht leben, nicht sterben ohne Dich, Du bist mein Licht, meine Sonne! Wo Du nicht bist, ist Alles dunkel für mich! Was ist mir überhaupt die gan,e Welt ohne Dich! Und nun, mein — mein für immer!"
Sie fielen stch in die Arme, sie blickten sich zärtlich in die Augen, sie küßten sich wieder. Ein erhabenes Gefühl durchschauerte sie, denn sie hatten das Köstlichste erreicht, was
ein Menschendasein bieten kann. Und sie wußten, daß Eine» im Andern die Kraft finden würde, auch die Widerwärtig, ketten und Sorgen des Lebens mit Gleichmuth zu ertragen. Und nun ließen sie sich von der Fluth ihrer hochgehenden und seligen Empfindung fortreißen, die Alles auslöschte, was der leidvollen Vergangenheit angehörte. Sie waren endlich im gelobten Lande, im Himmelreich.
Da öffnete sich unhörbar die Thür und Graf Stanislaw und seine Gemahlin traten in das Gemach. Roman und Jadwiga gingen ihnen Arm in Arm entgegen. Dann sanken Beide vor den Eltern in die Knie.
„Gott segne Euern Bund, Kinder, und mache Euch glücklich!" sagte gerührt der Graf. „Aber, ach, Jadwiga, nun wirst Du uns verlassen?"
„Es ist nicht meine Schuld," erwiderte ste mit glänzenden Augen, „ich kann es nicht ändern."
„Doch, doch, Mädchen," scherzte er. „Du hättest Roman wie allen andern Freiern einen Korb geben sollen, dann könnten wir Dich unser ganzes Leben lang in Jutroschin behalten I"
„Aber das hätte ihm und mir das Herz gebrochen," flüsterte sie mit über und über erglühenden Wangen.
„Ach, Jadwiga!" Graf Stanislaw zog seinen Liebling fest an die Brust und legte eine Secunde seine Stirn an die ihre. Dann blickte er sie traurig an. Sie stand ruhig vor ihm, mit niedergeschlagenen Augen, eine glückliche Braut.
„Aber Mann, Stanislaw, wie kannst Du es nur in diesem Augenblick über's Herz bringen, dem Kinde Vorwürfe zu machen," rief Gräfin Antonia, indem sie Jadwiga's brennende Wangen streichelte. „Du kannst Deine Tochter ost genug Wiedersehen — während Roman, wenn er den Korb bekommen hätte--doch wozu die vielen Worte: Es ist
Alles abgemacht und nichts mehr daran zu ändern und unten in unserm Staatszimmer wartet die ganze Gesellschaft voller Ungeduld auf das verlobte Paar!"
„Meine Mutter schickt Dir dies," sagte Roman schnell, indem er einen kostbaren mit Diamanten besetzten Ring an Jadwiga's Finger steckte. „Sie läßt Dich herzlich grüßen und bitten, Du möchtest ihn heute zu ihrem Gedächtniß tragen. Ja, mein süßes Lieb, sie freut sich schon so sehr darauf und mit ihr das ganze Herrenhaus, Dich bald als junge Edelfrau von Lygotta begrüßen zu können."
„Ja, Alles hat sie lieb, und ich könnte fast wünschen, meine Frau und ich hätten sie etwas weniger gern," seufzte der Graf, seine gewöhnliche Würde vergessend.
„Still doch, still doch, Stanislaw," mahnte die Gräfin. „Kommt, wir müssen gehen, Alles wartet auf uns!"
Und nun legte ste selbst den Arm des zitternden Mädchens in den ihres Bräutigams und führte Beide in den Gesellschaftssaal, um den dort versammelten Gästen das Brautpaar vorzustellen. —
Und nach wenigen Wochen war auch die Brautzeit vorüber. Jadwiga ging mit Roman an den Kirchenaltar — der Priester sprach den Segen, und sie war verheirathet. —
Ja, sie waren endlich vereinigt und unaussprechlich glücklich. Und sie verstand es, ihr Glück zu bewahren. Roman war ein vorzüglicher Ehemann — eine glänzende Ausnahme von der allgemeinen Regel in Polen, und seine Frau war vollkommen zufrieden mit ihm.
Graf Stanislaw und Gräfin Antonia hingen noch bis zu ihren letzten ruhigen Lebensstunden mit der innigsten Zuneigung an ihrem schönen Lieblinge. Sie übertrugen dieselbe auch auf die Kinder von Roman und Jadwiga. Kein anderes Band konnte diese Liebe verdrängen oder ihre Herzen erkälten und als die Eltern heimgegangen waren, da machte sich ihre liebende Fürsorge noch in ihren Vermächtnissen geltend, denn Alles, was sie auf Erden an Retchthümern besessen hatten, hinterließen ste der jungen Herrin von Lygotta und deren Angehörigen.
Redaction: A. Scheyda. .— Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei Er. Chr. Pietsch) in Gießen.


