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1884.
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Donnerstag, den 12. April.
Die Wallfahrt nach Czenstochau.
Roman von Johanna Berger.
(Schluß.)
Der Tag der Abreise war bestimmt. Roman besuchte noch einmal die letzte Ruhestätte seiner Frau, um Abschied zu nehmen. Ec stand lange regungslos davor und begrub sein Gestcht in beide Hände. Run war Alles vorbei, die trübe Vergangenheit lag hinter ihm. Er litt wohl noch unter dem heißen Weh, das in den ersten Tagen jeden Trost von sich gewiesen hatte, ja, er bedauerte Spiridia aufrichtig, die sich wie ein Engel sanft, schmerzlos und mit dem Kusse der Versöhnung auf den Lippen in den Himmel geschwungen hatte, aber er war jetzt frei, frei, erlöst von tausendfacher Qual. Ach, wie oft hatte er sich früher nach Freiheit gesehnt, und seltsam, nun, wo sie ihm zu Theil geworden war, fühlte er sich vereinsamt. Eine Lücke war in seinem Leben entstanden und die große, weite Welt wehte ihn kalt und öde an.
Das Alles fuhr ihm durch den Sinn, als er so still und in sich gekehrt vor dem Grabe seiner Gattin stand. Doch all- mälig wurden alte uud liebe, nur eine Weile vergessene Bilder in seiner Seele wach und lebendig. Er dachte an die Heimath, an das trauliche Herrenhaus von Lygotta, das jetzt ebenso verlassen und vereinsamt war wie er. Das paßte gerade sür ihn, dort würde er den Frieden wieder finden. Und noch andere Traumgebilde tauchten vor ihm auf — eine hehre, blonde Mädchengestalt kehrte immer und immer wieder.
Er kniete in Gedanken vor ihr nieder und küßte den Saum ihrer Gewandes; er sprach die Worte zu ihr: „Jad- wiga, ich habe vier Jahre mein Martyrium getragen, aber Du wirst nicht wollen, daß ich ewig leiden soll. Ich habe auf Erden Niemand so heiß und innig geliebt wie Dich — wenn ich Dich auch vergessen wollte, so habe ich Dich doch immer, immer geliebt. Oft fluchte ich dem Schicksal, das mich grausam von Dir trennte, ich bin der Verzweiflung, dem Verbrechen nahe gewesen — aber immer war es das Gedenken an Dich, was mir Kraft gab, mein freudenarmes Loos zu tragen. Doch nun will ich die vertrauerten Jahre aus meinem Gedächtniß streichen. Werde mein Weib, Jadwiza, mache mich glücklich, vertraue mir Dein Leben an Ja, Geliebte, werde endlich mein!"
Roman stand wie ein Steinbild da, nur die Gedanken lebten in ihm und flogen im raschen Fluge über Land und Meer in eine lockende und lachende Zukunft hinein. Und überall sah er die Geliebte, ihr schönes Gestcht mit den blauen
Märchenaugen: es winkte aus nebliger Ferne, es schwebte aus wallenden Wolken zu ihm, es grüßte aus grünen Gefilden, es rief ihn, es zog ihn, es lächelte ihn an. „Ich werde sie endlich erringen, sie wird die Meine sein!" so setzte er laut seinen Gedankengang fort.
Das laut gesprochene Wort weckte ihn aus dem Traum, er blickte verwirrt um sich her. War es denn möglich, daß er am Grabe seiner Frau solche Gedanken hegen konnte? Wie kam das nur? Die Schamröthe trat ihm auf die Stirn und ein tiefer Seufzer hob seine Brust. Dann sagte er langsam: „Spiridia, verzeihe mir, ich wußte nicht, was ich that!"
Und niedergeschlagen und gebeugt machte er sich auf den Heimweg.
Er traf Gräfin Antonia im Salon. Sie erhob sich von ihrem Sitz und kam ihm ein paar Schritte entgegen. Sie sah blaß und verweint aus, ihre langen, schwarzen Trauergewänder schleppten hinter ihr her.
„Roman," sagte sie, „mir wäre es lieb, wenn wir noch heute abreisten, ich kann es hier nicht länger aushaltsn und sehne mich nach Hause. Wenn es Dir recht ist, so begleitest Du mich nach Jutroschin. Du wirst in Lygotta ganz verlassen sein, denn Deine Mutter gedenkt noch einige Zeit in Rom zu bleiben. Es ist das Beste, Du verbringst die erste Trauerzeit bei uns!"
Roman stand unbeweglich vor ihr, Röthe und Bläffe wechselten auf seinem Gesicht. Er antwortete nrcht.
Sie blickte ihn verwundert an. „Gefällt Dir mein Vorschlag nicht?" fragte sie.
Er schüttelte den Kopf. „Rein!"
„Aber warum nicht, es ist doch so natürlich, daß wir jetzt eine Zett lang zusammen bleiben — ein paar Wochen, ein paar Tage, wenn Du willst."
„Ich danke, ich gehe nach Lyzotta zurück."
In der Gräfin Gesicht machte sich eine leichte Spannung bemerkbar. „Roman, willst Du mir eine Frage aufrichtig beantworten?" sagte sie leise.
Er sah sie erstaunt an, was meinte sie nur?
„Hast Du in den vier Jahren niemals bereut, Spiridia zu Deiner Gattin gemacht zu haben?"
Er stand wie ein ertappter Schulbube da, mit gesenktem Blick, die heißen, trockenen Augen wurden ihm feucht, er bedeckte sie mit der Hand.
Sie trat dicht zu ihm heran und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Bist Du glücklich gewesen, lieber Sohn?"
Er wandte sein Gesicht ab, „Was ist Glück?" preßte


