er hervor. „Alles, was die Welt so nennt, Habs ich besessen und besitze es noch."
Gräfin Antonia bemeisterte mühsam eine schmerzliche Bewegung. Mit scharfen Augen musterte sie Roman, sein ernstes, schwermüthiges Gesicht, dessen jugendliche Frische vollständig verschwunden war, und das fast düster aus der Umrahmung der dunklen, lockigen Haare hervorsah. Diese bleichen, gramdurchwühlten Züge, diese traurigen, braunumränderten Augen sprachen von Schmerzen und reichlichem Herzeleid.
„Ich verstehe Dich, mein Sohn," sagte sie weich. „Ich will nichts weiter fragen. — Nur Eines noch. War Dein Herz vollkommen frei, als Du Dich mit Spiridia vermähltest?"
„Neinl" erwiderte er rasch und entschieden. „Aber das Schicksal trennte mich von dem Mädchen meiner Wahl, ich mußte, ich wollte heilige Pflichten erfüllen. Ich hatte den besten Willen, Gutes zu stiften, doch mein Herz sagte nicht Amen dazu. Mir fehlte jene willenlose, geduldige Ergebung, welche auch das Schwerste erträglich macht."
„Ja, Roman, es gehört ein fester, starker Geist dazu, das Unvermeidliche mit Resignation zu tragen. Deine Natur freilich ist nicht danach geartet. — Aber noch eine Frage: Wird Dir auch jetzt noch begehrenswerth sein, was Du einstmals geliebt?"
Seine Wangen färbten sich mit flammender Gluth, er schlug voll und freudig die dunklen Augen zu der Gräfin auf. Dann schöpfte er tief Athem, um die leidenschaftliche Aufwallung seines Herzens nicht zu verrathen.
Sie wandte sich bewegt von ihm ab und trat auf den Altan des Landhauses hinaus. Mit nassen Augen blickte sie über die Landschaft hinweg, doch ohne Sehnen und Schauen. Mit bitterer Anklage schweiften ihre Gedanken in die Vergangenheit zurück. Ihr kluger Sinn hatte Alles errathen, ihre Ahnung sie nicht getäuscht. Ach, sie hatte das Beste gewollt und bezweckt, aber ihr Ziel verfehlt. Sie wollte ihr einziges Kind und Roman glücklich machen, denn das gemeinsame Wohl Beider lag ihr am Herzen — es war ihr nicht gelungen, Gott hatte es anders gewollt. Nun war Spiridia todt, der Kampf war zu Ende, aber sie war in Frieden gestorben. Gott hatte ihre Seele in sein himmlisches Reich ausgenommen. Gräfin Antonia schluchzte laut. Der Vorwurf, ihre Lebensaufgabe nicht genügend erfüllt zu haben, zerriß ihr das Herz. Kummer, Trauer, Schmerz und Reue zogen in wechselndem Ausdruck über ihr thränenfeuchtes Antlitz.
Was blieb ihr nun noch zu thun übrig, was konnte sie noch gut machen?
Sie kreuzte die Arme über der Brust und senkte den Kopf tief herab. Sie sann und grübelte, allerhand krause Gedanken durchkreuzten ihr Hirn. Doch plötzlich strahlten ihre Augen auf — nun wußte sie es.
Dann ging sie langsam in den Salon zurück, zu Roman. Er hatte sich in einen Sessel geworfen und starrte träumerisch vor sich hin.
Sie blickte ihm liebreich in die Augen und strich ihm das Haar von der Stirn. „Roman," sagte sie, „laß uns abreisen, hier in der Fremde ist Alles dunkel und leer für uns Beide. Bis zur polnischen Grenze bleiben wir beieinander, dann trennen sich unsere Wege. Aber nicht für lange, mein Sohn, nachher erwarten wir Dich auf Schloß Jutroschin — wenn auch nicht bald, so doch später."
Roman ergriff beglückt die feine weiße Frauenhand und preßte sie heiß an seine Lippen.
„Mama," sagte er — es war das erste Mal, daß er die Gräfin so nannte, — „Mama, ich werde bestimmt kommen, wenn die schwarzen Wolken vorüber find. Ueber's Jahr, wenn die Veilchen blühen, werde ich bei Euch seinl" —
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Abermals war ein Jahr der Vergangenheit anheimgefallen und der Frühling zog wieder einmal in das polnische Land, und zwar ein Frühling, so schön, so wonnig und sonnig, wie ihn auch das begehrlichste Menschenherz nicht besser verlangen konnte.
Um Schloß Jutroschin herum hatte dieser Lenz ohne Gleichen eine wahre Zauberpracht entwickelt. Alles war traumhaft schön und überall pulfirte warmes, köstliches Leben. Der Park prangte im frischesten, saftigsten Grün, herrliche Blumen blühten und streuten süßen Wohlgeruch aus, und in den schattigen Boskets sangen und bauten die Vögel. Ein breiter Streifen von Vergißmeinnicht säumte den Rand des großen Sees, auf dessen heller, klarer Spiegelfläche sich bereits die breiten Blätter der Wasserrosen entfalteten. Weiche linde Lüste wehten, der Himmel war blau und wolkenlos und die goldene Sonne hüllte dis ganze Natur in ein Meer von Licht und märchenhaften Glanz.
An einem dieser schönen Frühlingstage herrschte in Schloß Jutroschin eine rege Geschäftigkeit. Es war der Namenstag des Grafen Stanislaw und man erwartete eine große Gesellschaft seiner vielen Freunde, welche dem ältesten und vornehmsten polnischen Adel angehörten.
Für einige Tage mußte das stille, einförmige Leben auf dem Schlosse unterbrochen werden, — fast eine so große Veränderung für das gräfliche Paar, als ob die alten tobten Magnaten und Starosten ihrer Famtliengallerie plötzlich wieder lebendig geworden wären. Denn die Kwileckis hatten dar verflossene Jahr in stiller Trauer um Spiridia verlebt und waren fast ganz ohne Verkehr mit der großen Welt geblieben. Doch allmälig hatte sich ihr Schmerz und Leid in sanfte Weh- muth und Resignation verwandelt.
Graf Stanislaw war schon wieder ganz gefaßt und zufrieden und besonders heute an seinem Namenstage in fröhlichster Stimmung. Er freute sich auf seine Gäste, auf den lange entbehrten Verkehr und die Unterhaltung mit ihnen, aber am meisten auf Roman, welchen man heute gleichfalls auf dem Schlosse erwartete.
Seine Gemahlin hatte heimlich ihre Pläne für die Zukunft gemacht, — sie wollte auf den Trümmern eines zerstörten Lebensglücks ein neues errichten, sie wollte Roman und Jadwiga, die beiden Menschen, die ihr so theuer waren, glücklich machen. Und in hellleuchtenden Farben stieg manch' freundliches Bild vor ihre Seele.
Gräfin Antonia schien heute die leidvolle Vergangenheit vergessen zu haben- Sie hatte den schwarzen Schleier und dar düstere Trauerkleid abgelegt und ein sonniges Lächeln flog zuweilen über ihr ernste» Gesicht. Musternd und prüfend und der Dienerschaft Befehle ertheilend, wandelte sie am Arm der Grafen von einem Prunkzimmer des Schlosses zum anderen. Das Gespräch der beiden Gatten war sehr eifrig und lebendig, sie hatten lange nicht so viel zu reden und zu besprechen gehabt.
Nur ein einziges Mal im verflossenen Jahre waren diese prachtvollen Säle geöffnet worden. Darum war es auch heute sehr kühl hier innen, sehr unheimlich, fast gruftartig, und sie machten mit ihrer Todtenstille den Eindruck, als ob darin jede Nacht gespenstische feierliche Versammlungen abgehalten wurden, und dieser Eindruck erhöhte sich noch, wenn man die schwarzen Flordraperien betrachtete, die fast die ganze Wand einnahmen, an der Spiridia» Porträt aufgehängt war, und wenn der Blick auf das düstere Trauerwappen fiel, welches man darunter angebracht hatte, als die junge Frau gestorben war.
Die hochlehnigen Sophas mit ihren gegeneinander, geneigten Ecken sahen gerade so aus, als ob schattenhafte Gäste darin saßen und sich herüberbeugten, um einander etwas in’« Ohr zu flüstern. Dort am Kamin stand dicht neben einem großen steifen Brocatsessel eine niedrige Causeuse mit kostbarem gestickten Ueberzug, als ob dieselbe von einem jungen Mädchen an den Stuhl einer freundlichen Matrone gerückt wäre, um mit derselben am traulichen Feuer ein Dämmerstündchen zu verplaudern oder sich Rath von ihr zu erbitten. Hier war ein schwerer, mit dunklem Sammet überzogener Lehnstuhl vor da» Bildniß einer wunderbar schönen Frau geschoben. Mit unwillkürlichem Schauer mußte man daran denken, daß einstmals vielleicht in diesem weichen Polster zurückgelehnt ein Wesen von Fleisch und Blut, das jetzt lange der Kirchhofsrasen deckte, die


