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daß ich nur einen Gedanken hatte: nur wieder hinaus — und wenn sie Alle mich sehen sollten. — All' die Spuk- und Geistergeschichten, die Lisette mir von diesem Zimmer erzählt hatte, kamen mir wieder in den Sinn und in nervöser Angst tastete ich umher nach der Thüre, aber ich mußte eine falsche Richtung genommen haben; plötzlich streifte meine ausgestreckte Hand einen kalten Gegenstand; mit einem Aufschrei prallte ich zurück, dabei glitt ich aus und schlug mit der Stirn so heftig gegen einen Tisch, daß mir das Bewußtsein schwand. Als ich endlich wieder zur Besinnung kam, drangen die Stimmen der Anderen wie durch ■ dicke Gefängnißmauern zu mir. Ich hörte meinen Namen rufen und versuchte zu antworten, aber ein schwerer Alp erstickte meine Stimme.
Nach einiger Zeit hörte das Rufen nach mir auf, verschiedene Thüren gingen auf und zu, dann war Alles still.
So schnell hatten sie es aufgegeben, mich zu suchen — sie hatten mich vergesien! Aber sie sollten, sie mußten mich hören; und gewaltsam richtete ich mich auf; in demselben Augenblicks wurde auf die Thürklinke gedrückt und ein Lichtschein fiel in das Zimmer.
Rodegg trat ein, aber sein bleiches, angstvolles Gesicht erstickte den Freudensausruf, mit dem ich ihm entgegeneilte.
Ich schaute mich um und athmete freier, als ich sah, daß wir Zwei allein waren.
„Ich wußte, ich würde Sie hier finden," Hub Rodegg mit vor Aufregung bebender Stimme an, „was führte Sie hierher? Sind Sie allein?"
„Ja," stammelte ich, „ach, bringen Sie mich fort von hierl Ich habe mich halb tobt geängstigt — Victor ist nicht hier — ich hatte ihn . . ."
Plötzlich erstarb mir das Wort auf den Lippen — ich hatte mein Geheimniß verrathen!
„Besier, er ist fort," entgegnete Rodegg ohne irgend ein Zeichen der Ueberraschung, „er hätte hier nicht länger verborgen bleiben können. Um Ihretwillen will ich wünschen, daß er in Sicherheit ist. Besier, er wäre früher geflohen, ich hätte Ihnen behilflich sein können, aber Sie wollten mir ja nicht vertrauen. Glauben Sie wirklich," fuhr er mit halb bitterem, halb innigem, halb melancholischem Ausdruck fort, „glauben Sie wirklich, ich hätte nicht gewußt, daß Sie ihn in meinem Hause bergen und inmitten sorgloser, lustiger Menschen mehr als Todesqualen litten? — O, Kind," sprach er weiter, indem er seine Hand auf meine Schulter legte und mir in die Augen sah, „ich kenne den Ausdruck dieses Gesichtes besier als mein eigenes. Hätte ich nicht von der ersten Stunde von Doctor Feudlers Ermordung an auf Blanchard Verdacht gehabt, — Ihre Züge hätten es mir verrathen. Und Tag und Nacht habe ich feitdem gearbeitet, um jedwede Spur von ihm abzulenken. — Beruhigen Sie sich — fürchten Sie nichts für ihn; jetzt wird er bereits die Grenze, wo ihm noch Gefahr drohen könnte, hinter sich haben."
Ich brach in bittere Thränen aus; als ob ich, nun Victor gerettet war, keinen Kummer mehr hätte; war es doch erst der Anfang eines Lebens voll tausend solcher Stunden wie diese!
„Armes Kind, es ist ein hartes Loos! Wie gern hätte ich Sie davor bewahrt, wenn ich vermocht hätte."
„Ach, ein mehr als hartes Loos!" schluchzte ich. „Ach, wenn Sie nur wüßten . . -"
„Ich weiß, ich weiß, daß Sie sich in dem Mann, den Sie lieben, getäuscht haben; ich weiß aber auch, daß Sie eben deshalb Ihr Ideal, nun es herabgesunken ist von seinem Piedestal, wenn möglich noch inniger lieben als zuvor- Glauben Sie mir, ich fühle mit Ihnen; solchen Kummer heilt die Zeit, weit mehr ist der Mensch zu beklagen, der ungeliebt und unbeglückt dahinleben und zusehen muß, wie eine unwürdige Hand nach dem Juwel greift, das Jenem den Himmel auf Erden bereiten würde."
„Vielleicht weiß ich das ebenso gut wie Sie," schwebte mir als Antwort auf den Lippen, aber schweigend verbarg ich mein Gesicht in den Händen und wandte mich ab.
Er verstand mich nicht- —
„Warum wollen Sie es so schwer nehmen?" fuhr Rodegg fort. „Ein, zwei Jahre der Trennung sind schnell verflogen, — oder waren Sie nicht aus seine Flucht vorbereitet? Hat er Ihnen nicht Lebewohl gesagt?"
„Nein," sagte ich, froh, für meine Thränen eine Entschuldigung zu haben, „ich ahnte ja nichts von seiner Flucht."
„Aber vielleicht hat er Ihnen einen Brief, einen schriftlichen Gruß zurückgelassen. Sehen Sie, was liegt da — dort auf dem Tisch?"
Hastig, mit bebender Hand, griff ich nach dem kleinen Packet, es trug meine Adresse — ich öffnete es- Ein Brief fiel heraus. Hastig glitten meine Augen über die Zeilen; ich suchte weiter und wickelte aus einem zweiten Papiere etwas, bei deffen Anblick ich den Brief zur Erde fallen ließ und nach dem nächststehenden Stuhle greifen mußte, um mich zu stützen.
„Lesen Sie — ich — ich verstehe nicht," stieß ich abgebrochen hervor.
Zögernd sah er mich einen Moment an, dann las er laut: „Ich versprach Dir Freiheit! — Ja, ich war ein Elender, daß ich Dir dieselbe nicht schon früher gegeben habe. Doch Geduld, wenn Du diese Zeilen liest, ist eine solche Kluft zwischen uns, daß Du sür den Armen, der den Tod nur fürchtete, weil er ihn von Dir trennte, der nur am Leben hing, weil Deine Liebe ihn beglückte, wohl ein wenig Mitleid haben darfst. ~ Soll ich von meiner Liebe zu Dir reden? Soll ich Dir sagen, wie ich nichts mehr wünsche, als Dein Glück? Daß ich Dir die Kälte, die Du mir vergebens zu verbergen suchtest, verzeihe und Dich um Verzeihung bitte für den Kummer, den ich Dir bereitet habe? — Du weißt das Alles bester, viel bester, als ich es Dir in dieser furchtbaren Stunde zu sagen vermag. Vergiß den ganzen schweren Traum und werde wieder glücklich. Aber noch Eins: Soll ich Dir sagen, wem Du Deine Liebe schenktest, westen Namen zu tragen Du versprachst? — Ein guter, alter, edler Name! Frage nur Deinen Wirth, ob es nicht der beste Namen hier in dieser Gegend ist, auf bett jebe Frau stolz sein sollte. Der Name Robegg ist es I Der einzige Name, auf ben ich Anspruch habe. — Bei allem Stolz, ben unser Wirth in seiner Brust trägt, könnte er ihr, bie er einst Schwester genannt, ben alten stolzen Namen, unter beut sie geboren warb, nicht nehmen, als sie zu Schimpf unb Schande herabsank. Ich kann nicht stolz sein auf ben Namen, ben sie mir zum Erbtheil machte- — Wenn unser Wirth bezweifelt, baß ich bie Wahrheit rede, baß bas* selbe Blut in unseren Abern fließt, so zeige ihm nur das einzige Andenken, das ich Dir zurücklasten kann: ein Bildniß meines Vaters. Frage ihn, ob er sich des Geliebten seiner Schwester Marianne erinnert — er wird keine weiteren Be* weise fordern- Sage ihm, daß ein Mörder es der erkaltenden Hand seines Opfers entrang, daß es fein schuldbeladenes Gewissen mit einer seltsamen Scheu erfüllte, daß es ihn schnell seinem Ende zutrieb I Doch wünscht er noch mehr Beweise, so zeige ihm diese zwei Briefe — ben einen habe ich seit Jahren auf bent Herzen getragen, ben anderen fand ich hier in diesem Zimmer in einem vergeffenen Buche.
Gott schütze Dich, und wenn Du kannst, vergib mir.
Victor."
„Ich — ich verstehe nicht — was meint er ? Wohin ist er?" fragte ich erregt, die Hand vor die heiße Stirn prestend; „ich bin so verwirrt, daß ich keinen Gedanken zu fassen vermag. O, schauen Sie nicht so furchtbar drein — es muß ein Jrrthum sein — es muß . . . Sie glauben doch nicht, daß ... daß .. - barmherziger Gott, stehe mir bei!"
Rodegg regte sich nicht, vergebens suchte ich nach Trost in seinen geisterbleichen Zügen.
Von einem plötzlichen Jnstinct ersaßt, griff ich nach dem Licht, warf einen hastigen Blick ringsum, trat an das Bett und schob die Gardine zurück-
Kein Laut drang über meine Lippen, wie zu Stein verwandelt stand ich da und starrte mit gläsernen Augen mw erstarrtem Blute auf die Gestalt vor mir. Da lag er nm der unverkennbaren Blässe des Todes auf dem Gesicht; em
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