rlnt«vh«ltu»gsblatt jimt (Siebener Anzeigev (Gensval-Anzeig«^

Wt. 106

1894.

M>

KOK EZH 44

Dienstag, den 11. September

>

In den Fesseln der Schuld.

Criminal-Novelle von C. Sturm.

(Fortsetzung.)

,... Pohlmann war einige Augenblicke ganz betroffen von den bitteren Vorwürfen, die aus Hilleffens Worten klangen, sagte aber dann est:Ein großer Verlust ist wohl vorhanden, aber auch noch ein ganz bedeutendes Vermögen und der Credit der Central'Commerzbank steht auch noch felsenfest, zumal wenn ein so berühmter Fmanzmann wie Sie, Herr Hilleffen, zweiter Director wird. Wir verstehen uns doch auch bezüglich der uns obliegenden Aufgabe?"

»Wir können uns wenigstens verständigen?" erwiderte Hilleffen kalt lächelnd,denn wie ich schon jetzt die ganzen Ver­hältnisse der Central-Commerzbank übersehe, so ist es nur möglich, durch besonders kühne Speculationen die enormen Verluste wieder auszugleichen."

»Dies ist schon richtig, aber dennoch würde ich verlangen muffen, daß die Speculationen nicht gar zu waghalsig unter, nommen werden dürfen," erklärte Pohlmann.

x "Wenn wir aber nichts Ordentliches wagen, können wir auch nichts Großes gewinnen," bemerkte darauf Hilleffen bitter, und ich kann mir in meiner neuen Stellung als zweiter Director der Central-Commerzbank die Hände" nicht binden

a,m allerwenigsten unter diesen delicaten Umständen. Ich will da lieber auf den mir angetragenen Directorposten gleich heute noch verzichten."

Das dürfen Sie nicht, das können Sie jetzt auch nicht mehr! entgegnete Pohlmann jetzt mit merkwürdiger Festigkeit. ... c "Warum soll ich das nicht mehr können, nicht mehr dürfen?" fuhr jetzt Hilleffen beinahe zornig auf.

,., »Aun, Sie haben doch das Engagement angenommen, lieber Herr," fuhr Pohlmann ruhig fort,und können doch dasselbe nicht im Handherumdrehen wieder aufheben-wollen. Sie sind auch der rechte Mann für uns und kennen auch be­reits so viel von den Verhältnissen der Bank, daß Sie schon gewissermaßen au« Ehrgefühl nicht zurücktreten dürfen."

Reden Sie mir in dieser Lage, in welche Sie mich ge- bracht haben, Herr Director, so viel von Ehrgefühl wie Sie wollen, ich muß dabei doch auch meine Vernunft gebrauchen und bin Ihnen keinen blinden Gehorsam schuldig."

--Wer verlangt von Ihnen blinden Gehorsam, lieber Hilleffen!" rief Pohlmann erstaunt.

Nun, verehrter Herr Director, Sie haben mich erst al« rweiten Direetor der Central-Commerzbank unter glänzenden

i Bedingungen engagirt. Zehn Minuten später erfahre ich aber, daß die Bank sich gar nicht in den guten Verhältnissen befin- det, wie man annehmen konnte. Und da soll ich mich nun fugen, al« wäre e« mein Verhängniß, meine Person, meine Arbeit, meine Ehre und mein Vermögen für die Bank zu opfern, denn wer bürgt für da« Gelingen unserer Specula­tionen, und wie soll das Wagniß endigen, wenn zu den vor­handenen Verlusten neue große Verluste hinzukommen? Und schließlich soll nicht einmal mir, dem man erst da« Vertrauen schenkt, daß er glücklich zu speculiren verstände, gehörige Voll- macht gegeben werden. Wollen oder können Sie mir nicht auf der Stelle versichern, Herr Direetor, daß die Einleitung und Durchführung aller Speculationsgeschäfte einschließlich der Be- theiligung an der Gründung neuer Actien-Gesellschaften meine alleinige Sache in der Leitung der Bank sein soll, so muß ich unter allen Umständen auf die Annahme de« Directorpostens verzichten."

Sie dürfen, Sie werden nicht zurücktreten!" sagte jetzt nochmals mit seltsamer Betonung der Director Pohlmann.

Wollen Sie mir die verlangte Freiheit in meinen Dis­positionen als Ihr Mitdirector zusichern, nun gut, dann werde ich den Posten annehmen, sonst aber nicht," erklärte Hilleffen.

Diese Zusicherung bedauere ich Ihnen als verantwort­licher erster Direetor der Bank nicht geben zu können, aber trotzdem bitte ich, nicht auf Ihrem Rücktritt zu bestehen, denn Sie dürfen, nachdem Sie gewissermaßen schon in das wich­tigste Geheimniß unserer Bank eingewe>ht wurden, nicht mehr zurücktreten."

Ohne Ihre Zusicherung, daß ich als Direetor freie Hand bekomme, lehne ich den Posten dennoch ab."

Pohlmann wurde jetzt einen Augenblick roth vor Zorn und dann nahm sein Gesicht einen häßlichen, bösen Blick an, während er drohend sagte:Wiffen Sie, Herr Hillessen, daß ich ein Mittel habe, Sie zu zwingen, mir nicht zu trotzen und Sie zu nöthigen, den Directorposten auch ohne diese über­triebene Bedingung anzunehmen?"

Erstaunt, ja erschrocken beobachtete Hilleffen die drohende Geberde Pohlmann« und sagte dann scharf:Wollen Sie etwa n meinem Hause Gewaltmittel ggen mich anwenden, Herr Director?"

Fällt mir nicht im Traume ein," rief Pohlmann häß- ich lachend,aber ich will Ihnen gleich klaren Wein ein- chenken. Sie kennen Herrn Commerzienrath Polenz, der Mit- stieb de« Aufsichtrrathes der Landesbank ist. Herr Polenz chätzt nun Ihre finanziellen Talente sehr hoch, Herr Hilleffen, er schreibt Ihnen sogar die größte Begabung zu, wa« scharfer Urtheil, rasche Entschlüsse und schnelles Arbeiten anbetrifft,