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einigten sich die meisten anwesenden Bürger dahin, beim Wahlgange nur Diepenbrock in's Auge zu fasten. Damit verlief sich die Versammlung.
Nun trat Nedde zu dem Nachbar hin und sagte lächelnd: „Nun, wie ifi's, Freund Jan, wir trinken doch eins in guter Freundschaft zusammen?"
Aber da kam er schön an, denn der hitzige Jan van der Bult schrie: „Freundschaft? Nette Freundschaft, wenn man einen solchen Häringsbändiger einem bewährten Manne von Character vorzieht! Gestohlen kannst Du mir werden mit Deiner Freundschaft!"
„Aber Jan," bat nun Nedde, „komme doch zu Dir, ich that nur meine Pflicht und Niemand wünscht Dir zu nahe zu treten."
Doch der erboste Jan unterbrach ihn: „Laßt mich in Ruhe! Ich kenne jetzt die, Schleicher, die Leisegänger und Jn- triguanten in der Bürgerschaft! Ich sage mich los von Dir und das weiß Gott, nie sprech' ich mehr ein Wort mit Dir!"
Da trat der Rector Wollin dazwischen und sagte: „Aber lieber Mann, seien Sie doch nicht so böse; Sie sind wirklich im Unrecht.
„Ach was," brauste er da aber auf, „gehen Sie in die Schule und kümmern Sie sich um Ihre Schüler, aber mich lasten Sie ungeschoren!"
Der alte Herr zuckte die Achseln und ging, Jan van der Bult aber eilte hinüber in sein Haus, wo die beiden Nachbarinnen zusammensaßen, und scheuchte sie auseinander, wie der Habicht die Tauben.
„Daß Du kein Wort mehr redest mit dem Pack!" schrie er. „Hört Jhr's, Afra und Jutta?"
Frau Nedde ging sogleich sehr entrüstet und sagte: „Pack nennt Ihr uns? Na, wartet!"
So war denn die Feindschaft da, die sich immer mehr zuspitzte, als Bult die Pforte, welche bis dahin aus seinem Garten in denjenigen des Freundes geführt, vernageln ließ. Nedde antwortete damit, daß er auf seinem Grund und Boden eine hohe Mauer ziehen ließ, „damit ihm Niemand mehr in sein Eigenthum gaffen könne". Nun ließ Bult ein Brunnenhaus über dem Lauterbrunnen bauen und schloß die Thüre desselben zu, damit der Nachbar kein Master mehr holen könne. Dieser ließ darauf als Repressalie seine Wiese mit einem hohen Zaun umgeben, den er sorgfältig verschlossen hielt, so daß Bult nicht mehr zu seinem Brunnen kommen konnte, es sei denn gewesen, daß er die Stufen bei der Wodanseiche hinabgestiegen wäre. Unstreitig hatte er aber ein Recht auf die Passage über des Nachbars Wiese, deshalb eilte er aus's Gericht und nachdem einmal die Advoeaten die Sache in den Händen hatten, war an eine Versöhnung nicht mehr zu denken. Die Feindschaft zwischen den bisherigen Freunden nahm stets gehässigere Formen an, so daß man von den Bults und Neddels bald nicht mehr anders sprach, als von den „feindlichen Nachbarn". Dazu entschied nun am Ende das Obergericht der Hauptstadt, bis zu welchem der Proceß verschleppt ward, daß der Nedde im Unrecht sei, da auf Grund einer alten Urkunde aus dem vorigen Jahrhundert der Brunnen von dem Großvater Jans gebaut fei und die Familie Bult deshalb in Ansehung eines durch den Brauch gewonnenen Rechtes freien Weg über die Wiese haben müsse. Er ward demnach verurtheilt, einen solchen Herstellen zu lassen und gleichzeitig sämmtliche, sehr beträchtlichen Gerichtskosten zu zahlen.
Dieser ganz unerwartete Urtheilsspruch verbitterte nun das krankhaft aufgeregte Gemüth Neddes vollends, so daß er einen entsetzlichen Schwur that, weder im Leben noch im Sterben wieder einem Mitglieds der Familie van der Bult Gutes erweisen, noch freundlich zu ihm sich stellen zu wollen.
So war denn das Unglück da, unter welchem alle Betheiligten litten, besonders aber die beiden Kinder Erdmann und Jutta. Unter der Wodanseiche trafen sie sich einst. Erdmann reichte sogleich Jutta die Hand: „Bist Du mir auch böse?" fragte er.
«Ich? Dir?" gab sie fast traurig zurück.
»Ich dachte, weil unsere Eltern —"
„Ach, das ist ein großes Unglücks!" jammerte da» Mäd- (Bett altklug.
„Gelt, so bist Du mir gut?"
Sie blickte auf und sagte: „Gewiß, Erdmann, immer und ewig!"
„Bei Wollins können wir uns zuweilen sehen!" meinte er schlau.
„O ja, wenn Du willst!"
Aber da rief schon Jan van der Bult: „Jutta, Jutta, wo steckst Du? Wirst Du sogleich kommen?"
„Leb' wohl!" rief sie und sprang die Stufen hinunter; Nachbar Nedde aber empfing seinen Erdmann gar mit einer gehörigen Züchtigung, die ihm um so empfindlicher ward, als Jutta Zeugin derselben war.
Es ist eine alte Wahrheit, daß Liebe und Haß auf einem Boden wachsen und daß letzterer um so heftiger wird, je größer vorher die Liebe war. Bei den „feindlichen Nachbarn" bewahrheitete sich dieses Wort aus's Klärlichste.
Doch unser Herrgott weiß immer, wenn es am besten Zeit ist, uns zu züchtigen, daß wir uns nicht überheben und die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
So fuhr auch seine Hand diesmal zwischen die Streitenden, denn Frau Afra van der Bult erlag dem „Aerger" und starb nicht lange darnach am Fieber. Das war für Jan ein harter Schlag, aber er verspürte Gottes Mahnruf nicht in seinem Herzen, sondern blieb störrig wie bisher. Herr Nedde machte es nicht anders, denn er erwies der bisherigen Freun- bin nicht einmal die letzte Ehre.
Das war denn doch zuletzt auch dem alten, würdigen Oberpfarrer Gefenius zu viel. Er ging nach der Beerdigung der Frau Afra zu Nedde und hielt ihm fein Unrecht vor. Als er im besten Zuge war und von Gottes Gnade und Barmherzigkeit redete, der feine Sonne über Böse und Gute scheinen läßt und auf den Schalksknecht hinwies, fuhr ihn der sonst so stille Mann wie wüthend an: „Wer hat denn den Streit vom Zaune gebrochen? Ich oder er? Und mir wollen Sie Moral predigen? Weil mich dieser Mensch halb zu Tode geärgert hat, soll ich ihm auch die Hand noch küssen? Nein und tausendmal nein, jnie will ich wieder mit ihm freundlich werden! Adieu!"
Darauf ging er in das Nebenzimmer und ließ den Herrn Pfarrer stehen.
Dieser schüttelte den Kopf, wandte sich nun aber an Frau Nedde. Doch diese meinte kühl bis an's Herz hinan, was sie denn bei dem Streite thun könne, wenn sie den Hausfrieden aufrecht erhalten wolle?
Darauf verschwand sie ebenfalls und der Herr Pfarrer mußte sich zum Rückzüge entschließen, den er auch mit schwerem Herzen antrat.
Der arme Erdmann, welcher Alles mit angehört, hätte weinen mögen; als er sich aber besonnen, flüsterte er: „Und ich versöhne sie doch wieder!"
Nachbar Bult nahm sich jetzt eine Verwandte in's Haus, Jutta aber ließ er zu Ostern confirmiren und schickte sie dann bei Nacht und Nebel auf ein Gut, wo sie die Wirthschaft erlernen sollte und „damit sie dem Rangen, dem Erdmann, aus den Augen komme". Das wäre nun wohl gar nicht nöthig gewesen, denn Nedde, dessen Erdmann schon ein Jahr früher die Schule verlassen hatte und diese Zeit über nur noch Privatunterricht zur Vervollkommung seines Wissens genommen, wobei er ein bedeutendes Zeichentalent verrathen hatte, wurde zu einem geschickten Bildhauer, Luigi Luchesini, nach der Hauptstadt in die Lehre gegeben.
Erdmann nahm von Ebert Wollin herzlichen Abschied. Als die Beiden allein waren, flüsterte der erstere: „Ebert, willst Du mir einen Gefallen thun?"
„Gern!"
lält!"^o f°r^e einmal nach, wo sich die arme Jutta auf- „Hoho, Erdmann! Also doch?"
„Ei," entgegnete der Jüngling nun, „sei doch stille!"


