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1894.

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Samstag, den 11. August.

Gottes Finger.

Erzählung von C. von Falkenberg.

------- (Nachdruck verboten.)

Von der Höhe der Waldberge zog sich die besonders gut gehaltene Landstraße allmählig in die Tiefe hinab, bis der Wanderer eine Steinbrücke überschritt, deren Geländer weit­scheinend in den Landesfarben prangte. Dieses Bauwerk über­brückte die Lauter, ein klares Bächlein, welches ebenfalls von der Höhe kommend, sich durch eine Thalrinne im Bogen ab­wärts zog und nun durch das mit Wiesen und Ackerland ge­segnete Lauterthal ruhig dahinfloß. Ihm zur Seite war das schmucke Ackerstädtchen gleichen Namens aufgebaut, dessen Rein­lichkeit und reizende Lage sogleich in's Auge fiel. Schon bei der Brücke begann die Hauptstraße, an deren Ende sich sodann die Chaussee mit Pappeln links und rechts fortsetzte. Die Häuserreihen waren in der Mitte dieser Straßen durchbrochen. Hier stand an der einen Seite die schmucke Pfarrkirche auf einem freien Platze, umgeben von dem mit weißschimmernden Kreuzen und dunklen Trauerweiden geschmückten Kirchhofe, während an der entgegengesetzten Seite das Rathhaus seinen Platz gefunden. Gleich hinter der Kirche lagen zwei große, schöne, fast neue Häuser nebeneinander, an deren einem ein Schild die Inschrift enthielt:Lederfabrik von Jan van der Bult", während an dem andern zu lesen war:Gerhard Redde, Tuchfabrikant".

Gegenüber lag das größte Gasthaus der Stadt, derHof zur Sonne". Wer er wissen wollte, konnte es von dem be­leibten Gastwirth erfahren, daß die Vorfahren der beiden Nach­barn drüben Niederländer gewesen, die einst nach Deutschland eingewandert feien, wo sie durch den bekannten holländischen Fleiß etwas vor sich gebracht, so daß ihre Enkel hätten vor zehn Jahren die beiden schönen Häuser bauen können. An beide Besitzungen lehnten sich nach hinten hinaus große Neben­gebäude und an diese Gärten- Hinter dem Bult'schen Grund­stücke befand sich noch ein sogenannter Lohhof, der bis an den Höhenzug reichte, welcher hier jäh zum Lauterthal abfiel; hinter dem Nedde'schen Garten aber breitete sich eine kleine Wiese aus, die bis an den Fuß der Höhe reichte, auf welcher oben eine uralte Eiche, die Wodanseiche genannt, über das Thal hinwegschauend stand. Stufen, die eine geschickte Hand einst in den Sandstein gemeißelt, führten hinauf; ein großer Granitblock lag als Ruhesitz darunter gewälzt neben dem Stamme; die Sage ging, es sei ein Opferstein, auf dem man einst Wodan geopfert habe. Neben den Stufen, nahe dem Bult'schen Lohhofe, war der Sandstein tief ausgehöhlt und

hier entsprang als wunderbares Spiel der Natur eine reine Quelle, der Lauterbrunnen, welcher in ein Bassin gefaßt, sein Wasser in den Graben abgab, der durch den Lohhof führte, von welchem er hinter dem Kirchhof herumgeleitet, sich in den Lauterbach ergoß. Dieser Brunnen wurde seit undenklichen Zeiten von den beiden befreundeten Familien Bult und Nedde gemeinschaftlich benutzt, und nie hatte die eine oder die andere besondere Rechte auf diese nothwendigste Spende der Natur, auf das Trinkwasser, geltend gemacht.

Der Lederfabrikant Jan van der Bult war ein starker, rüstiger, sehr belesener Mann, der wegen seiner Wohlhabenheit und sprüchwörtlichen Redlichkeit allgemein geachtet ward. Seine Gattin, Frau Afra, war ihm ebenbürtig, und Beider größtes und einziges Glück war Jutta, ihre dreizehnjährige Tochter. Gerhard Nedde dagegen war ein schwacher, oft kranker Mann, der immer hüstelte. Er war der beste Freund des Nachbars und in mancher Beziehung weitsehender, wenn auch weniger beredt. Frau Gertrud, sein Weib, war die klügste Frau der Stadt; sein einziger Sohn Erdmann berechtigte in der Schule zu den schönsten Hoffnungen. Erdmann und Jutta wuchsen mitsammen auf und waren unzertrennlich; der dritte im Bunde war gewöhnlich Ebert Wollin, der Sohn des Rectors, ein braver Junge, der ost scherzend meinte:Na, Du, Jutta, und Du, Erdmann, Ihr werdet gewiß später mal ein Paar!"

Da erröthete Jutta und Erdmann sagte:Willst Du wohl schweigen? Wer kann an so etwas denken? Wir sind ja noch Kinder!"

Aber auch die Eltern der Beiden dachten so, denn wie hätte es auch anders kommen sollen? Die beiden Familien waren ja so innig befreundet, daß ihre Vereinigung durch eine Verheirathung der Kinder sehr nahe lag.

Da drohte ein unangenehmes Ereigniß dieses schöne Ver- hältniß zu zerstören.

Herr Jan war nicht ohne Ehrgeiz. Es sollte ein neuer Rathmann gewählt werden und für den Posten waren zwei Candidaten aufgestellt: van der Bult und der Kaufmann Diepenbrock. Nedde glaubte nun, dem letzteren seine Stimme geben zu müssen, da derselbe als weitgereister Mann tiefere Einsichten über das Wohl der Stadt haben müsse, als der einfachere Nachbar. t

In dem Gasthofezur Sonne" fand wegen dieser Wahl eine Bürgerversammlung statt und hier war es auch, wo der Streit zum Ausbruch kam. Dann, nachdem Nedde feine An­sicht über die Sache vorgetragen, offen und ehrlich, und der Rector Wollin als gewandter Redner in glänzender Aussüh- rung dargethan, daß sein Vorredner vollkommen Recht habe und deshalb vor einer Zersplitterung der Stimmen warnte,