16
Hatten die Flammen das gelbe Atlaskleid erfaßt? Waren die geschmeidigen jungen Glieder, Alles, Alles ein Raub derselben geworden und hatte er nur geträumt, daß er sie gerettet? — War Alle« nur ein Traumbild gewesen? Auch das himmelblau draperirte Schlafzimmer, in welchem sie auf dem FuKboden gelegen, starr und regungslos, — als er aber ihren Namen gerufen, da habe sie die braunen Kinderaugen aufgeschlagen und als er darin mit ihr auf der Fensterbrüstung gestanden, habe sie geflüstert: „Sie sind es! Sie retten mich!" Ach, sie habe doch daraus ersehen müssen, daß nur heißes Lieben ihn dazu getrieben! Aber sie liebe ihn wohl nicht wieder, sonst wäre sie doch wohl ein einziges Mal an sein Schmerzenslager gekommen und hätte die kleine, weiche Hand auf seine Stirn gelegt-
Die Wärterin hörte alle diese Reden des im Fieber phan- tasirenden Assessors gleichgiltig mit an, während sie mit geschickter, aber wenig liebloser Hand Compressen auf den erhitzten Kopf des Kranken legte, bis die fieberheißen Lippen verstummten und er müde in die Kissen sank.
(Fortsetzung folgt.)
Rmjahrsgaben deutscher Lyriker.
------- (Nachdruck verboten.)
Dr. M. Im Buchhandel trägt der Weihnachtsmarkt ein ganz besonderes Gepräge. Eine große Reihe populärer Schriftsteller hatte und hat die Gepflogenheit, just um die Jahreswende mit einer neuen Gabe zu erscheinen. Georg Ebers, Ernst Eckstein, Rudolf Barmbach, Jul- Wolff, Felix Dahn, die Heimburg rc. rc. fehlen selten, wenn es gilt, den Weihnachts- tisch zu rüsten und zum „Guten" den „Glanz und Schimmer" zu fügen. Die Bücher, welche um diese Zeit htnauskommen, zerfallen in zwei große Klassen, von welchen die eine in unmittelbarer Beziehung zum Fest steht und die Geschenkliteratur im engeren Sinne ergibt, während die andere sich an das Datum nur äußerlich, aus praktischen Gründen, anlehnt und eben so gut in eine andere Saison hineinpassen würde-
Aus dieser hebt sich nun aber eine kleine Kategorie heraus, die Neujahrspoeste im höheren Sinne heißen sollte, denn sie enthält wirklich etwas Neues, die Ansätze und Keime zu neuen Gebilden. Es ist jedenfalls höchst beachtenswerth, daß die Zeit des Dampfes und der Schienen, welche man so oft der Vernachlässigung der idealen Güter des Leben« beschulvigt, gerade auf dem Gebiet der reinen StimmungSpoeste, der Lyrik, reicher an solchen Neubildungen ist, als irgend ein Jahrzehnt nach Goethes Tooe- Wir sind in Deutschland glücklicherweise noch nicht so weit zurückgeschritten wie jener amerikanische Redac» teur, der sich in seinem Büreau einen Füllofen hielt, der nach außen hin die Form eines „Briefkasten" zeigte mit der Aufschrift: „Alle Sendungen, enthaltend lyrische Gedichte, sind hier hineinzuwerfen I"
Um die Publikation moderner Lyrik machen sich renom- mitte Münchener und Berliner Verlagsfirmen ganz besonders verdient. Da ist z. B. der Kunst« und Literaturverlag von Dr. E. Albert & Co-, der durch die Herausgabe des „Modernen Musen-Almanachs" den Blick auf da« vielgestaltige Leben im deutschen Sängerhain mit Nachdruck hinlenkt. In diesem Jahrbuch deutscher Kanst, das eine Palaestra Musarum der aufsteigenden künstlerischen Generation sein will, geben sich Leute der verschiedensten Richtungen ein Stelldichein. Neben den Realisten Holz, Schlaf, Scharf findet sich die phantasievolle Hermine v. Preuschen-Telmann (Rom) und die hochgeniale Marie Janitschek (Leipzig), zwei weibliche Schriftsteller, die auch bereits als Novellisten von sich reden machen. Den Originalbeiträgen der hervorragendsten Vertreter des modernen deutschen Schriftthums sind theilweise Autoren- portraits beigegeben. Absichtlich hat sich die Verlagsanstalt
jeder eigenen Kritik enthalten und überläßt die Kunst des Scheidens und Schätzens dem Recensenten.
Als Neuheiten, nicht der Jahreszahl, sondern dem Inhalte nach müssen zwei im gleichen Verlage erschienene Bändchen Lyrik begrüßt werden: „Drachenhort" von Engelbert Albrecht und „Im Sommer sturm" von Arthur von Wallpach. Die Albrechtffchen Gedichte bleiben ihrem Titel treu; der Gedanken- und Gefühlsschatz, den sie zu Tage fördern, besteht in Quarz, Kohlen, Erz und Glimmer In der Abtheilung „Glimmer" strömt von den Liedern „Waldweihnacht", „St. Nikolaus", „Schneewittchen" der richtige Märchen« zauber aus.
Arthur von Wallpach veranschaulicht uns in seinem Liederbuch den Gährungs- und gleichzeitig auch den Klärungs« proceß seiner inneren Menschen.
„Wer uns das Längstbekannte nicht
Mit seinem Herzblut neu belebt Und so vom Niegeahnten spricht, Daß jedes Hörers Herz erbebt; Wer an sich selbst gezweifelt nie, Wer nie ein Halbgott sich gefühlt: Der kennt dich nicht, o Poesie, Noch rote dein Lorbeer brennt und kühlt."
Es ist etwas Klares, Großes und Zielbewußter in den Wallpachtffchen Gedichten; diese Lyrik umspannt weite Horizonte; ihr Programm lautet:
„Der Lebenslust klingt meine Weise, Dem Bacchanal der Leidenschaft. Kampf wider alles Schlechte, Greise, Und freie Bahn der jungen Kraft! Heut' gilt es, jeden Mann zu stellen Zum Dienst der großen, künft'gen Zeit, D'rum fecht' im Heer ich der Rebellen Im Sommersturm der Männlichkeit!"
Ludwig Scharfs „Lieder eines Menschen", die viel Faustisches und Prometheisches im Licht moderner Weltanschauung enthalten, die „Erlösungen" von Richard Dehmel, eine Seelenwandlung in Gedichten und Sprüchen, die „Erlebten Gedichte" von Otto Julius Bierbaum, die seelische Gesundheit in vollem Maße ausstrahlenden „Lieder der Waldfrau" von Heriberta von Poschinger muß man lesen, um zu erfahren, welche Voll- und Halbtöne dar neue Jahr im Reich der Lyrik an kündigen.
Vermischtes.
Die Hausschuhe des Emporkömmlings. Herr von Cohnheim hat sich ein Schloß gekauft. Am ersten Abend ruft er seinem Dienstmädchen zu: „Auguste, bringen Se mer meine Palastschuhe!" ♦ *
Kundmachung. Im Markte Katzenbuckel ist das Gasthaus zur „blauen Blunzen" auf weitere sechs Jahre zu verpachten. Der Pächter hat das Recht, Gäste zu beherbergen, zu schlachten und zu speisen.
ch * ♦
Aus dem Concept gebracht. Kurzsichtiger Festredner: „Meine Herren! Unser hochberühmter, mir gegenüber sitzender Freund ..." — Stimme: „Ist ja gar nicht mehr anwesend!" — „Donnerwetter! Wo ist denn der Schafskopf wieder hin!"
* * ♦
Eine boshafte Freundin. Erstes Fräulein: „Gestern Abend, als es stark regnete, waren es doch nicht weniger als drei Herren, die mich begleiten wollten!" — Zweites Fräulein: „Da hattest Du gewiß wieder Euren großen Familienschirm bei Dir!"
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


