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eine zitternde Mädchengestalt brach sich, trotzdem man sie zurück» zuhalten suchte, Bahn durch die Menge. Mit einem dumpfen Schmerzensschrei warf sie sich an der Bahre nieder, faßte eine der herabhängenden leblosen Hände Borns und über sein tobt* bleiches, entstelltes Antlitz flog es wie ein schwacher Strahl des Lebens. Die jetzt wieder hell emporlodernden Flammen warfen grelle, unheimliche Lichter auf die Gruppe, auf das spitzenbesetzte Ballkleid Doras, an welchem das aufgelöste, dunkle Haar in langen Strähnen herunterfiel, und auf die wie leblos vom Blut überströmte Männergestalt.
„Weiter!" befahl jetzt der Doctor. „Geschehene Dinge sind nun einmal nicht zu ändern, Fräulein Dora, und will's Gott, erhalten wir auch Diesem hier das Leben, wenn auch," — er verstummte plötzlich und ein schmerzliches Zucken flog über sein Antlitz, als sein trauriger Blick über die noch vor wenigen Minuten so kräftige, jugendfrische Gestalt Borns irrte, die, wenn überhaupt Rettung möglich, doch zeitlebens verkrüppelt bleiben würde.
Auf der Brandstätte wurde es jetzt allgemach ruhiger. Gegen Morgen war man endlich des Feuers Herr geworden. Die helle Sonne, die Alles mit glänzendem Lichte umwob, ließ die schaurigen Bilder der Nacht fast wie wüste Träume erscheinen. Einzelne Mauerreste standen noch, auch ein Stück des hohen Giebels mit dem Fenster, an welchem Dora in der Nacht in ihrer Todesangst gestanden und ihren Schmuck heruntergeworfen hatte, nach welchem wohl jetzt die Menschen, die da mit gierigen Blicken in Schutt und Asche wühlten, suchten. '
Ein altes, zerlumpt aussehende» Weib stand in einiger Entfernung und sah diesem Suchen hohnlächelnd zu; sie hatte den Schmuck schon in der Nacht, als Aller Blicke auf die Schreckensscenen gerichtet waren, in Sicherheit gebracht und freute sich jetzt ihrer Schlauheit.
Einzelne Gruppen müßiger Menschen standen zusammen und ergingen sich in Vermuthungen über die Entstehung des Feuers. Es sollte durch die Nachlässigkeit eines Arbeitsmannes des Herrn Schmidt in den unteren Räumen des Hauses, wo die Waarenlager waren, entstanden sein. Man beklagte übri- gen» die davon Betroffenen nicht sonderlich. Den eisernen Geldschrank hatte man ja glücklich aus dem Hause herausbringen sehen und überdies war ja Alles sehr hoch versichert gewesen.
Auch dem kleinen Fräulein Dora sollte ja der Schreck lmd die Todesangst ganz gut bekommen sein. Am masten zu beklagen sei aber jedenfalls der arme, junge Herr Assessor, der sie gerettet und der wohl schwerlich mit dem Leben davonkommen werde, man habe ihn ja ganz und gar zerschmettert davongetragen.
Schließlich berichtete jeder Einzelne mit vieler Weitschweifigkeit, wie das Feuer ihn aus süßen Träumen geweckt, wie man sich beinahe zu Tode erschrocken, da es ja in der nächsten Nähe gewesen und so weiter-
Jetzt erschien auch der alte Herr Schmidt wieder auf der Brandstätte und ordnete den Transport der geretteten Möbel an, die er nach einem ihm gehörenden Landhaus vor der Stadt bringen ließ, in welchem man sich vorläufig wohnlich einrichten wollte. Am Nachmittag war Alles soweit dort fertig, daß er seine Frau und Dora, die sich unterdeß bei einer befreundeten Familie aufgehalten, in das neue Heim führen konnte.
„Ich denke, wir werden es eine Weile hier aushalten, bis sich eine paffende Wohnung für uns in der Stadt gefunden," sagte Herr Schmidt, als er mit den beiden Damen durch den Vorgarten des Landhauses ging. Dabei streifte sein Blick forschend das blaffe Antlitz Doras, die auf dem ganzen Weg noch kein Wort gesprochen hatte. Jetzt sah sie zu ihm auf.
„Wie geht es ihm, meinem hochherzigen Retter, Onkel?" fragte sie mit bebender Stimme. „Was hast Du für Nachrichten eingezogen?"
„O, es ist furchtbar, furchtbar!"
Heiße Thränen stürzten aus Doras Augen, die sie in Gegenwart fremder Menschen gewaltsam zurückgehalten.
„Sr wird am Leben erhalten bleiben, versicherte mir der
Doctor Braun," erwiderte Herr Schmidt tröstend, aber doch mit sehr trauriger Miene.
„Aber welch' einem elenden Leben," wehklagte Dora und rang die Hände, „ein Krüppel wird er bleiben, die schöne, kräftige Gestalt elend verstümmelt und das Alles um mich. Warum ließ er mich nicht sterben, nun wäre Alles vorüber und ich wäre mit meiner guten Mama vereint!"
„Versündige Dich nicht, Dora! " sagte jetzt die Tante vorwurfsvoll. „Es ist Gottes Wille gewesen, daß Du wie durch ein Wunder gerettest wurdest!"
Dora nickte und sagte demüthig: „Ja, ich lag auf den Knieen und bat und flehte um Errettung, es dünkte mir furchtbar, so jung zu sterben, hinweggenowmen zu werden aus dem vollen, reichen Leben und nun dünkt mir dieses geschenkte Leben unerträglich, da ein Anderer um mich leidet und gerade er! Er! Wäre es ein armer Mann gewesen, da könnte man ja mit Geld Vieles gut machen. Aber dem Herrn Assessor Born, diesem edlen, hochgebildeten Mann, vermag ich armseliges Ding nichts für seine Heldenthat zu bieten."
„Nun, nur nicht so verzweifelt geurtheilt, vielleicht kannst Du doch einmal Deine Schuld ihm gegenüber abtragen," sagte der Onkel zögernd und strich liebkose- d über den dunklen Scheitel des jungen Mädchens.
Dora erwiderte nichts, sie verstand wohl, worauf der Onkel hinzielte. Ach, er wußte ja nicht, daß sie sich dieses Rechts auf ewig verlustig gemacht. Born würde nie die bittende Frage, die sie einst in solcher beleidigenden Weise zurückgewiesen, wiederholen. Jetzt gewiß nicht, wo es wie ein Recht aussah, was er beanspruchen konnte. Und sie? Und Dora würde schwerlich je den Muth haben, das erlösende Wort für sie Beide zu sprechen. Ach, vielleicht verlangte er auch nicht, es zu hören, vielleicht hatte er sie» nur gerettet, um sie in ihren haltlosen Anschauungen über Mannesmuth und Manneswürde aus's Tiefste zu demüthigen. —
Trostlose Tage kamen jetzt für Dora. Wie eine Ver- fehmte, wie eine Geächtete erschien sie sich, wenn die spähenden Blicke der Menschen auf ihr ruhten und man ohne alles Zartgefühl in ihrer Gegenwart von dem Assessor Born sprach, feine kühne Rettungsthat pries und dann sein Schicksal auf's Tiefste beklagte. Sein Leben, hieß es, wäre immer noch gefährdet, Aerzte und ein berühmter Operateur waren aus der Residenz berufen, wo man, da seine heroische That in allen Zeitungen gestanden, sogar in den höchsten Kreisen Interesse uno Thnl- nahme für ihn gezeigt. — Das Alles wurde Dora natürlich mit der größten Weitschweifigkeit mitgetheilt.
„Er erntet Ruhm und Bewunderung," sagte sie sich trübe, „und ich Schmach und Hohn."
Centnerschwer lastete das Unglück ihres Retters auf ihrer Seele, wie ein nie zu sühnendes Schuldbewußtsein.
In den ersten Tagen nach dem Brande war Dora in ihrer Unruhe und Aufregung nach dem Hause des Doctors geeilt und hatte dort ihre schwachen Kräfte zur Pflege bt§ Kranken angeboten, war aber von dem Doctor, wenn auch gütig, aber doch sehr bestimmt zurückgewiesen worden.
„Sie taugen nicht dazu, Fräulein Dora," hatte er gesagt, „ich habe eine erprobte Krankenpflegerin engagirt, deren Hände fest und sicher sind, die nicht zittert und aufschreit, wenn ein Schnitt in's Fleisch gemacht wird, wie solche Dämchen wie S ie es zu thun pflegen. Sie wurden ja ohnmächtig, als ich Ihren Herrn Onkel vor einiger Zeit Ader ließ. Freilich könnte ich es Ihnen nicht wehren, wenn der Herr Assessor Ihnen näherstände, wenn Sie mit dem Recht einer Braut —"
„Nein, nein!" hatte ihn da Dora mit glühend-rothem Antlitz unterbrochen und war dann eilends hinweggeeilt au« dem Haufe, in welchem Born sich in den heftigsten Schmerzen auf feinem Lager hin und her warf und in seinen Fleberphantasien die harte, schwere Hand seiner Pflegerin von sich stieß und nach einer anderen, weicheren Hand verlangte, die rosige Haideblumen zwischen den Fingern hielt und dann fortwährend nach der schlanken, leichten Mädchengestalt fragte, die er doch in den Armen gehalten.
Warum kam sie nicht? War sie dennoch verbrannt?


