Donnerstag, den 11. Januar.
1894.
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NntevhaltLingsblatt zriin GZetzensv Anzeiger (Genernl-Anzeiger)
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Bekehrt.
Novelle von F. S t ö ck e r t.
(Fortsetzung.)
Dora erhob sich und lieb sich von der Garderobiere in ihren Mantel hüllen, dann bat sie dieselbe, der Frau Apotheker zu sagen, daß sie gegangen, da ihr nicht ganz wohl sei.
Die Tanzmusik schallte noch verlockend in Doras Ohren, als sie schon auf der nachtstillen Straße stand und je weiter sie ging, je melancholischer schienen ihr die heiteren Weisen zu klingen. Dann war Alles still um sie, denn kein Ton vom Ballsaal erreichte ihr Ohr; trübe flackerten die Gaslaternen und die alten Giebelhäuser schienen riesenhaft in's Unendliche emporzuragen. Dora war von Natur durchaus nicht furchtsam, aber heute auf diesem nächtlichen Weg erfaßte es sie einigemal mit kaltem Grausen, wie die Ahnung von irgend etwas Schrecklichem, was die nächsten Stunden bringen mußten. Auch, als sie ihr Ziel erreicht und die eichenen Thüren des alten Kaufmannshauses sich hinter ihr schloffen, verließ sie das beklemmende Gefühl nicht. Langsam stieg sie, mit dem Licht in der Hand, die hölzerne Wendeltreppe herauf; das kunstvolle Schnitzwerk an derselben warf gespensterhafte Schatten auf die weißen Wände des Flurs. Etwas erleichtert athmete sie auf, als sie in ihr Zimmer trat, das beim matten Schein der Lampe einen so traulichen Eindruck machte. Einige Spätrosen, die zierlich geordnet in einer alterthümlichen Vase auf dem Tisch standen, verbreiteten süßen Duft und erinnerten fast an schwüle Sommernächte mit Nachtigallgesang und Mondesglanz. Dora hatte sich auf einen niedrigen Lehnsessel gesetzt und ließ die bunten, bewegten Bilder des Abends noch einmal an ihrem Geist vorüberziehen, sie wiederholte sich die beleidigenden Worte, die Born zu ihr gesprochen? und gestand sich kummervoll, daß sie nichts Besseres verdient. Nach und nach gestaltete sich Alles in ihrem Kopfe zu wirren Traumbildern, die müden Augen fielen ihr zu, der lange Spaziergang am Nachmittag, dann der Ball, das Tanzen und die Aufregung hatten die Kräfte Doras erschöpft und ein wohlthuender Schlaf bannte dieselbe bald in süße Ruhe.
Dora hörte deshalb nicht das leise, eigenthümliche Knistern, das von unten herauf kam, bemerkte nicht, wie durch die Dielen j und von dem Saal draußen Rauchwolken sich langsam im Zimmer verbreiteten. Auch die Sturmglocke, die jetzt plötzlich ertönte, und der Lärm und das Feuergeschrei drang nicht an das Ohr der Schlafenden. Da züngelte plötzlich eine Helle Flamme von der Außenwand des Saales in das Zimmer
Doras und erfaßte die Portieren an der Stubenthür, augenblicklich standen dieselben in Hellen Flammen, der Feuerschein fiel grell in Doras Antlitz, sie erwachte und die schlaftrunkenen Augen blickten verwundert empor.
Einen Moment war Dora wie gelähmt vor Schrecken und Entsetzen, dann stürzte sie an das Fenster und öffnete dasselbe, da Rauch und Qualm schon das ganze Zimmer erfüllten. Kopf an Kopf gedrängt stand dort unter ihr eine Menschenmenge, Möbel und Betten waren schon aus den unteren Räumen des Hauses heraus auf die Straße gebracht und einige Spritzen sandten ihre Wasserstrahlen in das brennende Haus, in welchem Niemand mehr zu sein schien. Voll Todesangst eilte Dora jetzt nach dem Saal, um vielleicht die Treppe noch zu erreichen, dieselbe stand jedoch in Flammen, so daß Dora entsetzt wieder in das Zimmer flüchtete. In das anstoßende Schlafgemach war der Rauch bis jetzt noch weniger eingedrungen, mit einem schwachen Hoffnungsstrahl begab sich das junge Mädchen dorthin. Sie hoffte inzwischen, daß die Spritzen das Feuer bewältigen, denn der Gedanke, daß ihr Leben wirklich gefährdet, schien ihr trotz der sichtlichen großen Gefahr unfaßbar, Rettung mußte ihr doch jeden Augenblick werden, standen dort unten auf der Straße doch Hunderte von Menschen. Aber warum geschah nur immer noch nichts für das junge Mädchen, warum regte sich noch keine Hand zu ihrer Rettung? Entsetzliche Se« cunden durchlebte Dora jetzt. Niemand schien wegen des Qualms sie oben an dem offenen Fenster zu bemerken, auch ihr Hilferuf verhallte ungehört in dem Geschrei der Menge und dem Lärm krachender Balken und Steine, die von dem brennenden Hause herunterstürzten.
Verzweiflungsvoll sank Dora auf ihre Kniee. „Gott, großer Gott im Himmel!" rief sie mit bebender Stimue; ‘ „laß mich hier in diesem Flammenmeere nicht elend umkommen! Barmherziger Gott, rette mich vom Tode!"
Als Antwort auf ihr Flehen schlug eine Flamme jetzt hell in das Zimmer; und mit einem gellenden Schrei der Todesangst sprang sie wieder an das Fenster. Man schien sie jetzt endlich von unten zu bemerken. Rufe des Schreckens und Entsetzens drangen herauf zu ihr. Ihr Onkel, der mit Energie und Umsicht bis jetzt das Löschen der Feuersbrunst geleitet und seine Nichte noch auf dem Balle wähnte, stand plötzlich wie erstarrt, mit weit aufgerissenen Augen zu ihr emporblickend.
„Dora! Du! Du! Nein, es kann ja nicht sein, sie war ja noch nicht vom Ball zurück!"
„Ich bin es, Onkel, ich bin es!" jammerte aber Dora zurück und beseitigte so jeden Zweifel- „Um Gottes willen, Onkel, schaffe Hilfe! Hilfe!"
Rathlos lief der alte Mann hin und her, die Leitern, die


