an. Derselbe stützte einen zweiten Mann, denselben, welcher in meinem Wagen liegt; es schien mir, als sei dieser Letztere unwohl oder berauscht, trotzdem er wie ein Cavalier gekleidet war. Der Herr, welcher mich angerufen, trug einen licht­braunen offenen Oberrock. Ich fragte, ob er den Kranken kenne, worauf er erwiderte, daß er ihn aus Mitleid vom Pflaster aufgelesen habe, daun aber, als er ihm in's Gesicht sah, sagte er leichthin:Ah, der ist's!" und entfernte sich wieder. Der Stütze beraubt, war der Zurückbleibende zu Boden gefallen und stammelte jetzt:Ich will nach Hause Ltechtensteinstraße." Ich stieg rasch vom Bocke und es gelang mir nach einiger Mühe, den Kranken in den Wagen zu bringen, wo er auf den Sitz zurückfiel. Als ich im Begriffe war, davonzufahren, bemerkte ich wiederum den Herrn mit dem lichten Ueberzieher in meiner Nähe. Er meinte auf meine ver­wunderte Frage, daß er doch zurückgekehrt sei: er hätte sich entschloffen, seinen Bekannten selbst nach Hause zu schaffen, und gab mir als Ziel den oberen Theil der Liechtensteinstraße an. Bei der Alsbachstraße erhielt ich das Zeichen zum Halten. Der Herr stieg wieder aus und sagte:Er will nicht, daß ich ihn begleite, fahren Sie weiter ich glaube Liechtenstein- straße Nr. 121 oder 123, ich weiß es nicht ganz genau, er wird das Haus schon erkennen/ Darauf bezahlte er mich, trat noch einmal an das Wagenfenster und rief:Gute Nacht!" Dann zuckte er die Achseln, murmelte etwas vonganz be­rauscht", zündete eine Cigarette an und entfernte sich gegen die innere Stadt zu. Ich fuhr in die angegebene Richtung, machte bei Nr. 121 Halt und öffnete den Wagenschlag. Der Herr saß zurückgelehnt und hatte das Gesicht zum Theil mit einem Tuche bedeckt. Als ich ihn wecken wollte, fiel er nach vorwärts und ich sah zu meinem Entsetzen, daß der Mann tobt sei. Soweit die Erzählung des Kutschers. Der Polizei- arzt, welcher den eingetretenen Tod des Unbekannten constatirte, erklärt, daß hier offenbar ein Verbrechen vorliege, da das Tuch, mit welchem das Gesicht des Leichnams theilweise bedeckt gewesen ist, mit Chloroform getränkt sei.

Der Unbekannte ist von mittlerer Größe und dunkler Hautfarbe. Die Wäsche ist nicht gezeichnet. Legitimations­papiere oder sonstige Anhaltspunkte zur Feststellung der Iden­tität wurden nicht vorgefunden. Das Taschentuch zeigt die Initialen 0. W., aber man weiß nicht, ob es dem Mörder oder seinem Opfer gehört. Außerdem nahm die Polizei in Verwahrung: 22 fl. in Papier und Scheidemünze, eine Cigarettentasche aus Leder mit mehreren Cigaretten und einen taubengrauen Glacehandschuh, ziemlich beschmutzt, mit schwarzer Tambourirung, für die linke Hand.

Die Untersuchung wird seitens der Polizei mit größtem Eifer geleitet und es wird hoffentlich bald gelingen, dieses ge- heimnißvolle Ereigniß aufzuklären."

Am nächsten Tage erschien ein weiterer Bericht folgenden Inhalts:

Gestern meldete sich der Fiakerkutscher Nr. 783 bei der Polizeidirection und gab an, daß er ungefähr um halb 2 Uhr Nachts in der Währingerstraße einen Fahrgast in lichtem Ueberzieher ausgenommen habe. Derselbe stieg, trotzdem er die Alleegasse auf der Wieden als Ziel angegeben, bereits an der Ecke der Theresianumgasse aus. Er hatte einen blonden Schnurrbart, war ziemlich groß und trug unter dem Oberrock einen Salonanzug, sein Hut war tief in die Stirne gedrückt. Er hatte einen großen Brillantring am Zeigefinger der rechten Hand (diese Bemerkungen hat auch nachträglich der Fiaker Nr. 6301 zu Protokoll gegeben) und rauchte eine Cigarette.

Man hofft, die Identität des Ermordeten bald feststellen zu können, da in Wien nicht leicht Jemand verschwinden kann, ohne vermißt zu werden. Im Interesse der öffentlichen Sicher­heit erwarten wir, daß es unserer bewährten Polizei gelingen werde, dem Urheber dieses Verbrechens auf die Spur zu kommen."

III.

Zu allen Verhören, welche in dieser unheimlichen Sache veranstaltet wurden, hatte die Polizeidirection einen ihrer ge­schicktesten Detektivs beigezogen, einen älteren, gewissenhaften

Beamten, der sich unaufhörlich Notizen machte. Er hieß Wen­delin Adamek.

Herr Adamek saß nun eines Morgens vor seinem Spiegel, im Begriff, sich zu rasiren. Er überließ dieses wichtige Ge­schäft niemals einer zweiten Person dazu war er zu miß- trauisch gegen die Menschen, welche er insgesammt mit Aus- nähme seiner Vorgesetzten für Leute ansah, die jedes Verbrechen- fähig seien und die vielleicht ein geheimes Interesse daran haben konnten, einen Mann von seiner Bedeutung in aller Stille aus der Welt zu schaffen. Denn er hielt etwas von sich, der Herr Wendelin Adamek, und war nicht wenig eitel auf feinen Scharfsinn und seine Erfolge. Ueberdies benützte er die Zeit, die er seiner sorgfältigen Morgentoilette widmete, um seine Gesichtszüge zu studireu dies wahrhaftig nicht aus stutzerhafter Gefallsucht, sondern um jede Miene fest­zustellen, welche er im Laufe des Tages zur Schau tragen wollte: meist jene eines harmlosen Kleinbürgers oder die eines neugierigen Fremden und er bildete sich auf seine mimischen Künste nicht wenig ein. Zudem hatte er die Gewohnheit, hier, seinem Spiegelbilde gegenüber, sich auszusprechen, freilich nicht ohne vorher genau nachgesehen zu haben, ob sich Niemand ein­geschlichen hätte, der ihn belauschen könnte. Das nannte er in seinen Gedanken: sich mit einem vernünftigen Menschen unterhalten.

Heute zeigten die beiden Gesichter das des Herrn Wendelin Adamek und seines Bildes durchaus nicht jene Selbstzufriedenheit wie sonst. Der Grund hiervon lag in dem angestrengten Nachdenken über die geheimnißvolle Angelegen­heit, welche der Detektiv ausforschen sollte. Wie er sich auch in die Aussagen der beiden Fiaker vertiefte, er vermochte kein Licht in die dunkle Sache zu dringen, da er keinen Anhalts- punkt über die Person des Ermordeten besaß. Wer war der Todte? Diese Frage schien ihm die wichtigste; denn erst durch die Lösung derselben war es möglich, in Erfahrung zu bringen, wer ein Interesse daran haben konnte, den Unbekannten aus der Welt zu schaffen da man doch, ohne daß ein Grund vorläge, keinen Menschen umbringt.

Und diesen Grund muß ich herausbringen," murmelte Adamek, indem er, zufrieden mit seinen richtigen Folgerungen, seinem Gegenüber einen wohlwollenden Blick zuwarf und Lust fühlte, aufzustehen und dem klugen Burschen im Spiegel die glattrasirten Wangen zu tätscheln.Diesen Grund wollen wir uns also näher anschauen," fuhr er fort.Hm, Liebe? Schwerlich. Wir leben ja nicht in Spanien. Raub? Hm Man fand Geld in der Tasche des Tobten. Also Rache?" In Adameks Augen blitzte es auf, und seine ein wenig emporstrebende Nase schnupperte in der Luft, wie die eines Jagdhundes, der auf die Spur des gesuchten Wildes ge­kommen.Unbedingt Rache," bekräftigte er sich.Die That ist, wie es scheint, an einem Wehrlosen begangen wor­den, an einem Kranken oder Einem, der aus lustiger Gesell­schaft kam und des Guten zu viel gethan hatte" Plötzlich sprang Adamek auf und schlug sich vor den Kopf. Es fiel ihm ein, daß er in der ersten Aufregung darüber, daß man ihm, gerade ihm die Angelegenheit übertragen, versäumt habe, die Kleidungsstücke des Opfers einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen. Das mußte sogleich nachgeholt werden. Er setzte rasch den Hut auf und eilte in's Amt. Hier begann er, die Kleider genau von allen Seiten zu besehen und zu be­tasten- Nachdem er den sehr elegant gearbeiteten Salonrock unmuthig zur Seite geworfen, unterzog er die Weste einer ein­gehenden Prüfung und machte hierbei eine Entdeckung, die ihm von höchster Wichtigkeit zu sein schien. Diese Weste hatte eine ziemlich tiefe Tasche auf der Innenseite, eine Tasche, so un­geschickt in's Futter gerissen und genäht, daß selbst ein weniger geübtes Auge hätte erkennen müssen, daß sie nicht das Werk eines Schneiders sein könne, sondern eines Mannes, der wahr­scheinlich genöthigt gewesen, einen werthvollen Gegenstand in aller Heimlichkeit zu verbergen, um ihn unausgesetzt bei sich zu trogen.

Ah, da ist auch ein Riß im Futter," dachte Herr Adamek befriedigt.Es ist dem Manne irgend etwas mit Anwendung