Anterchaltnnssblatt zrrin Gietzenep Anzeigen sGensval-Anzerger»)
W
ZWMM MUMK
Dienstag, dm 10. Juli.
Das Geheimnis; der Droschke.
Von F. H u >n e.
------- ^Nachdruck uerboten.]
I.
Fräulein Margarethe Weber hielt sich die Ohren zu und schmollte. Sie war jung und schön, und das Schmollen stand ihrem rosigen Kindergesicht ausnehmend gut. Aber es schien ihr wirklich ernst damit und sie war weit entfernt davon, ihren Bräutigam durch irgend eine Laune zu quälen.
Uebrigens achtete er jetzt ihrer nicht. Er befand sich mit den anderen Herren der Gesellschaft in einem ziemlich erregten Gespräche und besaß weder ein Wort noch einen Blick der Zärtlichkeit für die junge Dame, welche die lärmende Debatte sehr langweilig fand. Es war auch zu häßlich, das, worüber die Männer verhandelten, häßlich und ungewohnt zumal in dem prächtigen Raume, in welchem sie saßen.
Durch die geöffneten Thüren des Salons, welche auf eine weite, mit exotischen Pflanzen besetzte Terrasse führten, strömte mit dem linden Hauch des Maiabends der seltsame Duft tropischer Blüthen herein. Die kostbaren Geräthe auf der gedeckten Tafel gleißten im Scheine der electrischen Lampen, welche ein durch rosafarbige Gläser gedämpftes Licht verbreiteten, das geeignet war, eine sanfte, träumerische Stimmung zu erzeugen. Dieser hätte Margarethe sich gern hingegeben, trotzdem sie wußte, daß ihr Vater, Herr Anton Weber, derartige europäische Sentimentalitäten für lächerlich hielt. Aber Margarethe führte nicht umsonst ihren durch die deutsche Dichtung verherrlichten Namen, und wenn sie auch in Australien das Licht dieser Welt erblickt hatte und nach Grundsätzen erzogen worden war, die den Wienerinnen höchst merkwürdig erschienen wären, so war ihr doch, gleichsam als mütterliches Erbtheil, eine gewisse Kindlichkeit eigen, die das Fremdartige ihres Wesens in angenehmer Weise milderte und ausglich.
Sie hätte sich, wie gesagt, der weichen Stimmung, die sie ergriffen, hingegeben, würden sie die streitenden Stimmen nicht daran gehindert haben.
Was interessirte sie denn dieser Mord mit den seltsamen Umständen, unter denen er begangen worden war? Was das Geheimnißvolle an dieser ganzen Sache? Der Fiaker, in dem die Unthat geschehen war, und alle Nebenumstände, die Felix Roller in feiner geschwätzigen Weise auskramte? Sie wußte nur so viel, daß es nicht recht sei, ihren Verlobungsabend durch eine solche Unterhaltung zu stören, die ihren Bräutigam De- sider Jvanyi von ihr abziehen mußte.
Wie müde lehnte sie sich zurück, und während sich der
schmollende Zug in ihren Mundwinkeln festsetzte, dachte sie über Alles nach, was sie in den letzten Tagen bewegt hatte.
Die Werbung Destders war nicht so glatt abgelaufen. Dem Wunsche ihres Vaters entsprach sie keineswegs, vielmehr hatte dieser einen polnischen Edelmann, Namens Ottokar Wolski, bevorzugt, welchen sehr gewichtige Empfehlungen zum Freunde des gastlichen Hauses gemacht. Zwischen den beiden Bewerbern war es ost zu unerquicklichen Seenen gekommen, die den Frieden und die Ruhe der schönen Margarethe störten, bis sie sich entschloß, ihrem Vater die Erklärung abzugeben, daß sie ohne Jvanyi nicht leben könne und sich ein Leid anthun werde, wenn sie ihm nicht angehören dürfe. Weber, dem kurz vorher die Frau gestorben war, und der die Entschlossenheit seiner Tochter nur zu gut kannte, sah sich gezwungen, nachzugeben. Seit dieser Zeit war Wolski nicht nach Döbling gekommen, wo Weber eine prächtige Villa bewohnte. Letzterer hatte dieselbe, nachdem er als reicher Mann aus Australien zurückgekehrt war, mit dem Aufwande eines großen Kapitals erbauen lassen und bald zum Mittelpunkte einer Gesellschaft gemacht, die sich aus einigen Wiener Advocaten, Journalisten und einer Anzahl Fremder zusammensetzte, welche die österreichische Kaiserstadt aufgesucht hatten, um hier ihr Glück zu machen, verarmte Edelleute, welche, von der Gunst und Protection des Millionärs getragen, an gewagten Geschäften sich betheiligten, die ihnen Gewinn brachten, Streber, die vorwärts kommen wollten und den Einfluß Webers hoch genug schätzten, um ihm dienen und schmeicheln zu dürfen.
In dieser etwas gemischten Gesellschaft bewegte sich Margarethe Weber mit der Anmuth ihrer achtzehn Jahre, nicht nur begehrt wegen ihres Reichthums, sondern auch ihrer Schönheit halber. Und Jvanyi wurde von Allen beneidet, dieses herrliche Mädchen errungen zu haben.
Heute aber schenkte man ihr weniger Aufmerksamkeit als sonst. Daran war eine Nachricht schuld, welche die Abendblätter der Zeitungen gebracht hatten, eine Nachricht, welche die Gemüther der ganzen Stadt in die höchste Aufregung versetzte.
Der Bericht lautete: „Heute, den 28. Mai, gegen 2 Uhr Morgens, machte der Fiaker Nr. 6301 bei der Polizeidirection die Anzeige, daß sich in seinem Wagen, den er zwei Sicherheitsmännern zur Bewachung übergeben, der Leichnam eines elegant gekleideten Mannes befinde, der allem Anscheine nach einem Verbrechen zum Opfer gefallen sei. Vom Polizeicommissär verhört, gab er folgende Darstellung zu Protocoll:
Als ich gegen ein Uhr Nachts die Währingerstraße entlang fuhr, rief mich in der Nähe der Votivkirche ein Herr


