Nun brach'» aber los! Ein Halloh ging durch das Wirths« zimmer, die Gäste trampelten mit den Füßen oder hämmerten mit den Krügen auf der eichenen Tischplatte herum, sie johlten, gröhlten und lachten, daß die runden Fensterscheiben des Wirths« zimmers glirrten, sie riefen: „Hoch lebe Postschreiber Quassel und sein Studium auf der Eselsuniversität zu Merkenfritz!"
Als sich der Trubel etwas gelegt hatte, sprach Schloß« psörtner Thomas zu Quasiel: „Nun sagt mir, Postschreiber, zum wievielten Male seid Ihr schon mit Euren Ausschneide« reien heimgeschickt und gehänselt worden? Man kennt Eure Schnurrpfeifereien in der ganzen Gegend, man weiß, daß Ihr das Blaue vom Himmel herunter lüget; es ist bekannt, daß Ihr über Andere, wenn sie nicht anwesend sind, Uebeles redet und sie herabzusetzen suchet. Wollet Ihr nicht bald aufhören und ein wahrhafteres Leben und besseren Wandel anfangen? '
„Ach wasI" antwortete Quassel ärgerlich, „kümmert Euch um Euch selbst, da habt Ihr genug zu thun. Mit dem Hexenbrennen ist es losgegangen; gebt acht, die Flammen könnten Euch den Bart versengen, denn die Leuts sagen: Ihr wäret ein Hexenmeister."
„Und von Euch sagen sie: Ihr wäret kein Hexenmeister!" versetzte Thomas.
Da brach das Gelächter von Neuem los — aber Quassel lachte mit und that darnach einen tiefen Schluck aus dem frischgefüllten Humpen.
„Sind denn die Gänse, Hasen, Speckseiten und Würste schon alle aus dem Nassauischen eingetroffen, die Ihr alljähr« lich für die guten Dienste zu erwarten pfleget, welche Ihr den Nassauern wegen des Grenzüberganges erzeiget?" fragte Schul« präceptor Fischer den Postschreiber nach einiger Zeit.
„Das spricht blos der blasse Neid aus Euch," antwortete Quassel. „Ihr wißt, daß ein guter Wille den anderen werth ist. Jedes Aemtchen hat fein Schlämpchen."
„Doch das Eure hat eine Schlamp, meiner Six!" erwiderte Küchenschreiber König.
„O, ich bitt' Euch, Ihr Schloßherrn geht allen Anderen vor!" wehrte sich Quassel.
„Diesmal spricht aus Euch der Neid!" versetzte der Mundkoch Philipp Arnold. „Ihr möchtet gerne Alles allein schlucken und seid ein wack'rer Schlucker, wie Euer Schmeerbäuchlein beweiset."
In diesem Augenblicke wurde die Thüre des Gastzimmers hastig ausgerissen und ein kleiner, gelenkiger Mensch mit schwarzen Augen, schwarzen, struppigen Haaren und gelblicher Gesichtsfarbe stürzte herein. Es war Wenzeslaus Litenski, der fürstliche Hühnerfänger, ein Böhme von Geburt.
„Js sich eine große Neuigkeit am Tage heutiges!" rief der kleine Mensch mit dünner, heißerer Stimme und an allen Gliedern zitternd; „haben sie bracht eben Schweinehirten Sohn ihriges von Bisses, Prinzen Frauen seiniges, Schmack Anna und Johann Wasen Frauen seiniges, von Echzell die drei und eingelocht im Rathhaus hiesiges, alle vier Hexen und Zauberer zu brennen am Tage morgigen."
Die Gäste sprangen auf. „Wie? Was? Wo? Wer?" tönte es durcheinander. Bilenski mußte seine Nachricht immer und immer noch einmal wiederholen. Die meisten Gäste ver« ließen das Wirthszimmer, liefen nach dem nur hundert Schritte entfernten Rathhause und fragten in der Wachtstube, was es gegeben habe. Sie erhielten die Nachricht, daß diejenigen Personen, welche der Hühnerfänger Litenski bezeichnet hatte, vor kaum einer Viertelstunde in das Gefängniß und zwar wegen begangener Hexenstücken eingebracht worden und daß die Wachen heute Nacht verdreifacht werden würden-
Ein Theil der Fragenden ging in das Wirthshaus zurück Postschreiber Quassel, Schloßpförtner Thomas, Schulpräceptor Fischer, Hofschornsteinfeger Eckert und Andere saßen noch auf ihren Plätzen und hielten Rath.
„Hab' ich's Euch nicht gesagt!" rief Quassel, als die Zurückkommenden die Nachricht Litenski« bestätigten; „hab' ich's Euch nicht gesagt, daß es so kommen wird? Drunten in Babenhausen, im Hanau-Lichtenbergischen, wo ich in den feinsten Kreisen Zutritt hatte, ging es gerade so."
„Da sagt un» der Postschreiber wieder einmal die Wahr- seit ohne die Nebenumstände," versetzte Falkonier und Estafetten- reuter Lentzenmeier. „Er versuchte dort allerdings einmal, anzulanden, wurde aber hinausgeworfen und empfing eine ge« waltige Tracht Prügel."
„Es müssen wohl viele neben abgefallen fein, sonst hätten sie jedenfalls besser gewirkt," versetzte Schulpräceptor Fischer.
„Schwatzt kein Blech, Herr Schullehrer-Meister I" antwortete Quassel. „Bei dem durchlauchtigen Churerzkanzler in Mainz durfte ich im Rittersaale aus« und einpassiren und wäre beinahe Mitglied eines hohen Ritterordens geworden."
„Da habt Ihr mit dem Blech das Richtige getroffen," erwiderte Büchsenmacher Gotthard Breitenbach, welcher seither Alles ruhig mit angehört, aber stets dazu geschmunzelt hatte, wenn Quassel mit seinen Aufschneidereien zurechtgewiesen wurde.
„Das freut mich, Herr Hofbüchsenmacher, daß Ihr auf meine Seite tretet, denn wisset, mein Bruder und ich, wir haben viel gegolten," versetzte Quassel. „Aber wie meint Ihr das mit dem Blech?"
„Ganz wie es sich gegeben hat. Heute Vormittag befahlen Seine Durchlaucht unser gnädiger Herr Landgraf, daß ich die fürstliche Gewehrkammer untersuchen und Alles in Stand setzen sollte, was nicht ganz cumpabel sei. Wie zu allen Zeiten und in allen Lagen, war unser junger gnädiger Herr Landesvater huldvoll und leutselig und gerührten gar herablassend mit mir zu sprechen, wie denn Er mir nicht verhielte, daß demnächst ein Hosspengler allhier sollte angenommen und concessioniret werden, wisse Höchstselbst aber noch nicht: wer zu nehmen sei und ob ich nicht Jemanden vorschlagen könne."
„Ja, da wäre ich ganz an meinem Platze gewesen!" rief Quassel eifrig.
„Hab' ich auch Seiner Landgräflichen Gnaden unter« thänigst zu unterbreiten mir getrauet. Der Postschreiber Quassel sei ein welterfähr'ner, weitgereister Mann, könne Vieles und wisse über Manches Red' und Antwort zu geben."
„Gut! Optime! Optimissimus!" rief Quassel erfreut. „Aber die Hauptsache?"
„Wäre schon da, wenn Ihr mich nicht mit Eurem Böhmakisch unterbrochen hättet. Ich sagte zu Seiner Durch« laucht in aller Ehrerbietung: Die Concession für Errichtung einer Hofspengleret möchten Euer Durchlaucht geruhen zu über« tragen an---"
„An wen denn, Herr Hofbüchsenmacher? Sprecht doch und laßt uns nicht so lange warten!"
„An Euch, Herr Postschreiber!"
„An den Postschreiber!" brummten die Umsitzenden, „zu was Zweck und Ende an den Postschreiber?"
„Dessen war der gnädige Herr Landgraf im ersten Augen« blicke auch nicht ganz klar, aber ich erlaubte mir submissest zu sprechen: Euer Durchlaucht wissen, daß der Postschreiber das ganze Jahr hindurch eine solche Masse---"
„Na, nur heraus damit, was denn?" fragte Quassel un
geduldig. t , ,,,
„- eine solche Masse--Blech schreibt und spricht,
daß die sämmtlichen Hofspengler der drei Landgrafschaften leichthin könnten mit Material versehen und vieles Geld ersparet werden." , _ _,
„Bravo! Eure Gesundheit! Der Herr Hofspengler Quaste! lebe hoch!" riefen die Gäste und stießen mit den Krügen aneinander. _ , „ ,
„Diesen dummen Schnack hättet Ihr auch besser Eurem alten, neugierigen Eheweibe erzählt," erwiderte Quassel zornig, „anstatt unsere Gesellschaft damit zu belästigen."
„Habe ich auch gethan und bis Ihr nach Hause kommt, weiß es die ganze Gemeind' und auch Eure Frau, welche» em gutes, fleißiges, treues, sparsames Weib ist, das Ihr Lüder« jahn und Hauptblechschwätzer gar nicht verdient."
„Aber unser gnädiger Herr Landgraf, was meinte er zu Eurem Vorschläge?" fragten verschiedene Gäste.
„Ihr wisset Alle, daß Hochderselbe einen ehrerbietigen Scherz nicht ungnädig nimmt. Er lachte gar lieblich un sprach: Du hast recht, Hofbüchsenmacher. Der Quassel ist ein


