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UnterchaLtrriigsblatt Gi-fzenev Anzeigev (Geneval-Anz-ig-v)
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1894.
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Donnerstag, dm 10. Mai.
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Die,Hexe von Bingenheim.
Von Gg. Schäfer.
(Fortsetzung.)
Drittes K'apitel.
Ein eisiger Novembernebel hatte sich über das Horloffihal gelagert, kaum zwanzig Schritte weit konnte man sehen, es wurde früh Nacht. Im Brauhause bei dem Hofbender und Bierbrauer Samuel Böring zu Bingenheim fanden sich viele Bürger und Einwohner Bingenheims zusammen, um die gestrige Execution über den Schweinehirten von Bisses zu besprechen. Am lautesten sprach Fred Quassel, der Postschreiber.
„Wie kann man denn aber nur auch so unklug sein," rief Quassel, indem er die große Brille zurückschob und die zwei auf die Schulter gerutschten Haarsträhne über den kahlen Schädel practizirte, „einen solchen Haupthexenmeister und Teufelsspielmann, wie der Schweinehirt von Bisses einer war, in der letzten Nacht so los und ledig und ohne doppelte Bewachung im Gefängnisse herumlaufen zu lassen. Das hätte ich anders gemacht!"
Dem aufschneiderischen Postschreiber saßen der Schloß« schreiber Georg Adam Lüniker und der Küchenschreiber Anton Günther König gegenüber. Die beiden fürstlichen Schreiber konnten den Postschreiber nicht ausstehen.
„Warum bringt Ihr Eure Weisheit erst heute wieder an den Tag?" bemerkte Lüniker.
„Weil man mich vorher nicht fragte,", versetzte Quassel mit Selbstbewußtsein.
„Ganz recht hat er," meinte Küchenschreiber König, „der «berste und gestrenge Herr Commissarius Caspari müßte es W) als besondere Ehre anrechnen, wenn er den fürstlich Thurn- md Taxis'schen Postschreiber Quassel empfangen und seine Nittheilungen über Bewachung von Gefangenen anhören dürfte."
„Laßt mir den hochmögenden Herrn Postschreiber Quassel in Ruhe!" rief der Hofkutscher und Schirrmeister Hans Martin Wetz, „er hat mehr im Kopfe als Mancher im kleinen Fmger."
Großes Gelächter folgte auf diesen Hieb, der dem Quassel dar Blut nach dem Herzen jagte.
„Wär versteht denn.^so ein Chaisenhupser von Gefangenen!" versetzte Quassel, „grade so viel, als wenn mein Karo in der Odyssee des Virgilius blättert."
„Na, Alterchen!" sprach der Schloßpsörtner Johannes Thomas, welcher neben Quassel saß und ihm auf die Schulter Hopfte, „geht'» jetzt mit Hebräisch, Griechisch oder Lateinisch
los? Wo habt Ihr nur all' diese grausamliche Gelehrsamkeit her?"
„Auf der Lateinschule zu Darmstadt und aus der Universität gesammelt," versetzte Quassel; „wäre mein Vermögen durch den erschrecklichen Krieg nicht zu Grunde gegangen, ich hätte auf der Universität aurstudiren können und säße vielleicht jetzt als Euer oberster Justizcommissarius allhier im Schlosse, um Euch die Hexereien und Teufeleien aus den harten Schädeln zu räuchern."
„Ei, Herr Postschreiber!" redete der Schulpräcepior Mathäus Fischer den Bramarbas an, „Ihr saget da ja etwas ganz Neues. Auf einer Universität habt Ihr eine Zeit lang studirt; auf welcher denn?"
Quassel kam etwas in Verlegenheit und wußte nicht sofort eine richtige Antwort zu geben.
Da kam ihm der Falkonier und Stafettenreuter Georg Lentzenmeyer zu Hülfe.
„Es ist gewiß, daß der Postschreiber Quassel längere Zeit auf einer Universität studirt hat, ich habe ihn mehrmals gesehen, wenn ich mit dem Durchleuchtigen Herrn Landgrafen in die Gegend zur Jagd ritt."
„Nun seht Ihr, Herr Schulmeister, daß meine Behauptung richtig ist. Bei Euch muß man aber Alles erst doppelt und dreifach beweisen, sonst wird es nicht geglaubt, darum muß ich Euch doch ein Räthsel aufgeben, nämlich: Was ist für ein Unterschied zwischen einem Schulmeister und unserem Herrgott?"
„Mit solchen Räthseln geb' ich mich nicht ab, die möget Ihr selber lösen, Herr Poflschreiber."
„Soll auch geschehen, denn Euer Verstand brächte da» doch nicht zuwege. Der Unterschied ist der: Unser Herrgott weiß Alles, aber unser Schulmeister weiß Alles besser."
Der Schulpräceptor wurde roth vor Zorn wie der Kamm eines Gickelhahns, denn die Gesellschaft lachte zwar nicht laut, aber doch leise und das Kichern ärgert zuweilen mehr, als heftiges Lachen.
„Nun habt Ihr Euer Fett, Herr Schulpräceptor, könnt auf drei Tage Eure Suppe damit schmelzen," sprach Quassel, indem er dem Wirthe den leeren Krug zum Füllen darreichte. „Oder wünschet Ihr vielleicht noch etwas?"
„Allerdings möchte ich noch Eins wissen," antwortete Schulpräceptor Fischer. „Auf welcher Universität habt Ihr Eure Weisheit gesammelt?"
„Soll der Falkonier und Stafettenreuter Lentzenmeyer beantworten, er ist mir da ja oft begegnet."
„Allerdings!" rief Lentzenmeyer, „der Herr Postschreiber hat wenigstens drei Jahre zu Merkensritz auf der Eselsuniversität studirt, denn dorten bin ich ihm oft begegnet."


