- E sä
W blühende Rosen um Fenster, Mldstöcke und Lauben, da waren große Beete mit Maiglöckchen, Veilchen und Nareiffen bedeckt, während immergrünes Gesträuch überall wild empor wucherte. Wie ein Königskind mit allen Reizen geschmückt, lag das liebliche Mentone zwischen dem blauen Meere und der hohen Bergwand des Cap Martin, das, wie ein Riese in die Lüfte ragend, es vor jedem rauhen Luftzug beschützte.
In den Straßen und Gaffen des Städtchens herrschte noch e n rühriges Treiben. Wie überall im Süden, wurde au$ «L m ^ien gekocht, gearbeitet, geschwatzt, gelärmt und nach Kräften herumgelungert. Das ganze Famlltenleben spielte sich ungenirt öffentlich ab. Da stand eine junge Mutter mit ihren hübschen, aber keineswegs sauberen Sprößlingen und briet ihre Fische in Oel. Dort trockneten ein paar gluthäugige Dirnen die unvermeidliche Wäsche über dem Zaun. Malerisch jumpte Kerle lagen faulenzend im Grase oder auf dem Pflaster, während an der Straßenecke ein bildschöner Bursche dw Mandolinata aufspielte, nach deren Weisen sich die Jugend Mentones lustig im Reigen drehte und zugleich mit Jauchzen und Schreien das allgemeine Schlaraffenleben vermehrte.
Roman klomm durch ein Labyrinth winkliger, enger Gäß- » nur durch schmale Treppen den Zugang er-
möglichten, bergaufwärts. Ein niedriger, gewölbter Thorbogen schloß das verzwickte und ineinander genestelte Häusergewirr und eröffnete den Weg zu einer weit in das Meer vorspringen» den felsigen Landzunge, auf welcher sich die Landhäuser der Fremden, der „Jnglesi", befanden.
Diese waren wahre Schmuckkästchen an Zierlichkeit und Sauberkeit. Hier und da mit einer Loggia oder einem mit Schlingpflanzen umrankten Balkon versehen, hoben sie sich wesentlich von den planlos gebauten und mit dem Wahrzeichen echt italienischen Schmutzes überzogenen Häusern der Mento» neser ab.
Fast wie an den Berg geklebt, mit freier Aussicht auf das weite, blaue Meer, lag inmitten eines hübschen Gartens das villenartige Gebäude, welches Frau von Bielinska nebst Spiridia und einiger Dienerschaft bewohnte.
Hier oben war es einsam und still, nur zuweilen strich der Wind mit leisem Klingen und Singen durch die immergrünen Bäume und von unten herauf rauschte und brauste das Meer und sang seine melancholischen Weisen, welche zu allen Zeiten das Menschenherz mit wunderbarem Zauber ergreifen.
Als Roman vor dem Landhause anlangte, traf er seine Mutter im Garten. Sie war hoch erfreut, sie hieß ihn freundlich willkommen, sie küßte und herzte ihn.
„Wie geht es Spiridia?" fragte er.
„Nicht besonders, ich habe viele Last und Plage mit ihrer Pflege gehabt und bin matt und elend davon. Aber seltsam ihr Wesen ist ganz verändert. Du wirst erstaunt sein; sie klagt nicht mehr und zankt .auch nicht mehr, sie ist weder eigen- finnig noch verdroffen. Mit einem Worte, sie ist sanft und geduldig wie ein Lamm."
„, «Ich werde jetzt bei meiner Frau bleiben und Dich ablosen, Maruschka," sagte Roman schnell. „Du mußt Dich erholen, Du mußt morgen schon nach Rom abreisen, Gräfin Antonia kommt auch in nächster Zeit, ich habe ihr geschrieben, daß Spindtas Zustand Besorgnisse erregt."
«n V' ist, gut, denn sie sehnt sich zuweilen nach ihrer Mutter, sie wird sich freuen. Ach, Roman, Spiridia ist wirk- lich recht krank, sie fiebert fortwährend und weint sich die Augen roth. Ich glaube, wenn es nicht bald besser wird, macht sie er nicht lange mehr!"
Ehe Frau Casimira zu Ende geredet hatte, wandte Roman sich dem Hause zu. Er schritt rasch durch die Vorhalle und öffnete leise die Thür zum Salon.
Spiridia saß, in Kissen und Polster gepackt, am Fenster, eine warme Decke über ihre Kniee gebreitet, und die kleinen, marmorweißen Händchen spielten mit einem halbwelken Blumenstrauß.
v cn?te Mte Frau erschien beim ersten Anblick noch ueblich und anmuthig, nur bei näherer Betrachtung mußte man bemerken, wie verheerend die schleichende Krankheit gewirkt
hatte. Auf ihren Wangen brannte eine hektische Wthe und die schwarzen Sammetaugen glänzten fieberhaft; sie war mager und hinfällig geworden. a
Als Roman in das Zimmer trat, blickte sie müde zu ihm auf, aber sie schien dennoch erfreut durch sein Kommen.
„Das ist sehr freundlich von Dir, lieber Roman," sagte sie sanft. „Willst Du nun bei mir bleiben und Geduld mit mir haben — bis Alles zu Ende ist?"
Er streckte erschüttert die Arme nach ihr aus, er faßte die kleinen kalten Hände und küßte sie.
»Ich verlasse Dich nicht wieder," erwiderte er im ernsten Tone. „Aber denke nicht an den Tod — Du wirst leben, Spiridia, leben und gesund werden!"
L, Ihre Hand lag zitternd in der seinen. „Rein, Roman, diesmal wird es Ernst, ich fühle es. - Und es ist gut so. - Du kannst keine Frau brauchen, die — die--Aber ich
wollte Dich gern noch einmal sehen und Dich um Verzeihung bitten."
„Ich habe Dir nichts zu verzeihen. Alle» ist längst ver- ziehen und vergessen!"
«Ich danke Dir« Roman, mein guter, lieber Mann," hauchte sie mit stockendem Athem. „Und jetzt wirst Du mich noch ein wenig gern haben, nur ein klein wenig — und sehr lange soll es nicht dauern. Aber bis dahin sei gut zu mir, iL bitte Dich darum." Eine feine Röthe stieg in ihr blasses Gesicht.
Diese Worte und noch mehr der Ton, in dem sie gesprochen wurden, überwältigten Roman, er legte seinen Arm um ihre Schultern und streichelte mit der anderen Hand ihr abgezehrtes Gesicht.
„Arme Spiridia," sagte er weich, „arme, kleine Frau. Ich bleibe bei Dir und pflege Dich, bis Du vollständig ge- nesen bist."
Sie schüttelte leise den Kopf. „Ich werde nicht wieder gesund, aber ich möchte meine letzten Stunden und Tage in Frieden mit Dir verleben, mein guter Roman. — Und — ich denke, ein paar Augenblicke des Glücks sind nicht zu theuer mit dem Tode bezahlt. Ich will auch einmal vollkommen glücklich sein, nur einmal int Leben — und dazu bedarf ich Deiner Verzeihung, Deiner — Deiner — Liebel"
Ganz sprachlos vor Bestürzung und Staunen hörte er Spirtdias Worte, feine Herz füllte sich mit Mitleid und Rührung. Plötzlich durchzuckte ihn die Erkenntniß einer schrecklichen Wahrheit. Wie er bisher nur die Schattenseiten an dieser ihm unsympathischen Frau, die jetzt so hülflos, niedergeschlagen und resignirt in ihren Kissen kauerte, wahrgenommen hatte, so sah er jetzt auf einmal in ihr wett geöffnetes Herz hinein. Sie hatte ihn lieben gelernt und sich nach seiner Zuneigung gesehnt. Aber er ahnte und wußte nichts davon, und wie eine zarte Blüthe ohne Pflege verkümmert, so hatte er auch diese Menschenblüthe ohne Verständniß, ohne Liebe und Fürsorge langsam verschmachten lassen und sie zu all' den Qualen, den Bitterkeiten verdammt, welche aus gekränktem Stolz, verschmähter Liebe und Krankhöit entspringen.
Wie hatte sie sich ihm einst voll kindlicher Zuversicht anvertraut und ihm freudig ihre ganze Zukunft zu eigen gegeben, und was hatte er aus ihrem Leben gemacht?
Roman war wie zerschmettert, es nrttrbe dunkel in ihm. Voller Reue und Gewissensangst richtete er traurig seine Blicke auf ihr vergrämtes Gesicht.
Sie faß ruhig und gelassen da, nur ihre schwarzen Augen hingen ängstlich und in banger Frage, wie die' eines furchtsamen Kindes, an den seinen. Und als wäre bereit.» Alles abgethan, so gleichmüthig sprach sie noch einmal von ihrem Sterben. Es war klar, ihr Herz war gebrochen, es hakte keine Wünsche und Hoffnungen mehr. — Rur ein paar Augenblicke des Glückes, der Liebe erflehte sie noch. Wodurch hatte sie ein so elendes Schicksal verdient?
Romans Herz blutete. Er, der noch vor Kurzem diese launische, nervöse Frau als den Fluch seines Daseins betrachtete, fühlte plötzlich ein anderes, freundlicheres Empfinden seine Brust durchströmen. Unendliches Erbarmen, imaiges Mitgefühl


