1894.
Uß
Dienstag, den 10. April.
SS
Die Wallfahrt nach Czenstochau.
Roman von Johanna Borger.
(Fortsetzung.)
Spirtdia war bereits sechs Monate in Mentone, aber ihre Gesundheit hatte keine Fortschritte gemacht. Frau von Bielinska, welche zu ihrer Pflege mitgereist war und dort mit der Kranken ein eintöniges und stilles Leben führen mußte, langweilte sich ungemein. Sie gehörte nicht zu den Leuten, die stch lange mit dem Wohle und Wehe Anderer befassen. Sie sehnte stch nach Zerstreuung und Vergnügen- Das fortwährende Zusammensein mit der nervösen , reizbaren und schwer leidenden Schwiegertochter wurde ihr zur wahren Last.
Nun wollte sie nach der langen Entbehrung und Entsagung ihr Leben wieder genießen. Sie Hütte im Kurgarten alte Freunde aus Polen getroffen, die ihr den Vorschlag machten, ein paar Wochen mit ihnen nach Rom zu reisen, um den Car» neval und seine zauberischen Freuden kennen zu lernen. Das kam der Pani Casimira sehr gelegen, der Gedanke, die Götterstadt und ihre Wunder zu sehen, berauschte ste. Sie besann sich nicht lange, sondern willigte sofort ein. Noch in derselben Stunde schrieb sie an Roman und theilte ihm ihr Vorhaben freudig mit-
Der Bries der Frau Casimira war ein wahres Meisterstück weiblicher Rasfinirtheit. Sie appelltrte darin an ihres Sohnes Pflichtgefühl und E'oelmuth- Sie wußte ihn zu überzeugen, daß sie nach der längen, aufreibenden Krankenpflege, welche ihre Kräfte vollständig erschöpft hätte, ganz dringend der Erholung bedürfe. Sie beschwor Roman, schleunigst nach Mentone zu kommen, ba Spirtdia, der es recht schlecht gehe, ein Wiedersehen mit ihr« wünsche. Dieselbe wäre sehr bekümmert über die lange Trennung und flehe ihn an, recht bald zu kommen. Sie ber eue bitterlich die vielen Mtßhelligketten und Zerwürfniffe mit ihm und hoffe bestimmt, daß er ihr die letzte schlimme Zeit micht nachtragen würde. Roman möge die arme Kranke nicht rrmsonst hoffen und warten, und wenn er nicht käme, vor Kukumer und Sehnsucht sterben lassen.. Die letzten beiden Zeilen waren doppelt unterstrichen.
Der junge Ede lmann hatte nun ein halbes Jahr ein ruhiges, doch thätiges Leben geführt und seinen Frieden und die alte Lebenskraft wiedergewonnen. Er war kein glücklicher Mensch, aber die tiefe Schwermuth war von seinem Wesen gewichen. Er erw artete nicht mehr viel, aber er hatte doch resignirt stch in sei-n Schicksal gesunden, sein Gemüth war still. Da erhielt er den Brief seiner Mutter. Ihre Worte gingen
wie ein Sturm durch seine Seele und er besann sich keinen Augenblick, ihren Wünschen Folge zu leisten. Er hatte sich die Pflicht zur Richtschnur seines Handelns gemacht und wußte, was ihm dieselbe auch jetzt zu thun gebot. Seine Mutter war müde und erschöpft, sie konnte die Kranke nicht mehr pflegen, es mar nichts einfacher und natürlicher, als daß er ihr zur Hülfe kam- Spiridia war feine Gattin, sein Platz war an ihrer Seite. Und sie, die leidende, schwache Frau, sie ersehnte sein Kommen. Vielleicht war es ihr letzter Wunsch, grausam wäre es, wenn er nicht sosort an ihr Krankenbett eilte. An die tausendfachen Kränkungen dachte Roman in diesem Augenblick nicht mchr, sein Sinn war zu edel dazu.
So schnell als möglich machte er seine Vorbereitungen zur Reise. Dem wackeren Jnspector und der alten getreuen Michalina übergab er die Schlüssel und empfahl ihrer Obhut Hau» und Hof. Beide sahen ihren gütigen jungen Herrn nur ungern scheiden.
Noch in derselben Nacht reiste Roman nach dem Süden ab, doch dauerte es einige Wochen, ehe er sein Ziel erreichte, denn in damaliger Zeit waren die Verkehrsmittel noch sehr mangelhaft. Demungeachtet suchten bereits viels Kranke in der weichen, milden Luft der Riviera Heilung ihrer mannigfaltigen Leiden.
Allerdings fand man noch keine eleganten Hotels, zierliche Villen, faubere Promenaden oder den vornehmen Luxus eines modernen Badelebens an diesen unvergleichlichen Gestaden vor, dafür tummelte sich noch das echte lärmende, genügsame und faulenzende italienische Volksleben in völliger Ursprünglichkeit in den uralten malerischen Bergnestern und wunderlichen Städtlein umher, während die Landschaft mit denselben entzückenden und ewig wechselnden Reizen geschmückt war wie jetzt. Die Sonne ergoß damals wie heute ihre goldenen Lichtstrahlen über waldige Höhen und schneeweiße Bergkuppen, über blühende Rosengärten, liebliche Orangen- und Palmenhaine, über hell leuchtende Kirchen und Ortschaften und auch über das blaue Meer, das in unzähligen malerischen Buchten und Golfen diese paradiesischen Gefilde umspült-
Roman hatte endlich Mentone erreicht. Es war gegen Abend: der glühende Feuerball der Sonne versank bereits in das Meer, aber die himmelblauen, ockergelben und braunrothen Häuser leuchteten noch hell und glänzend aus den dunklen Zypressen und Pinien hervor. Die kleine Stadt war gleich« sam eingebettet in ein schimmerndes, duftendes Blumen- und Blätter aewirr, aus welchem Citronen, Orangen und Mandarinen winkten- Da neigten sich königliche Palmen über die alte, mit E vbeu umzogene Befestigungsmauer, dort kletterte das graziöse Gezweig de» Pfefferbaumes weit über die Dächer, da rankten


