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einige Kurpfuscher, ein halb Dutzend Advokaten, zwei Banken, eine deutsche und eine englische, die mit ungefähr fünfjähriger Pause abwechselnd bankerott machen, und zwei Zeitungen, eben« falls eine deutsche und eine englische, deren Redücteure natürlich Todfeinde sind und die, wenn der Federkrieg einmal ihrem Haß nicht mehr genügt, das edle Faustrecht ausüben, das hier noch hoch in Achtung steht. Nicht weniger als sieben geistliche Herren von verschiedenen Confessionen und Secten sorgen für das Wohl der Seelen-
Das kirchliche Leben ist ein sehr reges, obgleich Kirchen und Pastoren ausschließlich durch freiwillige Beiträge von Ge- meindemitgliedern, allerdings zuweilen kümmerlich genug, erhalten werden. In den Schulen werden Knaben und Mädchen zusammen unterrichtet, meist von Lehrerinnen, die recht guten, practischen Unterricht ertheilen; besonderer Werth wird auf's Rechnen gelegt. Nach Absolvirung der Volksschulen steht den jungen Leuten beiderlei Geschlechts noch eine Hochschule mit dreijährigem Cursus zur Verfügung; hier wird sogar Buchführung gelehrt. Alle öffentlichen Schulen ertheilen den Unterricht unentgeltlich. Religionsunterricht fehlt gänzlich; deshalb senden viele Eltern ihre Kinder in die confessionellen Pfarrschulen, die von den betreffenden Gemeinden gehalten werden. Auf einem Hügel über der Stadt thront das stattliche Court- House (Rathhaus), in welchem die Behörden ihre Bureaux haben, hier wird auch Gericht gehalten; über die Rechtspflege habe ich aber gute Gründe, zu schweigen. Ueber dem Courthouse hat das Haupt der Polizei, der Sheriff, eine schöne Dienstwohnung; dicht dahinter liegt das Gefängniß, ein modernes Mustergebäude, welches die Freude der Stadtväter bildet, die es jedem Fremden zeigen. Dieses neue Gefängniß hatte sich allerdings auch dringend notwendig gemacht, denn der letzte Uebertreter des Gesetzes im alten Arrestlocal war nicht blos ausgebrochen, sondern hatte auch noch den eisernen Ofen und das Thürschloß mitgehen heißen.
Das Vereinsleben blüht hier ebenso wie im lieben alten Vaterlande, die Vorliebe dafür legt der Deutsche niemals ab, wenn er sich auch sonst noch so sehr verändert und neuen Verhältnissen anpaßt. Gesangverein, Turnverein, Dramatischer Verein, Kegelclub — wir haben Alles, Alles, natürlich auch Logen für ernstere Bestrebungen, wie Freimaurer, Old Fellows, Druiden re.
Die Anlage unseres Städtchens ist, wie bei allen amerikanischen Ortschaften, eine vollkommen regelmäßige; die breiten, kerzengeraden Straßen laufen parallel und werden von ebensolchen senkrecht geschnitten. Alle, selbst die Hauptstraßen, sind ungepflastert, aber mit breitem hölzernem, erhöhtem Trottoir versehen; dieses birgt für den Uneingeweihten bei Dunkelheiten manche Gefahr in sich, da an weniger besuchten Stellen häufig ein Brett morsch ist oder gänzlich fehlt, wobei man ohne besonderen Aufwand von Ungeschicklichkeit die Beine brechen kann. Der Fahrdamm ist bei nassem Wetter unpassirbar infolge meterhohen Schmutzes. Chausseen gibt es überhaupt nicht in Amerika, doch macht sich der Mangel hier nicht so fühlbar, wie man denken sollte. Erstens rechnet man auf mindestens drei Monate Schlittenbahn im Winter, die alle Unebenheiten der Wege ausgleicht und den Transport von schweren Ladungen ermöglicht, und zweitens gibt es hier keine Ortschaft, die nicht zugleich Eisenbahnstation ist. Das Dampfroß ist Bahnbrecher der Cultur und der Schienenweg der erste, der die Wildniß durchschneidet. Die Eisenbahnunternehmer bekommen vom Staat breite Länderstrecken in der Umgebung der projectirten Bahnstrecke geschenkt, die dann parzellirt und an die neuen Ansiedler verkauft werden; je näher an der Bahn sie sind, um so theurer sind sie selbstverständlich auch. An den Punkten, wo der Zug hält, entstehen die Städte. Unser Bahnhof ist wie die meisten anderen von der größten Schmucklosigkeit. Bei den Uebergängen über die Geleise gibt es keine Barrieren und der Schienenweg wird ganz ungenirt von Fußgängern benutzt, ebenso ist es gestattet, aus dem Zuge ein- und auszusteigen, während er im Fahren begriffen ist. Der Amerikaner ist ein
freier Mann und der Staat hindert ihn nicht, sich zum Krüppel fahren zu lassen, wenn er dazu Lust verspürt.
Trotzdem unser Städtchen rings von Urwald umgeben ist gibt es weder Baum noch Strauch auf den Straßen und in den Gemüsegärten der entlegenen Gehöfte. Dennoch macht der Ort keinen unfreundlichen Eindruck. Alle Häuser sind, bis auf wenige stolze backsteinerne Ausnahmen auf der Hauptstraße, aus Holz erbaut und gut angestrichen. Blockhäuser sind selten in der Stadt, die meisten sind aus Fachwerk, ein- oder höchstens zweistöckig, viele in anmuthigem Queen-Anne-Styl und rings von der offenen Veranda umgeben. Aus der Entfernung ge. sehen, machen all' die kleinen Häuschen den Eindruck eben aus der Schachtel genommener und hübsch ordentlich mit regelmäßigen Zwischenräumen aufgestellten Häuschen einer Spielschachtel. Beinahe jedes Haus steht in einem kleinen Gärtchen; nur die Hauptstraße — Front-Street — macht einen durch- aus städtischen Eindruck, hier steht Haus an Haus und in denselben reiht sich Laden an Laden. Man begreift nicht, wie in einem so kleinen Orte so viele Geschäfte vorhanden sein können, aber die Gegend 20 Meilen im Umkreis ist schon stark besiedelt und Hunderte von Farmern kommen an Markttagen zur Stadt und machen ihre Einkäufe.
Weit verbreitet ist in Deutschland die Annahme, daß dar Leben in Amerika theurer sei. Theuer sind hier nur die großen Städte und zwar hauptsächlich durch den unverhältniß- mäßig hohen Preis der Wohnungen. Fleisch und Mehl, also Hauptnahrungsmittel, kosten nur halb so viel wie in Deutschland. Auch Möbel sind bedeutend billiger hier, vorausgesetzt, daß man sich mit Fabrikwaare begnügt; ebenso Schuhwerk. Sowie man aber etwas auf Bestellung machen läßt, ist es allerdings unverhältnißmäßig theuer. Auch fertige Kleidung ist nicht theurer als in Deutschland, nur weniger haltbar. Alle baumwollenen Maaren sind hier besser und billiger. Wenn die große Anzahl blühender Geschäfte in einem so kleinen Ort erfreulich ist, so läßt sich dies von der unglaublichen Menge Saloons (Kneipen) nicht sagen. Es gibt deren nicht weniger denn 18 und alle machen gute Geschäfte. Mehrere Fabriken arbeiten mit den neuesten Maschinen in Tag-und Nachtschichten; aber brauchbare Handwerker, wie einen guten Tischler, einen Blechner, Flickschuster, Glaser gibt es nicht. Es wird nur Fabrikwaare gekauft und wenn ein Stück verbesserungsbedürftig ist und man kann es nicht selbst wieder Herstellen, so muß man es eben wegwerfen. Es wird viel Geld verdient und viel Geld ausgegeben. Wir führen hier ein frisches Leben, weniger eingeengt durch Vorurtheile — auf eigenen Füßen stehend und Niemandem Rücksicht schuldend, aber — die Heimath ist's doch nicht I
Aus der Lyrik eines Octrsi-Jahlers.
Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein, Ich grüb' es gern in jeden Pflasterstein, Ich möcht' es sä'n in jedes Beet der Schur, Daß Keiner bliebe, der es nicht erfuhr. In jeder Straße Gießens möcht' ich's johlen: Warum muß man den Zettel selber holen?
Ich möcht' mir ziehen einen jungen Staar, Bis daß er spräch' die Worte rein und klar, Die Mancher schon im Stillen sich gesagt, Der wegen „Hinterziehung" ward verklagt. Dann säug' er laut, daß Alle es erkennen: Warum muß man zum Steueramte rennen?
Den Redactionen möcht' ich's hauchen ein, Es säuseln auch in jeglichem Verein;
O, leuchtet' es aus jedem Zeitungsblatt, Was Usus ist in mancher andern Stadt Und uns erlösen kann von diesen Qualen: Ich möcht' den Octroi gleich dem Fuhrknecht zahlen!
X.
Redaktion: A. Scheyda, —- Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.
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