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den Gatten erlangt haben würde, wenn das Schicksal die junge Frau nicht so frühzeitig abberufen hätte.

Als es Nacht geworden, befahl der Nichter, die Gefangene Sibille König zum Verhör in die Marterkammer nach dem Rathhause zu bringen. Beinahe 24 Stunden saß die Be- jammernswerthe schon in dem Thurme; nur ein einziges Mal war ein Gefängnißknecht erschienen, hatte den Steinkrug mit einem anderen vertauscht, eine Brodrinde auf die Pritsche ge­legt und war wortlos von dannen gegangen, wie er gekommen. Kein Lichtstrahl fiel in den grausigen Raum; ob es Tag oder Nacht war, vermochte man nicht zu unterscheiden. Todtenstille herrschte, ihre eigenen Herzschläge konnte die Gefangene hören und zählen. Zuweilen fitzte sie sich auf das Strohlager, dann tastete sie sich in dem feuchten, unebenen Raume umher, damit die Glieder, welche von der Kälte fast erstarrt waren, etwas Bewegung und Wärme empfangen möchten. Nach vielen Stunden überwältigte sie der Schlaf; er war nur von kurzer Dauer, denn schreckliche Traumbilder quälten die Schläferin und scheuchten sie wieder empor. Heißes Beten und Flehen war ihre Erquickung.Ende meine Pein bald, gütiger Gott, und verleihe mir die Kraft, diesem Scheusal Das zu sagen, was ich denke und fühle, auf daß er in sich gehe und die Menschen nicht länger mißhandle. Lasie mich das letzte Opfer sein, himmlischer Vater, welches dem entsetzlichen Aberglauben gebracht wird. Daraufhin will ich alles Bittere erdulden, was Du in Deinem unerforschltchen Rathschluffe über mich verhängt hast. Amen1" So betete die Unglückliche mit lauter Stimme.

Stunde um Stunde verrann. Ob es Stunden oder Tage waren, wußte sie nicht. Ein Raffeln und Knarren schreckte sie empor, als sie wieder etwas eingeschlummert war- Es war der Gefängnißknecht, welcher mit zwei Soldaten erschien, um sie zum Verhöre zu holen. Der alte Kerkermeister vermied es, selbst zu erscheinen. Obwohl er ein rauher, harter Mensch war und die buckelige Tochter nicht leiden konnte, hatte ihm diese doch so oft von der Herzensgüte Sibillens und der Rettungsthat Bardensteins erzählt, daß in seinem rohen Ge- müthe nach und nach eine gewiffe Sympathie aufkeimte, wie er sie für andere Menschen nicht empfand. Diese Sympathie hielt ihn ab, die Gefangenen selbst einzukerkern, er sandte dafür den Knecht.

Begierig sog Sibille die scharfe, reine Novemberlust ein, als sie in's Freie kam. Muthig schritt sie dahin, von dem Gedanken getragen: bald ist die Qual zu Ende. Wenn das Verhör begann, dauerte es gewöhnlich nur zwei bis drei Tage, dann wurde der arme Sünder hingethan. Der andere Ge­danke: dem Richter so die Wahrheit zu sagen, daß er keine weitere« Hinrichtungen mehr vornehmen laffen würde, beschäf­tigen sie nicht minder. Daß sie mit dem Bräutigam und der Großmutter bald wieder vereint sein würde, sagte ihr der tief­eingeprägte Gottesglaube.

Nun ging es den dunklen Gang im Rathhause hinein nach der Folterkammer. Ein dicker, moderiger Dunst von verbrann­tem Wachholder und wochenlang eingesperrter Luft versetzte der Dulderin den Athem und führte fast eine Ohnmacht herbei, als sie den entsetzlichen Raum betrat. Sibille nahm, um nicht schwach zu erscheinen, alle Willenskraft zusammen, als sie den Richter mit dem Schreiber, den Henker und die beiden Schinder­knechte erblickte. Die Soldaten entfernten sich. Der Henker schloß die Marterkammer ab und zog den Schlüffel aus dem Schlöffe. Das Verhör begann.

Sie ist angeklagt, seit Jahren Hexerei und Zauberstücke verübt, Menschen und Vieh unglücklich gemacht, Getreide und Wetter verdorben zu haben. Was hat sie darauf zu ant­worten?" fragte Caspari, indem er Sibille finster anblickte.

Diese trat etwas zur Seite, damit das Licht deutlich in das Gesicht des Richters traf, sah ihn ruhig und fest an und antwortete:Es hat nie Hexen und Zauberer gegeben. Die fünfzig Unglücklichen, die Ihr auf dem Hochgerichte bluten ließet, waren schuldlos und ebensowenig Hexen, wie Ihr selbst."

Ueberlege sie ihre Worte und spare sich das, was ihr Galan zu sagen pflegt; dem hat sie nachgesprochen."

Wenn Ihr den Herrn Rentmeister von Bardenstein,

meinen Bräutigam, mit dem AusdruckGalan" bezeichnen wollt, habt Ihr recht."

Das habe ich allerdings, zugleich fordere ich Antwort auf meine directe Frage: Will sie gutwillig bekennen, daß sie dem Hexerei- und Zaubereilaster seit Jahren verfallen ist?"

Nein und tausendmal nein! Aber bekennen will ich vor Gottes Thron, vor dem ich bald stehen werde, daß Ihr ein Scheusal seid, ein blutgieriges Wesen, das fünfzig unschuldige Menschen umgebracht und hunderte von Familien elend gemacht hat, weil Ihr zu feige seid, Euch von dem entsetzlichen Hexen­wahne loszumachen." (Fortsetzung folgt.)

Der Bienen-Vetter.

Eine Heide - Novelle von C. C r o m e - S ch w i e n i n g.

(Fortsetzung.)

Sie strich sich mit der Hand über die Stirne, die heißer als -sonst ihr Blut durchströmte. Wie hatte das alles anders werden können! Erst heute, so schien es ihr, fiel ihr Vetter Hinriks völlige Entfremdung von allen in ihrer ganzen Be­deutsamkeit auf. Zwar, längst schon, als er wider Erwarten auf dem kleinen Gute seiner entschlafenen Eltern einstedlerisch hauste, war er auf der Domäne und in ihrem Herrenhause kein ganzer Fremder geblieben. Aber er war so ernst, so still, so schroff jede Herzlichkeit von sich abweisend geworden, daß die Mutter ihn einenlangweiligen Gesellen" zum Aerger des Vaters nannte. Ihre unschuldigen Neckereien hatten kein Echo mehr bei ihm gefunden, und die schroffe abweisende Art, die er Gott weiß, warum sich angewöhnt, schien ihr gegenüber sich zu verstärken. Da hatte denn hie und da die verletzte Mädcheneitelkeit manchem Neckwort in ihrem Munde eine schärfere Spitze gegeben, und jener noch nicht lange ver- floffenen Zeit entstammte auch das Spottwort vomBienen- Vetter".

Heute, in diesem Augenblicke, in dem in ihrer jungen Seele zum ersten Male ein fremdartiges, ungekanntes Gefühl sich regte, fühlte sie ein brennendes Verlangen zu erfahren, was jene Veränderung in Vetter Henriks Wesen hervor­gebracht. Auch er war einst so offen, frei und fröhlich ge­wesen wie Fritz Gerding---Denk' an mich!" da waren

die Worte wieder. Ein leiser Nachtwind vertrieb die Lauheit der Luft auf einen Augenblick. Ein Frösteln überlief sie. Sie erhob sich und schloß das Fenster. Dann entkleidete sie sich und schlüpfte in ihr Bettchen. Und gerade, als ihr die Augen zufallen wollten, flüsterten ihre Lippen mechanisch:Denk an mich" aber der launische Traumgott schien heute von Jus und Juristen nichts wiffen zu wollen, er zauberte ihr die roth- glühende Haide vor das schlafende Auge mit dem kleinen von Wirthschaftsgebäuden umgebenen weißgetünchten sauberen Häuschen, hinter dem der ungepflegte kleine Garten sich er­streckte. Und in jenem Häuschen hauste allein, nur von der alten Köchin feiner Mutter, der Trude, bedient, der Bienen-Vetter."

Und in derselben Nacht und in derselben Stunde leuchtete die alte Trude int Horstfeldener Gutshause sorglich alle Räume ab, schloß die Vorderthüre mit dem großen pfundschweren Schlüffel und zog sich brummend und scheltend in ihre Kammer zurück.

Da sitzt der junge Herr wieder im Gartenhause die halbe Nacht hindurch und morgen ist er menschen­scheuer denn je! Müßt' ich nur, welcher Teufelkram in dem Häuschen steckte, der ihn so verschroben macht! Aber er hält's ja immer verschlossen, als hält' er Schätze von Gold und Edelsteinen darin! Wenn ich ihn nicht als Buben auf diesen Armen hier getragen hätte ich glaubte wahrhaftig, er triebe ein böses Spiel dadrinnen mit dem leibhaftigen Gott­seibeiuns selber!"

So schalt und brummte die alte Frau, der aber, dem ihr Brummen und fast mütterliches Sorgen galt, saß in dem kleinen von einer Oellampe schwach erhellten Gartenhause,