6

- 262 -ä

Das Land würbe von einem schweren Drucke befreit werden, wenn ich Eure schwarze Seele stante pede in die Hölle schickte. Dennoch will ich nachgeben und den Weg der Verhandlung be­treten, obgleich ich weiß, daß ich einen schweren Fehler be­gehe. Sobald Ihr das Heft in der Hand habt, nützt Ihr die Lage aus und kühlt Eure Rachsucht in meinem Blute. Ich will wiffen, wessen man mich beschuldigt?"

Mit einem Untergebenen, der seinen Vorgesetzten mit blanker Waffe bedroht, kann ich nicht verhandeln," sprach Cas­pari, setzte sich in den vor ihm stehenden Sessel und fing an, in den Acten zu blättern, als wäre nichts geschehen. Er war Menschenkenner genug, um zu wissen, daß sich die Wuth des Gegners am schnellsten lege, wenn ihm möglichste Ruhe und Ueberlegenheit gezeigt würde.

Die Saalthüre öffnete sich, der Feldweibel erschien mit einem großen Briefe in der Hand. Caspari wußte durch eine geschickte Bewegung den Soldaten zwischen sich und den Rent­meister zu bringen, zog sich etwas zurück, erbrach das Schrei­ben und entfloh durch die Thüre, ehe es verhindert werden konnte. Draußen befahl er den Wächtern, Niemanden in den Saal hinein- oder herauszulassen, zog den Schlüssel ab und eilte nach der Wache. Hier requirirte er fämmtliche Mann­schaft, ließ die Musketen laden und führte sie nach der Kanzlei.

Während dieser Zeit verhandelte der Feldweibel mit Bardenstein.

Das kostet Euch den Kopf, Herr!" sprach der Krieger. Ihr hättet den Menschenschlächter niederstoßen sollen; das war das einzige Mittel, Euch und dem Lande zu helfen. Jetzt ist er fort und holt Verstärkung, auf einen Kampf werdet Ihr es nicht ankommen lassen wollen, es ist auch zwecklos. Der Wütherich hat Euch überteufelt, ergebt Euch in Euer Schicksal."

Gut, alter Graubart!" antwortete Bardenstein.Hier ist die Hellebarde, ich ergebe mich Euch. Roch ist nicht alle Hoffnung verloren. Könnt Ihr mir etwas von Sibillen mit- theilen?"

Sie sitzt im westlichen Thurme gefangen und ist noch nicht verhört worden. Gott, sende ihr und Euch rechtzeitige Hülfe, ehe es zu spät ist. Hier vermag es Niemand. Herr Hofprediger Meles, auf welchen das ganze Dorf hoffte, war heute in aller Frühe und ohne daß ihn Jemand darum bat, bei dem allmächtigen Commiffarius, um Eure und des Mädchens Freilassung zu erwirken."

Es ist ein herrlicher Mann!" rief Bardenstein.Gott segne ihn dafür."

Leider vermochte er nichts auszurichten," fuhr der Feld- weibel fort.Die Herrschaft ist in Homburg, das hat der Commiffarius benutzt. Er schrie den Hofprediger an: Das Haus in der Beundegasse ist der verderbliche Heerd aller Hexerei und Zauberei feit Jahren für die ganze Landgrafschaft, der Heerd muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Unanfechtbare Zeugen hätten dies ausgesagt und würden 68 beweisen."

Habt Ihr erfahren, was der Hofprediger darauf that?"

Er eilte nach Hause, schrieb den Brief mit dem großen Siegel, den ich vorhin brachte und soll darin verlangt haben, daß er als oberster Seelsorger in der Sache als Zeuge ver­nommen würde. Vorher dürfe nichts geschehen. So sagte mir die Frau Hofpredigerin. Jetzt wird der Reisewagen des hochwürdigen Herrn gerüstet und alsbald will er, obgleich un- päßlich, gen Homburg eilen und dem Herrn Landgrafen und der Frau Landgräfin die Sache vortragen. Wenn er nur nicht zu späte kommt. Die Wege sind grundlos, die Reise wird I mehrere Tage dauern."

Er wird nicht zu späte kommen," antwortete Bardenstein zuversichtlich.Was spricht das Volk über die Handlungsweise des Commissarius?"

Es ist Allen ein Entsetzen angekommen; sie knirschen vor Wuth, wenn sie unter vier Augen sind, aber Niemand wagt ein Wort zu sagen. Die Leute gehen einher, als wären sie gelähmt. Jeder fürchtet, er würde nächtlicher Weile geholt und das Brennen würde ärger als vordem."

Man hörte Schritte und Waffenklirren auf dem Flur. I

Die Saalthüre wurde aufgeschlossen, eine große Anzahl Be, waffneter trat ein. Caspari folgte.

tIhr habt eine große Heeresmacht aufgeboten," sprach Bardenstem ruhig;sie ist unnöthig, ich folge Euch gutwillig"

Der Commiffarius war enttäuscht; er hatte gewünscht, es sollte ein heftiger Kampf statifinden, bei dem ein Lanzenstich den Rentmeister in legaler Weise beseitigt hätte. Es kam anders. Bardenstein wurde in den Thurm zurückgesührt und mit zwei schweren eisernen Ketten an die Mauer gefeffelt.

Blutigroth versank die Novembersonne hinter dem Taunus­gebirge; früher als sonst wurde es Nacht. Als es völlig dunkel geworden, schlich Justine, die buckelige Tochter des Kerkermeisters, nach dem Häuschen in der Beundegaffe. Die alte Beilstein saß neben dem Ofen und wimmerte, als Justine eintrat.

Braucht nicht zu erschrecken," sprach die Kleine, als die Geängstigte jäh emporfuhr.Setzt Euch nieder und versagt mir Euren Rath nicht." u

War willst Du von mir?" fragte das Weib.

Ich muß ein Mittel haben, das Männer tief einschläfert, wenn sie es im Weine trinken, und das Hunde eine Nacht betäubt, wenn sie es im Fleische freffen. Habt Ihr ein solches? Thut Euren Mund nahe an mein Ohr, wenn Ihr mir antwortet, wie ich zu Euch spreche. Kein Laut darf hinaus dringen."

Die Alte umfaßte das Mädchen und zitterte so heftig, daß sie eine Zeit lang kein Wort hervorzubringen im Stande war.

Dich sendet Gott! Er gibt noch Wunder auf der Welt," hauchte die Greisin.Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast Du Dir Lob zugerichtet. Ich verstehe Dich, Kind. Die Mittel sind vorhanden, aber was--"

Still, nichts weiter! Was ich thue, thue ich bald. Wann kann ich die Sachen haben? Je eher, desto besser, bedenkt das."

Du kannst den Trank sogleich mitnehmen; sei vorsichtig mit der Flüssigkeit. Mehr als zehn Tropfen auf den Mann bringen den ewigen Schlaf; die Hälfte reicht hin, um für eine Nacht einen bewußtlosen Zustand herbeizuführen. Bei Thieren ist er ähnlich. Ich hole die Tropfen."

Geräuschlos, wie sie gekommen, verschwand die kleine Ge­stalt wieder, nachdem sie das Fläschchen empfangen hatte. Leben um Leben, Liebe um Liebe!" murmelte sie.Er hat ein prophetisches Wort gesprochen, als er mir in Gettenau das Leben rettete, mich auf seinen Armen in ein gastlich Haus trug und auf meine Frage: Was bin ich denn werth? die Antwort gab: Es ist Christenpflicht, dem Nebenmenschen in Noth und Gefahr beizustehen. Keines Menschen Leben ist werthlos, auch das Deinige nicht. Niemand kann wissen, wozu es noch berufen ist. Atzt weiß ich es. Die Liebe und die Freundschaft, welche Stbille und Bardenstein mir erwiesen, sollen Früchte tragen. Ein seligeres, reineres Gefühl als dies empfand ich nie."

Es war die Absicht des Commissarius, Sibille sogleich nach der Vernehmung Bardensteins zu verhören. Der Auftritt mit dem Rentmeister übte aber einen solchen Eindruck auf das Gemüth des verknöcherten Menschen aus, daß er einige Stun­den brauchte, um sein seelisches Gleichgewicht wieder zu er- langen. Das Mittagessen berührte er nicht; ganz gegen feine Gewohnheit trank er kurz hintereinander etliche Becher Weins. Das regte die Herzthätigkeit an und verscheuchte die schwarzen Gedanken, welche seine Stirne umlagerten.

Hast wieder schwere Dienstsorgen, viellieber Eheherr?" fragte seine Frau.

Sind nie zu vermeiden, lasse Dich nichts anfechten," antwortete Caspari rauh und begab sich in fein Arbeitszimmer. Die zweite Frau des Hochmögenden war ein einfaches, gutes Weib, tüchtig im Hauswesen, aber geistig unbedeutend. Sie hatte sich so in die Gewohnheiten, Eckigkeiten und Härten ihres Eheherrn hineingefunden, daß sie Alles mit Ruhe und Ec- gebenheit hinnahm. Helminchen, das Sanfte, glich Vieles aus, was der Bruder verdarb. Die erste Gattin desselben war ein lebhaftes, hochbegabtes Wesen, die einen großen Einfluß auf

d 8

§ s V n ei li § 3 h u ti d r § 55 u n u u 3 s< I h

« e d fl

n d 3 ir ei hi bi

o 6 V di dl w ti & ei

bi te T

C

vi V

w

bt ar

G