Ausgabe 
7.6.1894
 
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auf sie gemacht. Da war Fritz Gerding gekommen- Der Grad der Verwandtschaft brachte dar traulicheDu" mit sich und rückte ihn von vornherein näher als alle Anderen an ihre Sette. Und ihr gefiel sein ganzes Gehaben seine offen zur Schau getragene Lebenslust, sein frisches Wesen. Kindlich, wie sie trotz ihrer achtzehn Jahre in ihrem ganzen Denken und Empfinden noch war, war ihr diese heitere, das Leben leicht nehmende Art sympathisch. Unbewußt war sie ihm gegenüber wärmer, herzlicher gewesen. Dies eine Wort: Denk' an mich" und der sie begleitende, wie Feuer in ihre Seele dringende Blick hatte sie aus ihrem kindlichen Gleich- muth aufgerüttelt und einen Sturm von sonst ihr fremden Gedanken wachgerufen.

Sonst hatte sie Abends, in ihrem Zimmer angekommen, mit der gesunden Müdigkeit der Jugend ihr weiches Lager ausgesucht. Heute schien ihr der Schlaf weltenfern. Sie öffnete ein Fenster. Laut quoll die von dem Blüthenathem gewürzte Luft in ihr kleines Gemach. Am klaren Nachthimmel stand Stern an Stern. Ihre Augen hafteten darauf, ihre Gedanken zogen erdenwärts.Denk' an mich," flüsterten ihre Lippen unwillkürlich, und ihr Herz stellte in diesem Augenblick die Frage, die sie mit seltsamer Bangigkeit erfüllte, die Frage: Liebe ich ihn?"

Unten vernahm sie die rauh-gutwüthige Stimme ihre» Vaters. Er war auf die kleine Veranda getreten, die mit dem Wohnzimmer in Verbindung stand. Er schien ein Gespräch mit seiner Gattin endgültig abbrechen zu wollen.

Meinetwegen dennl" klang es zu ihr herauf.Mach', was Du willst. Da» sind und bleiben ja doch Frauenzimmer- geschichten. Ich sage nur, mir wäre der Hinrik trotz seiner Schrullen lieber gewesen!"

Es gibt Worte, die uns jäh aus einer Gedankenwelt in die andere werfen.Hinrik!" dies eine Wort in einer Satz­verbindung, über deren Bedeutung Mariechen keinen Augen­blick nachsann, war für sie ein solcher. Eine ganze Fluth kindlicher Erinnerungen, das so plötzlich in ihrer Brust ent­standene Flackerfeuer schnell und leicht löschend, strömte auf sie ein. Vetter Heinrich! Wie oft hatte in eEren diesem elterlichen Garten, dessen dunkle Baumgruppen vor ihrem hinabschauenden Auge sich dehnten, der junge Student sie, das kleine Mädchen, gehascht, ihr, der Aufhorchenden, wundersame Geschichten er­zählt vom Mond, der in den Weiher gefallen sei und nicht wieder hinaus könne, von dem verzauberten Sperling, der oben am Dachfirst so schön sänge wie eine Nachtigall in selt­samer Deutlichkeit traten ihr in diesem Augenblicke ach, so weit zurückliegende Momente vor die Erinnerung, die sie farbig und plastisch, als seien sie gestern es gewesen, ihr auf's Neue vor die Seele stellte. (Fortsetzung folgt.)

Der Spargel.

Der Spargel ist unstreitig eine der für die menschliche Nahrung am meisten in Betracht kommenden, werthvollsten und für die Zukunft unter den günstigsten Auspizien stehenden Ge­müsepflanzen. lieber seine Heimath läßt sich nichts bestimmtes behaupten: seine Abhärtung gegen niedere Temperaturen und andere klimatische Verhältnisse, seine Verbreitung im nördlichen Europa u. a. m. gestatten den Schluß, daß er an den Küsten der Nord- und Ostsee, überhaupt in Mitteleuropa, ursprünglich heimisch gewesen ist. Schon Plinius und Juvenal erwähnen diese Pflanze und erzählen, daß sie in Rom hochgeschätzt worden sei- namentlich der aus der Umgegend von Ravenna bezogene Spargel, denn von diesem sollen drei Pfeifen ein Pfnnd ge- gewogen haben. Cato ertheilte Rathschläge über Spargelkultur. Er ließ den Samen in Beete von Winterröhricht säen und die Pflanzen im Frühjahre des dritten Jahres verbrennen, da die Asche derselben zu Düngungszwecken für die folgenden Kul­turen dienen sollte; auch will er die Pflanzen alle 8 bis 9 Jahre erneuert wissen. Kaiser Augustus pflegte häufig zu sagen: Gitins quam asparagi coquentur.-Thue es schneller

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I als du Spargel kochen kannst!" Die alten Deutschen kannten nur die unkultivirte, wildwachsende Pflanze, von welcher die feinschmeckenden Römer nicht viel wissen wollten. Es dauerte in Deutschland bis zum 16. Jahrhundert, ehe einzelne Schrift­steller den Spargel unter den Gartenpflanzen mit aufzählten. Erst nach Ablauf desselben wurde der Spargel sowohl als Ge­müsepflanze wie auch als Heilgewächs allgemein bekannt. Im Pflanzenverzeichniß des Stuttgarter Hofgartens von 1565 wird er mit aufgezählt, und der zu Anfang des siebzehnten Jahr­hunderts erschieneneHortus Eystelleusis enthält eine sehr- naturgetreue Abbildung vom Spargel, der unter dem Namen Asparagus domesticus anfgefühct ist. Die Vorliebe für diese Pflanze wuchs aber mehr und mehr. Daniel Rhagor 1639 und Heinrich Hesse brachten schon sehr instruktive Be­schreibungen über die Kultur, ja sogar einige Anweisungen über das Antrciben des Spargels. In England herrschten ähnliche Verhältnisse bezüglich des Spargelanbaues; auch dort scheint schon in der ältesten Zeit der wilde Spargel existirt zu haben, welchen die Kultur alsdann sehr vervollkommnete. John Gerard erzählt, daß zur Zeit der Königin Elisabeth der Spargel, in Fleischbrühe gesotten oder in Wasser gekocht, und mit Essig, Oel, Pfeffer und Salz gewürzt, als Salat auf die Tafel gekommen sei. In Frankreich war wie die ge­jammte Gärtnerei, so auch dieser Zweig zu derselben Zeit sehr in Blüthe. In Darmstadt wurden nach Jehsler 1780 0,5 Pfund schwere Spargel gezüchtet. In Berlin kannte man 1775 schon große Spargeltreiberei und Kultur, ebenso wie jetzt in Oesterreich-Ungarn und Amerika, auf Ceylon und Australien Spargel getrieben wird. In Deutschland gestaltet sich gegenwärtig die Statistik über Spargelknltur folgender­maßen: Die Stadt Braunschweig und ihre Umgegend bebaut gegen 500 Hektar mit Spargel, und 1880 wurden 3814,4 Dop- pel-Centner dieses Gemüses vom Braunschweiger Bahnhofe aus versandt. Der Reinertrag dieser Spargelfelder beläuft sich in mittelguten Jahren vom Hektar auf ea. 2000 2500 Mk. Das Gesammtareal der Brauuschweiger Kulturen beträgt ea. 550 Hektar,- eine Spargelpflanzung allein besaß 1881 schon 75 Hektar. Die Aktiengesellschaft der Spargelzüchter in Braun­schweig macht jedenfalls das größte Geschäft; während der Saison versendet sie wöchentlich ea. 600 Doppel-Centner Spargel. Der Gesammtertrag beläuft sich durchschnittlich in einem Jahre auf ea. 2 Millionen Mark. In Erfurt kultivirt man im ganzen jährlich gegen 2500 Doppel-Centner Spargel, Nürnberg verkauft Spargel für 10,400 Mk. Bei Schwetzingen beläuft sich der Ertrag pro badischen Morgen auf 675 Kilogr. zu je 1 Mk. (pro Hektar auf 18,75 Doppel-Centner). Bei Ulm kostet der Morgen Spargellandes 6000 Mk. pro Hektar. Noch bekannt wegen ihres Spargelbaues sind Berlin, Darm­stadt, Dresden, Frankfurt a. M. und Gotha, in Oesterreich Eibenschitz, das Marchfeld, Görz re. In der Konservenfabrik Gänsefurth bei Staßfurt wurden im Jahre 1885 von 43 er tragsfähigen Morgen (10,75 Hektar) Spargellandes, der Hälfte des dieser Pflanze zugewiesenen Areals, bis zum 26. Juni ea. 350 Doppel-Centner Spargel geerntet, wobei täglich 60 bis 70 Mädchen zum Ausstechen und 50 bis 60 zum Schälen gebraucht wurden. Spargelmonstrositäten, sog.Riesenspargel", kommen nach den Berichten landwirthschaftlicher und anderer Zeitungen öfter in dieser oder jener Gegend vor. Kolossal entwickelter Spargel soll sich in den Ahlal-Tekkes-Steppen in Turkestan wild in Menge vorfinden, man hält denselben, seiner so außergewöhnlichen Größenverhältnisse wegen für neue Spe­zies. Dieser Spargel soll von der Stärke eines menschlichen Armes sein und eine Höhe von 1,51,8 Mtr. aufweisen. Au einem dieser Spargel sollen zehn russische Soldaten sich völlig sättigen können. Wenn auch durch neuere Entdeckungen bekannt geworden ist, daß die früher so wenig durchforschten russischen Steppen Unmassen wilden Spargels und darunter große Schosse produziren, die als Viehfutter verwendet werden, so scheint doch obige Schilderung ein wenig übertrieben zu sein.

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.