sibille war leise an Bardensteins Seite getreten und schmiegte sich zitternd an den starken Mann.
„Laßt es gut fein!" sprach sie leise. „Gewalt hilft hier nicht. Diese vier Männer werden mir kein Haar krümmen, sie thun ihre Pflicht. Nun ist unseres Glückes Ende gekommen. Kurz war es, doch himmlisch, unaussprechlich schön. Ich danke meinem Gott dafür." — Mit einem Schrei sank die Unglück- liche zu Boden. Bardenstein fing sie auf und hielt sie in den Armen.
„Gibt es denn gar keine Gerechtigkeit auf dieser Gotteswelt!" rief die alte Großmutter, indem sie die Hände rang. „Wie lange sollen die Greuel noch weiter gehen, bis wieder Friede und Ruhe auf Erden einkehrt. Sind es Christen oder blutdürstige Raubtbiere, welche die Schicksale der Menschen in den Händen haben!"
Der Feldweibel wischte sich die Augen; die Soldaten gingen zur Thüre hinaus und blieben auf dem kleinen, dunklen Vorplatze stehen. „Lieber in offener Feldschlacht dem Tod in die Augen sehen, als solchen Jammer erleben!" sprachen sie untereinander.
Sibille kam wieder zu sich, blickte scheu umher und sah den Soldaten stehen. Ein neuer Schrei entrang sich ihrer Brust; sie umklammerte den Nacken des Geliebten und rief: „Schütze mich, rette mich vor der Hand des Henkers, heißgeliebter Mann! Dulde nicht, daß mich die Schergen mißhandeln und mit ihren bluttriefenden Händen besudeln. Gib mir den Tod, ich habe genug gelebt. Stoße mir ein Meffer in's Herz!"
„Verzweifle nicht, mein Herz!" sprach Bardenflein. „Ich biete Bürgschaft für Dich an, dasselbe thut der Herr Hofprediger. Wir Beide schützen Dich, Du weichst nicht von der Stelle und ich nicht von Deiner Seite. Erst muß man mich tobten, ehe man Hand an Dich legt."
„Dann kommt es zum Kampfe, Herr, in welchem Ihr unterliegt," sprach der Feldweibel bitter. „Ihr seid wehrlos, seid selbst ein Mann des Gesetzes und dürft keinen Aufruhr predigen. Ihr habt Freunde und Gönner, eilt zu ihnen, setzet Alles in Bewegung, es muß Euch gelingen, die Maid zu befreien. Ich gebe Euch eine Stunde Zeit, so lange bleibe ich hier, die Frauen zu bewachen. Sehet zu und verlieret keine Minute. Ich überschreite meine Befugniß, indem ich das thue, was ich versprach; aber ich wage es, weil ich hoffe, ein gutes Werk vollbringen zu helfen."
„Der Mann hat Recht!" rief Bardenstein. „Verzweifle nicht, mein heißgeliebtes Kind. Hoffnung läßt nicht zu schänden werden. Und wenn ich mit Löwen und Tigern kämpfen und in die Pforten der Hölle eindringen müßte, ich kämpfe und hoffe auf Sieg."
Sibille hielt ihn fest. „Ich hoffe nichts mehr, Du Theurer," sprach sie; „die Tage, die ich seither verlebte, bargen eine so unendliche Menge des Glückes, daß es nicht von Dauer hätte fein können. Wer jenem Manne in die Hände fällt, ist unrettbar verloren. Fünfzig Menschen hat er eingekerkert und alle bluteten auf dem Schaffote. Mich kann Niemand retten. Der Tod von Deiner Hand wäre hohes Glück."
„Verzage nicht, mein Kind I" tief Bardenstein. „So lange ein Athemzug in mir ist und so lange ein Blutstropfen in mir rollt, hast Du noch Hoffnung auf Rettung. Ich eile hinweg, in einer Stunde längstens bin ich mit Deiner Befreiung zurück, so lange wartet Ihr."
Der Feldweibel nickte, Bardenstein stürmte in die Nacht hinaus. Sibille trat an das Büchergestell, nahm die Bibel herab und schlug den 91. Psalm auf: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet!" betete sie laut.
Die Stunde verrann, Bardenstein kehrte nicht zurück. Der Feldweibel sandte einen der Soldaten aus, um zu forschen, wo der Rentmeister bliebe. Nach einer halben Stunde erschien der Soldat; er wollte nicht heraus mit der Nachricht.
„Sprecht ungescheut!" sprach Sibille mit großer Ruhe. „Ich weiß fast mit Sicherheit, was geschehen ist. Man hat ihn auch eingekerkert, sprecht die Wahrheit."
„Es ist so, wie Ihr saget!" antwortete der Krieger.
„Das Schloß ist abgesperrt, die Thore geschloffen, die Zugbrücke ausgezogen. Niemand darf herein noch heraus ohne höhere Erlaubniß. Sie ließen den Rentmeister herein, fingen ihn und warfen ihn in den großen südlichen Thurm. Ihr, Jungfrau König, sollet in den kleineren westlichen Thurm ge- than werden. Nun folget uns!" (Fortsetzung folgt.)
Der Bimm-Vetter.
Eine Heide-Novelle von C. Crome-Schwiening.
(Fortsetzung.)
II.
Beim Kaffee hatte der junge Referendar ein Project entwickelt, das in seinem Collegenkreise ausgebrütet worden war und schon die Sanctiou der maßgebenden Honoratiorenfamilien des Ortes gefunden hatte. Der nächste Sonnabend Nachmittag sollte den Plan zur Ausführung gebracht sehen. Es handelte sich um eine Gondelpartie auf dem oberen breiten Laufe der Aller nach dem eine halbe Stunde stromaufwärts entfernt gelegenen Thaer's Garten, dem einstigen Gute des landwirthfchaftlichen Reformators Albrecht Thaer, von dem das heutige kleine Vergnügungs-Etabliffement feinen Namen empfangen hatte. Dort sollten die in genügender Anzahl vorhandenen Kähne anlegen, ein „Kaffeetisch" sollte Alt und Jung vereinigen, Spiele würden folgen, dem einfachen gemeinsamen Vesperbrot sollte ein Tänzchen angereiht werden und dann auf den mit Lampions gezierten Boten der Rückweg zur großen Brücke angetreten werden, von welcher die Theiluehmer der Partie dann noch ein kleines auf dem Flusse selbst abgebranntes Feuerwerk genießen sollten. Zu schicklicher Abendstunde würde alsdann alles wieder daheim fein.
„Wie schön!" sagte Mariechen — „wir betheiligen uns doch, Mamachen, nicht wahr?"
„Als Hauptpersonen!" fügte Fritz Gerding artig hinzu. „Mir sind die ganzen Arrangements in die Hände gelegt. Ich werde als Leiter in dem ersten Bote fahren, darf ich hoffen, daß Du diese Ehre mit mir theilen wirst, Cousinchen?"
Marie blickte zur Mutter auf, und als diese lächelnd nickte, sagte sie unbefangen: „Recht gern, Fritz!"
„Aber mich laßt Ihr mit Eurer wässerigen Partie aus dem Spiele!" lachte der Oberamtmann. „Meine Frau wird als Garde-Dame wohl genügen, und ich komme dann wenigstens nicht um meine Whistpartie."
Nach dem Kaffee empfahl sich der Referendar. Seine College» erwarteten ihn aus der Bahnhofsrestauration zu einer Besprechung über die Gondelpartie. Er küßte seiner Tante ritterlich die Hand, nahm mit einem Händeschütteln Abschied vom Oberamtmann und wandte sich dann zu Marie. Er behielt ihre Hand, die sie ihm unbefangen gab, eine Secunde länger in der seinen, und als sie befremdet aufschaute, tras sie aus seinen Augen ein so leidenschaftlicher Blick, daß sie verwirrt den ihren senkte.
„Auf Wiedersehen!" sagte er laut und herzlich, und leise, so daß es ihr Ohr eben nur vernehmen konnte, fügte er hinzu: „Denk' an mich!"
Der Rest des Nachmittags und der Abend verrann in ruhiger Weise. Er brachte keinen Besuch, zu Mariens Erleichterung. Zum ersten Male fühlte sie sich in ihren Gedanken unfrei, wie von einem plötzlich über sie gekommenen Banne belastet. Sie sehnte die Stunde herbei, in der sie ihr im oberen Stock nach der Gartenseite belegenes Stübchen aufsuchen konnte, und ging, als diese gekommen, hastiger als sonst die weißgescheuerte mit leise knirschendem Sand fein bestreute Treppe hinauf. Es war ihr, als müsse sie jetzt allein fein.
„Denk an mich", diese Worte Fritz Gerdings hallten in ihrer Brust nach. Noch war ihr Herz unberührt geblieben von mancher ihr weniger oder mehr verhüllt entgegengetragenen Neigung. Gewiß hatte es ihr nicht an Bewerbern gefehlt, aber nie hatte einer der jungen Leute, die das gastliche Haus ihrer Eltern in ihre Nähe geführt, einen tieferen Eindruck


