NnterchaltunHsblaLL zunr Gretzenev Anzeigen (G-nev<rl-Anzerg-p)
1894.
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Dienstag, Sen 5- Juni.
Die Hexe von Bingenheim.
Von Gg. Schäfer.
(Fortsetzung.)
Rüstig schritt Sibille in die Waldespracht hinein, lautlose Stille herrschte wie in einer Kirche an Wochentagen. Nach einer Viertelstunde war der Kamm des Höhenzuges erreicht. Von hier neigt sich der Pfad sanft abwärts, da und dort von eileren Stellen unterbrochen. Tags vorher hatte es geregnet; ' ’c fette Wetterauer Boden ist dann sehr schlüpfrig, an steilen Wegstellen erfordert es Vorsicht, daß der Wanderer nicht ausgleitet. Leichtfüßig eilte die schöne Maid durch den Forst; an einer steilen Stelle schoß plötzlich und mit heftigem Geräusch . ;n Reh über den Pfad. Sibille schrak empor, die Füße glitten ab und das Mädchen stürzte zu Boden. Ein stechender schmerz, als würde ihr eine glühende Nadel in das linke Knöchelgelenk gestoßen, durchzuckte den Körper. Sie richtete sich auf, aber den verletzten Fuß konnte sie nicht gebrauchen; sobald sie auftreten wollte, vervielfachten sich die Schmerzen. Der Fuß war umgekippt, es hatte eine Flechsenstreckung stattgefunden.
„Was nun?" fragte sich das tapfere Mädchen, welches muthig den Schmerz verbiß. Sibille hinkte mühsam nach der Stelle, wo das mit den Einkäufen gefüllte Körbchen lag und hob e« auf. Dort fand sie einen dürren Ast, den sie als Krücke benutzte und sich damit einige hundert Schritte vorwärts arbeitete. Der Ast brach, fast wäre die Gequälte von Neuem zu Boden gestürzt. Der Fuß fing an, zu schwellen, sie konnte sich nicht darauf stützen, weil die Schmerzen zu heftig wurden. Langsam ließ sie sich zur Erde nieder- „Was soll aus mir werden," fragte sie, „wenn das Mißgeschick keinen Wanderer herbeiführt? Im Walde unter wilden Thieren übernachten oder, was noch schlimmer, rohen Menschen in die Hände fallen, wie wir es am Frühlingsfeste erlebten!"
Sibille raffte ihre ganze Willenskraft zusammen und arbeitete sich einige Schritte vom Pfade ab hinter einen mächtigen Buchenstamm, auf dessen Wurzeln sie sich niederließ und den Versuch machte, den Schuh vom Fuße zu bringen. Die Anstrengungen waren vergebens, der Fuß war bereits so geschwollen, daß der Schuh durch Ziehen nicht mehr beseitigt werden konnte; ein Messer hatte sie nicht.
Die Sonne sank tiefer gen Westen, im Walde fing es an, zu dunkeln. „Herr mein Gott und himmlischer Vater, hilf mir! Lasse mich nicht elendiglich hier zu Grunde gehen!" betete sie au» tiefster Seele.
Es wurde dunkler. Das Nachtgethier regte sich; ein Fuchs schoß über den Pfad, Fledermäuse und Eulen huschten in den Baumwipfeln umher. Ein Flug Raben setzte sich auf die Buche und begann sein Krächzen, das unheimlich im Forste widerhallte.
Nun war es ganz dunkel. Bald darauf zeigte sich im Osten ein glühender Schein, der Wald schien in Flammen zu stehen. Es war der Vollmond, der majestätisch, wie das Auge Gottes, hinter den Bergen emporstieg.
Sibille faltete die Hände. „Ob ich schon wanderte im finsteren Thal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab tröstet mich!" sprach sie.
Still und regungslos, das Haupt an den Buchenstamm gelehnt, die Hände gefaltet, faß sie da und ergab sich in ihr Schicksal. Der Mond stieg höher, den Pfad auf eine größere Strecke mit hellem Lichte überfluthend.
Von weit her ließen sich Schritte vernehmen, die tiefe Ruhe trug den Schall heran. Bald zeigte sich ein Wanderer, der mächtig ausschritt. Der Vollmondschein ließ seine Gestalt deutlich erkennen — Bardenstein, den Rentmeister. Dienstgeschäfte hatten ihn am Morgen in's jenseitige Thal gerufen. Nun befand er sich auf dem Rückwege. Sibille erkannte ihn sofort.
Fast wäre ein Jubelschrei dem geängsteten Mädchen aus dem Munde entflohen; Sibille bezwang sich. Bardenstein, den zu fliehen sie sich heilig gelobt, sührt das Schicksal zu dieser Stunde und in dieser Lage hierher. Nein, lieber sterben, als allein mit dem Jüngling hier sein! Lieber die heftigsten Körper- und Seelenqualen aushalten, als Unrecht thun!
Sie wußte, daß man im Walde nicht oder nur schwer bemerkt und gesehen wird, wenn man sich ganz ruhig hält. Regungslos verharrte sie in ihrer Lage; der Wanderer kam schnell näher. In den Baumwipfeln gab es Bewegung; der Nachtwind hatte sich aufgemacht und trieb die Aeste hin und wieder. Lichtreflexe des Nachtgestirns drangen durch die bewegten Buchenzwetge und huschten über das bleiche Antlitz der hilflosen Maid. Mit einem Ruck hemmte der Wanderer den Schritt, er hatte die Frauengestalt am Buchenstamme mit seinen scharfen Augen entdeckt.
„Wer seid Ihr, Weib oder Fee, daß Ihr zur Nachtzeit im Forste weilt?" fragte der Jüngling, indem er dicht heran trat.
Sibille wandte das schöne Haupt ein wenig zur Seite; so trafen die Vollmondstrahlen ihr getsterbleicher Antlitz.
„Ist es Dein Geist oder bist Du in Körpergestalt hier bei mir!" rief Bardenstein, indem er das Haupt des Mädchens zwischen seine Hände faßte, vor ihr niederkntete und sie stür-


