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grade dieses war wieder ein Grund für den Richter, anzunehmen, daß der Schweinehirte ein Hexenmeister und Zauberer sei.
„Der peinlich Befragte hat sich mit teuflischer Hülfe unempfindlich gemacht," sprach der Richter- „Untersuche Alles auf's Genaueste, Meister, seine Kleider und seinen Körper, ob Du nichts Verdächtiges vorfindest."
Nachdem Alles äuf's Sorgfältigste untersucht worden war, erklärte der Schinder: „Ich kann nichts finden, Herr Richter, es ist Alles in Ordnung."
„Dann ist es lediglich Verstocktheit von dem Verbrecher!" rief Caspari entrüstet- „Wir müssen zu schärferen Graden übergehen."
„Quält mich nicht länger, Herr Richter!" sprach der Gefangene, nachdem man ihm den Knebel aus dem Munde genommen. „Ich bin des Lebens satt- Bringt mich um, wie Ihr wollt; köpft mich, hängt mich auf, laßt mich durch Ochsen in Stücke zerreißen, schleppt mich zum Scheiterhaufen. Ich will sagen, was Ihr mir vorhaltet, aber unschuldig will ich sterben; ich bin kein Zauberer, ich habe des gnädigen Herrn Kindlein nicht umgebracht, darauf will ich leben und sterben."
„Ziehet den hartnäckigen Sünder vorwärts auf und gebt ihm dreißig Ruthenstreiche," befahl der Richter. Ms nach dieser Procedur kein Geständniß erfolgte, hieß es: „Ziehet den Sünder rückwärts auf!"
Die Arme wurden rückwärts gedreht, so daß sie grade über dem Kopfe standen; dadurch traten die Schulterknochen aus ihrer Verbindung; an den Händen wurde der Gefolterte empor gezogen, daß die Füße eine Spanne weit von der Erde standen. Die Qualen des Gefolterten waren so gräßlich, daß er nicht länger widerstehen konnte.
„Laßt mich los, ich will Alles gestehen," stöhnte er. •
Der Richter befahl, den Gefolterten abzunehmen und loszubinden; dann wurden ihm die Glieder wieder eingerichtet und ihm etwa« Ruhe gegönnt.
(Fortsetzung folgt.)
Werthers Schatten.
Novelle von Carl Cassau.
(Fortsetzung.)
Der Vater wollte gehen, Weither rief ihn zurück und erklärte demüthig: „Verzeihe, Vater, daß ich diese Nacht so spät gekommen, es wird aber jetzt anders!"
„Ist es denn Ernst, mein Sohn? Gott segne Dich!" Und Thränen standen dem alten Mann in den Augen.
„Ja, mein Vater," versicherte Weither, „von nun an werde ich eifrig studiren!"
Herr Helbig theilte den Entschluß des Sohnes seiner Frau mit und diese bestätigte jetzt mit großem Selbstgefühl: „Ja, ja, ich hab's ja stets gesagt, es steckt ein guter Kern in dem Jungen!"
Jndeß wandelte Werther im dunkelblauen Gehrock mit blanken Knöpfen, gelber Weste, grauen Kniehosen, bläulichen Strümpfen, gelb ausgeschlagenen hohen Stiefeln, an Hals und Brust ein krauses Jabot, an den Händen Spitzenmanschetten, auf dem natürlich gelockten Kopfe einen halbhohen Hut mit breitem Rande ins Nachbarhaus, um seinen Besuch bei der Familie Woland zu machen. Er war eine stattliche Erscheinung, wohl würdig, einer Jungfrau Herz mit Entzücken zu erfüllen.
Werther fand die beiden Schwestern allein. Herr Woland sei auf einer Geschäftsreise begriffen, erzählten sie, nöthigten aber den Nachbar ins Gartenzimmer, wo das Clavizimbel aufgefchlagen war und mit Noten belegt zuerst ins Auge fiel. Offenbar hatte Sophie gesungen, setzte sich aber mit einer Stickarbeit Werther gegenüber, während Laura mit einer Stickerei am Tische vor dem Kanapee Platz nahm.
Es bestand ein großer Contrast zwischen den Geschwistern. Laura, etwa achtzehn Jahre alt, war hellblond und schlank
gewachsen, im Gesicht von glücklicher Regelniäßigkeit, und hatte dunkele Augen, Sophie war viel kleiner und zierlicher gewachsen und brünett; die dunklen Augen aber hatte sie wie Laura von der Mutter geerbt.
Die jungen Leute sprachen von der Kinderzeit, wie sie zusammen auf den großen Steinen in der Schwalb getanzt, im Hofe Verstecken gespielt und sich zusammen belustigt hatten.
Die Mädchen plauderten entzückend, obwohl sie etwas bedrückt schienen. Jetzt entdeckte Werther im Bereiche seiner Hand ein Büchelchen mit Goldschnitt. Er nahm es und las „Die Leiden des jungen Werther von Wolfgang Goethe." „Ein neues Opus von diesem begabten Dichter?" fragte er. „Kennen Sie es noch nicht?" fragte Sophie. „Ein entzückendes Meisterwerk!" versicherte Laura.
„Wenn Sie sein Lobredner sind, ist es das gewiß! Darf ich es mitnehmen und lesen?"
„Laura nickte, Sophie aber meinte: „Mir ist es zu rührselig, es ist wie unsere ganze Zeit! Lessing in Wolfenbüttel nennt das Buch verächtlich-großartig und klein-gigantisch.
„Sonderbar!" bemerkte Werther.
„Wenn das Buch nur nicht ein böses Omen für Sie ist, Herr Nachbar; Sie heißen ja auch Werther!" sagte dann Sophie naiv.
„Wie liebenswürdig, daß Sie sich selbst meines Vornamens erinnern!"
Er richtete diese Worte mehr an Laura, Sophie aber bemerkte dazwischen: „Nun, kommen Sie mir doch zu Hülfe, Sie Lateiner! Sie haben ja ein Sprichwort: Nomen — nomcn —“
„Sie meinen: Nomen est omen ?"
„Ja, ja, das meine ich!"
„Ich will nicht hoffen, daß es auf mich Bezug habe! Sie sind musikalisch, Fräulein Sophie?" frug Werther dann.
Sie nickte lächelnd.
„So singen Sie uns ein Liedchen!"
„Gern."
Sie setzte sich ohne Prüderie an's Spinett und fragte, schelmisch über die Schulter sehend: „Ist Goethe Ihr Liebling?" „Ich lese ihn gern! ' gestand Werther. „Den Götz habe ich sogar einige Male durchstudirt!"
„Ja, ja, Goethe greift nach dem Lorbeerkranz!" meinte Laura, „Werthsrs Leiden werden seinen Ruhm unvergeßlich machen!"
„Sie sprechen wie eine Prophetin, Fräulein Laura!" rief Werther nun begeistert aus, Sophie aber half der erröthenden Schwester über den Augenblick hinweg, indem sie leise intonirte und mit ihrer schönen Altstimme begann:
Holde Maid, in süßer Ruh! Ach, Dein Bild wird nicht erbleichen, Wird in meine Träume reichen, Mir nicht aus dem Herzen weichen. Gute Nacht, ruf ich Dir zu: Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh!
Jetzt war die Reihe des Erröthens an Werner, denn er erkannte sofort Reißners Improvisation wieder.
„Ist es von Goethe?" fragte Sophie lachend.
„O nein, nicht von so edler Herkunft," stotterte Werther. „Reißner ist der Verfasser! Er ist Dichter und Musikus!" „Also Ihr Freund brachte uns das Ständchen?" fragte Laura sichtlich erfreut.
„Ich bitte über meine Eröffnung schweigen zu wollen!" bat er noch.
„Natürlich!" versicherte Laura. „Aber nun, Sophie, singe uns doch das Veilchen von Goethe!"
Sophie begann sogleich: „Ein Veilchen auf der Wiese stand!"
Die Composition war gut, der Vortrag dramatisch belebt. Mit Interesse lauschte Werther, Laura dachte wohl an etwas anderes, denn ihre Augen starrten in die Ferne.
„Und sterb' ich dann, so sterb' ich doch Durch sie, durch sie Zu ihren Füßen doch!"


