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teten die weißen Gesichter der polnischen Ttarosten und Starostinnen aus den alten Bildern, die man hier aufgehängt hatte, in dem grauen Zwielicht hervor.
In fiebernder Hast stolperte der Alte über die weichen Matten hinweg, welche den Boden bedeckten, — schon wollte er die schwere Hausthür öffnen, da hörte er die Küchenthür gehen und Michalina» in Holzpantoffeln steckende Füße eiligst herüberklappern.
„Wer ist da?" zeterte sie, dann trat sie näher. „Ach, liebe» Herrgottchen, Sie sind noch immer hier?" Sie schlug die Hände ineinander. „Na, wa» wollen Sie denn noch? Ich meine, Sie könnten längst gegangen sein, — denn mit der Jadwiga und Ihnen ist'» doch nun vorbei. Oder denken Sie etwa, solch' ein gnädiges Fräulein — na, das stellt sie doch jetzt vor — wird einen alten Trunkenbold noch Väterchen nennen?"
„Nein, nein, das geschieht nie mehr," wimmerte der Alte, „und ich bilde es mir auch gar nicht ein. Aber wenn ich daran denke, dann schüttelt'» mich, dann bricht mir das Herz mitten durch. Habe gar nicht gedacht, daß ich so an dem Mädel hänge. Aber sie war auch so gut und brav, so zu- frieden mit ihrem Geschick und keine Arbeit hat sie jemals verdrossen. Und ich habe ihr nichts dafür geboten, als Scheltworts, Armuth und Noth!"
Er verstummte und fuhr sich mit beiden Händen in fein graues Haar.
„Ja, das habt Ihr, Gott fei's geklagt. Aber nun kommt die Strafe, denn wie man sich bettet, so schläft manl"
Dem alten Wytek stieg eine dunkle Röthe in das fahle Gesicht, einen Moment klammerte er sich an das Treppengeländer an, dann taumelte er weiter-
Al« er vor das Haus trat, prallte ihm ein furchtbarer Windstoß entgegen, der mit rasender Wuth um die Mauern tobte. Sein Blick streifte den Himmel, von dem das dichte Schneegestöber in großen, breiten Fetzen herabflatterte. Eine Weile zögerte er noch, dann schritt er in das wilde Wetter hinan»-
Und während er langsam auf der Landstraße weiter wanderte, fiel plötzlich ein Hoffnungsstrahl in feinen trostlosen Jammer hinein. Er wollte von jetzt an wirklich ein anderer besserer Mensch werden, immer hatte er es sich bloß vorgenommen, aber niemals halte er Stand gehalten, stet» war er wieder in seine Fehler verfallen- Aber jetzt wollte er wirklich und wahrhaftig. Sein Fuß sollte die Schänke nicht wieder betreten und kein Branntwein ihm die Lippen mehr netzen, nein, niemals mehr. Und dann würde Gott ihm verzeihen und die Jadwiga ihn nicht mehr verachten oder sich seiner schämen.
Und als wenn diese Gedanken ihm Kraft verliehen, so schritt er jetzt rüstiger vorwärts, trotzdem ihm das eisige Gestöber das Gesicht peitschte und die Glieder erstarrte.
Es war still und einsam um ihn her, nur ein junger Bursche mit dem Schießprügel auf der Schulter trottelte über das Feld, um Krähen zu schießen. Als der Alte die Stadt erreichte, kam ihm aus den Gaffen die Jugend Czenstochau» entgegen, welche sich trotz des Unwetter» im Freien herumtummelte, johlte und lärmte. Die Buben warfen sich mit Schneebällen und bauten an den Straßenecken einen riesigen Schneemann aus, und e» gab jedesmal ein mächtiges Geschrei, ein Jubeln und Jauchzen, wenn solch' ein ungeschlachter Geselle auf die Nase fiel und in alle Winde zerstäubte.
Der alte Wytek schlich trübselig an den Kindern vorüber, fein Mantel flatterte und er hielt den Kopf gesenkt. Wie stimmte auch dieser jugendliche Uebermuth zu dem schweren Kummer, der wie Centnerlast sein Herz bedrückte I Vor einem Kramladen, von dessen Schilde ein grell gemaltes Muttergottesbild herniedergrüßte, blieb er stehen, zog ein ledernes, schmutziges Beutelchen hervor und zählte den Inhalt.
„Drei Rubel und zwanzig Kopeken!" flüsterte er. „Die Rubelscheine sind von der Jadwiga, das gibt drei große ge- weihte Kerzen für ihre Mutter — für das Grab; die brenne ich ihr heute noch an. Die Handvoll Kupfermünzen reichen noch gerade zu einem heißen Becher Thee und zu dem Bak
schisch für die alte Mascha, und nachher hole ich mir mein Tractament!"
Und nun trat er in den Laden und kaufte die Kerzen ein. Al» er wieder heraurkam, drängte sich eben ein Trupp Unlformirter durch die schmale Gasse. Mit einem wahren Höllenspeetakel wurde der Kamerad begrüßt.
„Wo hast Du in drei Teufels Namen so lange gesteckt, Brüderchen?" schrie man ihn an. „Komm' mit uns, denn ein schlechter Kerl ist Der, welcher nicht heute auf Väterchen Zars Gesundheit trinkt!"
Der Alte schüttelte abwehrend den Kopf, aber schon hatte einer der heftig gesticulirenden und schreienden Männer seinen Arm gepackt und ihn gewaltsam mitgezogen — in das Gasthaus zum Engel, der Schänke, die sein Fuß niemals wieder betreten wollte.
Es war ein ungastlicher, verräucherter Raum, diese Engelschänke. Die einstmals weißgetünchten Wände trugen jetzt alle Farben des Regenbogens an sich. Von der schwarzen Decke hing eine qualmende Oellampe herab und mit dem Dunst derselben mischten sich Alkoholdüfte und Juchtengeruch. Mitten auf dem großen Tische stand ein ungeheurer kupferner Samowar und ein schmutziger, gluthäugiger Junge, Bocher genannt, zapfte Tag und Nacht das schwärzliche Gebräu, den Thee, in blechernen Bechern für die Gäste ab.
An diesem Orte fanden sich täglich eine Anzahl von Leuten ein, die zum Militär gehörten, um Thee und Branntwein zu trinken und Karlen zu spielen. Sie war das Eldorado der Untermieten der Czenstochauer Grenzwachtbrigade.
Nach dem Läuten der Abendglocken sollten eigentlich im Engel keine Getränke mehr verabreicht werden, aber die Gäste entfernten sich nur durch die Vorderthür, um sofort durch die Hinterthür wieder herein zu kommen. Nun wurden die Fenster verstopft und das wüste Zechgelage mit Toben und Brüllen fortgesetzt. Der gequälte Wirth mußte große Quantitäten Branntwein herbeischleppen, wofür ihm ost der Lohn mit derben Fäusten auf den stet» demüthig gebeugten Rücken ausbezahlt wurde- Doch er beklagte sich niemals darüber, sondern hielt fein Zünglein fein säuberlich im Zaum und ertrug die Püffe und Plackereien der „gnädigen Herren" geduldig und ohne Murren, denn er fand seine Rechnung dabei.
Der Lieutenant Wytek wurde von seinen Kameraden au die große Tafel geschleppt und das Gelage begann. Wie da» durcheinander schrie und lärmte, wie toll mit den schweren Stiefelabsätzen den Boden stampfte, mit den Säbeln raffelte und den Fäusten herumfuchtelte-
„Jtzigleben, Wodki her," brüllte der Wachtmeister. — „Schwerenoth, hö-st Du nicht, Hundeseele I Rasch, dreißig Becher vom Besten, wir haben heute Tractament gekriegt und können zahlen! Und hole einen Jeden der Teufel, der nicht» drausgehen läßt!"
Der zitternde Wirth schleppte mit dem kleinen, immer grinsenden Bocher schleunigst herbei, wa» die Herren befahlen. Der Wachtmeister erhob sich und brachte ein Hoch aus den Zaren au», in welche» die Anderen voller Enthusiasmus einstimmten. Im Nu waren die Becher geleert, die letzten Tropfen wurden auf die schmutzigen Dielen gegossen und so ging e« fort, immer weiter fort bi» in den Abend hinein.
Der alte Wytek konnte feit seiner Krankheit den Branntwein nicht mehr recht vertragen. Er hatte rasch und hastig ein paar Becher hinuntergestürzt und schon erhitzte sich ihm der Kopf. Nun fing er sofort, wie er es immer im Rausche ge« than hatte, zu schimpfen an, zu fluchen und mit der Faust auf bin Tisch zu schlagen, daß die Platte krachte. Dann wurde er still und stiller und starrte mit verglasten Augen vor sich nieder-
So saß er lange Zeit theilnahmrlos da- Alsdann stand er plötzlich auf, nahm seinen Mantel um und wankte zur Thür.
„Wohin willst Du, Brüderchen?" fragte einer der Kameraden-
„Rach der Rochuscapelle," lallte der Alte, „ich will drei rothe geweihte Kerzen auf das Grab stecken — der Herrgott


