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üHtzehn Jahren eine treue und liebende Gefährtin gewesen war. Sie hatte ihm in den schwierigsten Verhältnissen Proben ihrer Willenskraft, Umsicht und Herzensgüte gegeben, er vertraute ihr unbedingt und trug sie gleichsam auf Händen. Trotzdem hatte er niemals den Muth gehabt, über seine Jugendliebe ganz offen und ehrlich mit ihr zu sprechen, und die Gräfin war durch die plötzlichen Enthüllungen ihres Gemahls schwer betroffen. Aber stets gewohnt, sich mit weiser Klugheit in jeder Lebenslage zurechtzufinden, verbarg sie auch jetzt ihr blutendes Herz unter Seelenstärke und unveränderter Gattenliebe.
„Deine Großmuth beschämt mich," rief er endlich aus, „das hätte ich nicht von Dir erwartet, Antonia. Wie soll ich Dir danken und wie soll ich Gott danken, daß er unsere Schritte nach Czenstochau lenkte?"
„Ja, unsere heilige Maria kann wahre Wunder verrichten," fiel ihm die Pani Casimira in’« Wort. „Denn das ist klar, wären Sie nicht zur Wallfahrt zu uns gekommen, so hätten Sie Ihre Tochter nicht wiedergefunden. Ja, die Madonna, die schwarze Madonna! Und war die Marienmädchen, die hochnäsigen Dinger, nun wohl sagen werden, sobald sie die Wahrheit erfahren? Aergern werden sie sich, ärgern, bis sie schwarz sind, wenn erst die Jadwiga als Grafentochter in der noblen Equipage ihres Vater«, mit den Dienern in Livree auf dem Kutscherbock, zur Kirche fährt oder ihre Visiten in den Daschken der Edelleute macht- Aber Strafe muß sein! Und nun vollends der Roman, ja, der Roman —" Sie schwieg erschrocken und warf einen scheuen, verlegenen Blick auf Gräfin Antonia hinüber.
„Wir werden sofort mit Jadwiga nach Schloß Jutroschin reisen," sagte sie bedeutungsvoll; „unsere Tochter muß sich erst in die neuen Lebensgewohnheiten hineinfinden, später gehen wir auf längere Zeit in’s Ausland mit ihr, damit sie auch die große Welt kennen lernt. — Und nun, lieber Stanislaw, gieb Deine Befehle zur Abreise, wir dürfen keine Zeit mehr verlieren." —
Eine Stunde darauf stand ein großer Schlitten vor dem Herrenhause von Lygotta, in welchem die Kwilecki« und Frau von Bielinska Platz nahmen. Die Damen waren in kostbare, mit Hermelin verbrämte und gefütterte Sammetmäntel gehüllt. Der Graf trug einen Astrachanpelz und ebensolche Mütze. Alle Drei hielten Sträuße von rothen Rosen in den Händen, die der Gärtner noch in aller Eile dem Treibhause entnommen hatte. Franuschek breitete große Bärenpelze über den Schlitten aus. Dann steckte er noch ein paar geladene Pistolen hinter die Sitzkissen zur Abwehr gegen dis Wölfe, die mit Eintritt des Winters aus den dichten Wäldern kommen, um auf Beute zu lauern.
Franuschek sah mit seiner kurzen, breiten Figur, dem dicken Schafpelz und der Lammfellkapuze wie ein Eskimo aus. Ehe er sich auf den Bock schwang, nahm er noch verstohlen einen tüchtigen Schluck au« seiner Branntweinflasche, dann brachte er mit einem energischen Knutenhiebe die schnaubenden Pferde in Gang und der Schlitten sauste mit melodischem Schellen- geläute über die weiße Fläche dahin durch Nebel und wildwogendes Schneegestöber.
Die Landschaft war weit und breit in ein weißes, blendendes Leichentuch eingehüllt, jeder Leben war erstorben und feierliche Ruhe lagerte über dem großen Grabe. Nur der Wintersturm tobte und heulte und die Bäume bogen sich unter feinem Anprall fast zur Erde, er wühlte die sonst so träge Wartha in ihren tiefsten Tiefen auf, daß die mit weißem Gischt gekrönten Wellen schäumend über die Ufer brachen. Ueber dem heiligen Berge wälzten sich schwarzgraue Wolken, welche der Sturm in unheimlichen Wirbeltänzen umeinander drehte, dazu stöhnten die Wetterfahnen auf den Klosterthürmen, die Fensterläden klapperten und es rauschte und brauste in der Luft, als solle die Welt untergehen.
Immer schneller jagte der Schlitten dahin. Von Czenstochau nach Posen war eine weite Strecke zu durchfahren, beinahe zweihundert Werst. Eisenbahnen gab er in Polen zu jener Zeit noch nicht viel und die Reisenden wollten rasch zum Ziele gelangen. Dabei die sibirische Kälte und so weit da«
Auge reichte, nur Schnee, schimmernder, frischgefallener Schnee und brauende, wallende Nebel. Mitunter drang ein greller, gelber Sonnenblitz durch die wirbelnden Dunstgebilde, dann hoben sich die unabsehbaren Tannenwälder wie schwarze Schatten von dem bleifarbenen Himmel ab.
Al« der Schlitten bei der Rochuscapelle ankam, hemmte Franuschek den rasenden Lauf de« Gespann«. Um da« kleine Gotteshaus tobte der Sturm in seiner ganzen Wildheit und Stärke. Er polterte, pfiff und raffelte mit voller Gewalt durch die Luken des schmalen Glockenthurme« und schleuderte das kleine Glöcklein hin und her, daß es wimmernd und klagend seine eherne Stimme erhob. Er klang schaurig wie Geistergesang! Und in das Heulen und Brausen des Schneesturmer, in das wimmernde Klagen de« Glöckchens mischte sich das heisere Gekrächz der Raben, welche unruhig den Schlitten umkreisten.
Frau von Bielinska erbleichte, sie fühlte kalten Schauer ihre Glieder durchrieseln und wickelte sich fester in ihren Pelz.
„Heilige Jungfrau, beschütze uns!" rief sie entsetzt. .Hören Sie, Antonia, das ist der Rochus, der nach seinem Opfer schreit. Er sitzt in seiner Karthause und sinnt auf Verderben! Hören Sie, wie er ruft, das gibt ein Unglück, sagen die Leute!"
Die Gräfin zuckte spöttisch die Schultern. „Aberglaube, Casimira, thörichter Aberglaube, wie kann nur ein vernünftiger Mensch an solchen Unsinn denken!"
Der Graf erhob sich von seinem Sitze, er blieb hoch- aufgerichtet im Schlitten stehen und blickte zur Seite, wo der Kirchhof lag. Seine dunklen, traurigen Augen schweiften über die Gräber, zwischen denen ein fahlgrauer Dunst wogte und wallte. Dann entblößte er da« Haupt und murmelte ein kurzes Gebet. Gleich darauf schleuderte er mit dem Rufe: „Gott sei ihrer armen Seele gnädig!" den Rosenstrauß über die Grüfte. Die Damen folgten seinem Beispiel und die rothen Rosenblätter flatterten wie Blutstropfen über den weißen Schnee.
Das war ein Opfer, das man nach alter polnischer Landessitte zur Winterszeit den Verstorbenen brachte.
Und wieder ließ Franuschek« derbe Faust die Geißel spielen und wieder jagte der Schlitten durch Sturm und wild- wirbelnde« Gewölk.
Graf Stanislaw« Züge hatten sich erhellt, er lächelte still vor sich hin. Von der Tobten flogen seine Gedanken weit, weit hinaus in die neblige Ferne, sie wandten sich von der Trauer und dem Kummer der Gegenwart ab und lebten sich in freundliche Zukunftsträume hinein. Mit halb geöffneten Lippen athmete er die kalte Winterluft, sie erfrischte und stärkte ihn. Und in den Stimmen der empörten nordischen Natur hörte er nur immer ein Wort, ein einziges Wort. Es tönte wie süßes kindliches Schmeicheln in seine Seele hinein, um mit harmonischem Nachhall darin auszuklingen. Und dieses Zauberwort hieß Jadwiga! — Und Jadwiga, Jadwiga! - so hallte es im Sturm und immer wieder in sein lauschendes Ohr. —
Der Lieutenant Wytek war nach dem schnellen Aufbruch der Herrschaften allein int Salon zurückgeblieben. Niemand kümmerte sich um den alten Mann. Er lehnte noch in seinem Sessel und starrte mit trüben Augen gegen den Plafond; auf seinem Antlitz lag tiefer Gram.
„Nun ist Alles aus," murmelte er vor sich hin, „meine Freude und mein Glück, denn ich werde die Jadwiga nicht mehr wiedersehen. Ich muß mein Elend und mein zerbrochenes Leben einsam weiterschleppen bis an'« Ende! Freilich, der liebe Herrgott wird schon wissen, warum ich so schwer büßen muß, — aber ich ertrag'- nicht geduldig, da« bringt mich um — das ist mein sicherer Tod I"
Seine Worte erloschen, pfeifend ging ihm der Athem aus der Brust. Nach einer Weile schnellte er auf und tastete nach seinem Baschlik. Er zog ihn hastig über den Kopf und wankte hinaus.
Im Treppenhause war e« dämmerig, gespensterhast leuch-


