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1894.
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Donnerstag, den 5. April.
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Die Wallfahrt nach Czenstochau.
Roman von Johanna Berger.
(Fortsetzung.)
Nach einem tiefen Seufzer fuhr der Graf wieder fort: „Meine Wunde gestattete mir nicht, sofort nach Deutschland zu reisen, ich mußte noch warten, warten mit einem Herzen voller Sehnsucht und Ungeduld. Das innere Fieber verschlimmerte mein Leiden und feflelte mich von Neuem an mein Bett. Und inzwischen trat die Katastrophe ein, früher, als ich ver» muthete. Margarethe hatte mir eine Tochter geschenkt.
Da weinte ich wie ein kleines Kind, weinte viele Tage und Nächte hindurch; ich litt furchtbar, ich war wie wahnsinnig. Denn nun erst, nachdem Unglück und Schmerzen mich geprüft hatten, wo das feurige junge Blut sanfter und milder geworden war, kam mir mein grenzenloser Leichtsinn, meine ungeheure Schlechtigkeit zum Bewußtsein! Denn gerade jetzt in der Noth, in der Gefahr mußte ich fern von Margarethe bleiben, in den schweren Stunden, wo meine Gegenwart durch die Pflicht der Liebe durchaus erforderlich war. Mit lahmen Gliedern war ich an mein Schmerzenslager gebannt, ich konnte nicht zu ihr eilen, ich konnte nur Thränen vergießen und in ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen knirschen. Und mein arme» blondes Lieb litt noch mehr wie ich, tausendfach mehr. Er gab viele Klatschbasen in Ems, alte und junge, und sie steckten ihre Köpfe zusammen und zischelten mit den giftigen Zungen. Alle», war man nur Schlechtes von einem Mädchen glauben kann, sagten sie Margarethen nach. Und in kurzer Zett war ihr Ruf zerstört, ihre Ehre vernichtet. Fürsprecher hatte das arme Wesen ja nicht und ich konnte ihr nicht zu Hülfe kommen. Die Freunde zogen sich von ihr zurück, denn die Welt ist ja so liebelos und so hart — und bald stand sie vereinsamt, verlassen und gemieden da. Ja, sie mußte den bitteren Kelch bis zur Neige leeren und das brach ihr das Herz, das konnte sie nicht Überstehen. Voller Verzweiflung schlug sie einen eigenmächtigen Weg ein, denn ohne mich zu benachrichtigen, noch schwach und krank und jedes Schutzes entbehrend, nahm sie ihr Kindchen auf den Arm und trat die Reife zu mir nach Polen an.
Von diesem Tage an blieben Margarethe und unser Töchterchen spurlos verschwunden. In damaliger unruhiger Zeit lauerte in Polen noch Gefahr und Tod auf jedem Schritte und dabei ging manches Menschenleben zu Grunde, ohne daß jemals die geringste Kunde zu den Angehörigen drang. So blieben auch meine Nachforschungen nach den so räthselhaft Verschwun
denen ohne jeden Erfolg. Aufrufe in Zeitungen und anderen öffentlichen Blättern waren ebenso nutzlos, wie die Einmischung der Behörden, die ich zur Hülse nahm. Auf der weiten Reise durch da» fremde, augenblicklich so verwilderte und unwirth« ltche Land waren alle Beide verloren gegangen und verschollen. Wo und wie, habe ich niemals erfahren können. Dann kamen ein paar lange, erbarmungslos lange Jahre für mich voll Wchmuth und Trauer — endlich verwischte sich Alles, was mir unverwischbar erschien. Ich schloß mit der Vergangenheit ab, sie erschien mir nur noch wie ein entschwundener Traum, und ich begann ein neues, von Gott begnadigtes Leben.
Aber jetzt werde ich wieder Tag und Nacht daran denken müssen, einem armen Sünder gleich, der feine Schuld nicht sühnen kann, ich mag leben oder sterben, denn meine Jugendsünde ist es, die Margarethe hinaus trieb in den Tod, in das Verderben. Und das martert mir das Gewissen entzwei — das tödtet mich, Jffus Maria, das überwinde ich nicht."
Noch hatte der Graf nicht ausgesprochen, als auch seine Gemahlin schon zu ihm trat und ihm sanft die Hand auf den Mund legte.
„Stanislaw, beruhige Dich," sagte sie ernst. „Gott ist barmherzig und Reue entsühnt! Aber das Recht der Lebenden ist größer, wie das der Tovten — und Dir lebt eine Tochter, Margarethes Kind. An ihr kannst Du gut machen, was Dir an Jener versagt war. Kommt die Hülfe auch jetzt erst, so wird es doch nicht zu spät sein. Und ich — ich helfe Dir dabei!"
„Mein Kind, ihr Kind: ja, es lebt, es ist da! Ach, Antonia, und Du selbst mahnst mich daran. — Du bist ein Engel voll Güte, Du verzeihst und richtest zugleich den Schuldigen auf!" Der Graf sprang hastig auf, sank vor ihr auf die Kniee und preßte seine Lippen auf ihre Füße.
„Nicht so, nicht so, Stanislaw I* Sie beugte sich zu ihm herab und reichte ihm die Hand. „Was ich thue, ist meine Gattenpflicht. Und wenn es Dir recht ist, so reisen wir noch heute nach Posen ab, um Jadwiga aufzusuchen und sie in andere, ihr würdigere Verhältnisse zu bringen. Es ist selbstverständlich, daß Du sie adoptirst und ihr alle Rechte etnräumst, auf welche sie als Deine Tochter Anspruch machen darf!"
Er erhob sich von seinen Knieen und zog seine Gemahlin in die Arme, er preßte sein bleiches, von Thränen überströmtes Antlitz fest an ihr Herz, an dies treue, edle Herz, das so seltsam mit der fast männlichen Energie ihre» Wesens con- trastirte. ,,, m ,
Der Graf hing mit schwärmerischer Verehrung an dieser verständigen, geistvollen und hochherzigen Frau, die ihm, dem etwa« characterschwachen und indolenten Manne, seit beinahe


