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ßebenen Versprechens, indem er auf diese Weise seinem eigenen Wunsche willfahrt!"
Mit meiner Freude war es halb vorbei.
Nun wurde eifrig hin und her berathen, wer zu dem Besuch nach Rodegg eingeladen werben sollte.
„Fräulein Mornau würden wir mit der Einladung glücklich machen; aber Hauptmann Röslin? Der ist so laut und wenig angenehm; nehmen wir statt seiner lieber Blanchard mit," entschied Josephine mit halb spöttischem, halb lächelndem Blick zu mir hin; „und Vetter Hugo natürlich auch."
Acht Tage später, an einem herrlichen klaren Juni- Abende, langten wir in ***dorf an, wo wir von Rodegg erwartet wurden. Blanchard mit meinem Handgepäck und ich waren die letzten, die aus dem Coupee stiegen, und mir wollte scheinen, daß bei Blanchards Anblick ein leichter Schatten über Rodeggs Stirn glitt; jedenfalls aber überwand er schnell wieder den kleinen Unmuth und hieß auch Blanchard herzlich willkommen.
Drei Wagen standen bereit, uns aufzunehmen. In dem ersten hatten Tante Aurelie und Fräulein Mornau schon Platz genommen, in den zweiten stiegen Vetter Hugo und Josephine, während der dritte offene Wagen noch seiner Jnsaflen harrte.
„Sie sind wohl so gut und nehmen Ihre Nichte mit in den geschlossenen Wagen? Sie sieht so angegriffen aus, daß ihr die feuchte Abendluft sicherlich nicht gut ist."
„O, bitte, nein! Lassen Sie mich hier in dem offenen Wagen fahren!" rief ich hastig. „Diese geschlossenen Wagen verursachen mir immer Kopfschmerzen."
„Die Luft ist heute Abend ja auch so mild und still," bemerkte Blanchard; da von Rodeggs Seite kein weiterer Einwurf erfolgte, stieg ich schnell in den letzten Wagen. Martha folgte mir, dann sprang Blanchard auf, nahm dem alten Thomas die Zügel aus der Hand, und fort rollten die Wagen, während Rodegg sich in den Sattel schwang und uns schnell nachkam.
Die ohnehin schon lange Fahrt vom Bahnhof bis zum Schloß wurde uns noch durch einen kleinen Unfall verlängert. Wir hatten höchstens die Hälfte des Weges zurückgelegt, als Blanchard plötzlich bemerkte, daß das eine Rav locker war. Glücklicherweise befanden wir uns in der Nähe einer Schmiede, als aber der Schmied erklärte, es werde eine kleine Weile dauern, bis der Schaden wieder hergestellt sei, schlug Rodegg vor, daß Martha und ich in den andern Wagen einsteigen sollten. Ich aber erklärte trotz Rodeggs wiederholter Aufforderung, ich wolle lieber warten- So blieben wir zwei allein. Doch hatten sich eine Anzahl Leute, die vom Felde hereingekommen waren, versammelt und umstanden den Wagen, der eilends reparirt wurde.
Wenige Minuten später kam ein fremdes Fuhrwerk heran; ein Herr sah aus dem Innern des Wagens und rief seinem Kutscher zu: „Was ist hier, Friedrich? Ist ein Unglück geschehen?"
„Schon wieder dieser mir verhaßte Doclorl" dachte ich beim Tone dieser Stimme, indem ich seinen Gruß sehr kühl und steif erwiderte. Aber ohne sich dadurch abschrecken zu lassen, stieg er aus und kam auf uns zu.
Kaum jedoch hatte er meinen Begleiter erblickt, als er in freudiger Ueberraschung ausrief: „Wie, Victor Blanchard? Wie in aller Welt kommen denn Sie hierher?"
Es entging mir nicht, wie dieser leicht zusammenzuckte und die Farbe wechselnd, aber schnell sich wieder fassend, entgegnete er: „Nicht minder verwundert, Sie hier zu sehen, möchte ich eine gleiche Frage an Sie richten "
Aus dem Tone seiner Stimme klang deutlich hervor, daß ihm das Begegniß im höchsten Grade fatal war, aber ohne sich dadurch beirren zu lassen, fuhr Doclor Feudler fort: »Mein Hiersein ist schnell erklärt. Als wir vor einem Jahrs m der Residenz von einander schieden, ging . . ."
»Erzählen Sie mir da» nachher," fiel Blanchard ihm
- schnell in's Wort. „Jetzt muß ich gehen und nach unserem Pferde sehen."
Damit eilte er schnell nach der Schmiede, aber Doctor Feudler folgte ihm und zog vertraulich Blanchards Arm durch den f einigen; und während das Pferd wieder vorgespannt wurde, waren sie in lebhafter Unterhaltung begriffen oder vielmehr, der Doctor sprach und der Andere hörte ihm mit schlechtverhohlenem Aerger zu; und als er wieder neben mir im Wagen Platz nahm, lag auf seinen Zügen deutlich Zorn und Aerger ausgedrückt. Da er aber nichts weiter über dies Begegniß sagte, so schwieg auch ich und bald war er wieder in seiner gewohnten heiteren Stimmung.
Eine halbe Stunde später trafen wir aus dem Schlosse ein. Es freute sich wohl Niemand mehr über mein Kommen, als Lisette. Sie nahm mich gleich in Beschlag und führte mich in mein Zimmer, auf das Niemand anders Anfpruch hatte als ich, wie sie meinte-
„Sonderbar," bemerkte sie, während sie mir beim Auspacken behilflich war, — „wie das Gesicht des jungen Franzosen mir bekannt vorkommt und doch sagen Sie, er sei das erste Mal hier in dieser Gegend?"
„Eine schwache Aehnlichkeit mit irgend Jemand wird Sie täuschen," versetzte ich leichthin, im Stillenaber doch fast peinlich von ihren Worten berührt, da ich im ersten Augenblick, als Blanchard mir vorgestellt wurde, einen gleichen Eindruck gehabt hatte.
Als ich am nächsten Morgen mein Zimmer verließ, war es noch ganz still im Hause. Ich steckte den Kopf in das Frühstückszimmer, da aber noch keiner der Gesellschast wach zu sein schien, beschloß ich, einen Gang durch den Garten zu machen; doch gerade als ich über den Corridor schritt, kam Victor die Treppe herab. Hastig kam er auf mich zu, ergriff meine Hand und war eben im Begriff, einen Kuß darauf zu drücken, als die Thür zu Rodeggs Arbeitszimmer sich aufthat und sein Besitzer heraustrat. Victor unterbrach in offenbarer Verlegenheit seinen galanten französischen Morgengruß, während mein Gesicht — das fühlte ich — sich dunkelroth färbte. Rodegg aber schien davon nichts zu bemerken, in seiner gewohnten ruhigen, höflichen Weise bot er uns einen guten Morgen und drückte feine Verwunderung darüber aus, uns schon so früh unten zu finden.
VIII.
Gleich die ersten zwei Tage wurden zu Partien benutzt, an denen aber ich wenigstens kein rechtes Vergnügen hatte. Wenn ich Vergleiche anstellte zwischen meinem ersten Hierfein und jetzt, da verließ mich aller Frohsinn. Rodegg hatte nur Interesse für Josephine, während er für mich glaubte, genug gethan zu haben, wenn er mir Blanchards Gesellschaft sicherte.
Am dritten Tage aber, als beim Frühstück ein weiter Ausflug für den ganzen Tag projectirt wurde, war ich dieser Art Vergnügungen so überdrüssig, daß ich, Kopfschmerzen vor- schützend, es vorzog, zu Hause zu bleiben. Gern freilich hätte ich meinen Entschluß geändert, als int letzten Augenblick auch Victor zurückblieb, um mir, wie er sagte, Gesellschaft zu leisten, damit ich mich nicht gar so einsam fühle.
Darin aber hatte er sich getäuscht. Bis Mittag blieb ich auf meinem Zimmer, dann suchte ich Frau Altener auf und half ihr wie einst bei ihren Berechnungen, die ihr, wie ich von früher her wußte, oft recht sauer wurden.
Endlich kündete das Rollen der Wagen die Rückkehr der Anderen an, und fünf Minuten später trat Rodegg bei uns wieder ein.
„Sie werden gewünscht, Frau Altener," sprach er zu dieser; „Fräulein Josephine hat sich den Fuß verstaucht; Sie sind wohl so gut und bringen ihr etwas Leinwand und auch Arnika."
„Warum kamen Sie heute früh nicht mit?" wandte er sich darauf zu mir, nachdem Jene das Zimmer verlassen hatte.
* „Weil ich nicht wollte," war meine trotzig gegebene Antwort.


