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einen Tanze folgte ein zweiter, ein dritter, und bald ward ch von dem berauschenden Strudel mit fortgeriffen.
Ich bemerkte, wie Rodeggs Blicke ernst und melancholisch auf mir ruhten, aber was war mir daran gelegen? Und doch eltsam — sobald er, zeitiger als die anderen Gäste, stch verabschiedet hatte, war es mit meinem Vergnügen halb vorbei — rotzdem er kaum zehn Worte mit mir gesprochen hatte, trotz aller Aufmerksamkeit des jungen Franzosen, der fast den ganzen Abend über mein Tänzer war.
Der Arzt kam, verschrieb etwas und gab Weisung, das Kindzsofort zu Bett zu bringen.
VI.
Zwei Tage später fand ein kleiner Ball im Hause statt; ich aber befand mich wenig in einer für derartige Festlichkeit paffenden Stimmung. Schon fuhren die ersten Wagen vor, schon sammelten stch die ersten Gäste, als ich noch immer bei der kleinen Else am Bett saß, sie in Schlas zu bringen. Tante Aurelie hatte schon wiederholt nach mir fragen lasten und endlich blieb mir nichts Übrig, äls das Kind mit einem herz- lichen Gute-Nachtkuß zu verkästen. Nach Handschuh und Fächer greifend, eilte ich die Treppe hinab; plötzlich aber höre ich meinen Namen rufen, und wie ich mich umwende, steht Else oben an der Treppe in ihrem langen, weißen Nachtkleid und bittet mich in flehendem Tone, ich solle doch bei ihr bleiben. Rasch eilte ich die Treppe wieder hinauf.
„Aber, Else, Du weißt, Mama wird böse, wenn ich nicht komme; Du wirst doch nicht wollen, daß ich gescholten werde. Komm', sei lieb, ich schicke Dir Anna, daß sie Dir recht schöne Geschichten erzähle."
Eine Minute lehnte sie ihre fieberheiße Wange gegen die meine, dann ging sie beruhigt wieder in ihr Zimmer. Als ich mich von meiner gebückten Stellung erhob, fiel mein Blick auf das Zimmer, das für diesen Abend zur Herren-Garderobe diente. Zwei Herren standen auf der Schwelle und waren offenbar Zeugen der kleinen Scene gewesen. Des Einen Gesicht war mir völlig fremd, der Andere aber kam mit aus- gestreckter Hand lächelnd auf mich zu. Verlegen legte ich meine Hand in dis seine, und mit der Erklärung, ich müffe die Jungfer rufen, lief ich davon, ohne ihm Zeit zu einem weiteren Worts zu lasten.
Als ich die Gesellschaftsräume betrat, wirkten die Musik, der helle Lichterglanz, der Blumenduft, die eleganten Toiletten — dies Alles zusammen so berauschend auf meine Sinne, daß ich mir vorkam, als wäre ich in dem Märchenwald, von dem ich in meiner Jugend so oft geträumt hatte.
Allmälig aber schwank der Zauber und die Wirklichkeit machte sich geltend, rings um mich sah ich heitere, frohe Menschen, aber ich selbst hatte keinen Theil daran; Alles lachte, plauderte und scherzte, um mich aber kümmerte stch Niemand.
„Amüstre Dich," hatte Tante Aurelie gesagt, „Du bist ja hier zu Hause." . , t .
Ja, ich war hier zu Hause, aber wie fremd waren mir Alle und Alles I , L 1X
So verging wohl eine Stunde, während welcher ich — außer, daß mal Jemand hin und wieder ein gleichgiltiges Wort an mich richtete - meist Zuschauerin blieb. Dann schlich ich mich wieder fort, um nach der kleinen Else zu sehen. Ruhig lag sie jetzt in ihrem Bettchen, aber noch immer mit fieberheißen Backen. Ich blieb noch eine Weile bei ihr sitzen, bis sie in einen leichten Schlaf verfiel, dann kehrte ich zu der Gesellschaft zurück.
Unten am Fuße der Treppe stand Rodegg.
„Schläft die kleine Else nun?" fragte er, indem er mir den Arm reichte. ,
„Ja, aber ich habe Sorge um das Kind, es hat Fieber und ist. . ."
Ah, finde ich Sie endlich I" erklang da die Stimme von Hugo Schermat, einem Vetter von Josephine und einem treuen Begleiter derselben, der ihr als galanter Cavalier aber nur aut genug war, wenn es ihr gerade an einem willkommeneren gebrach. „Erlauben Sie, daß ich Ihnen Herrn Blanchard vorstelle."
Der Name und der etwas fremde Accent verriethen mir sofort, daß dies der junge Franzose war, von dem Josephine und Martha schon so viel gesprochen hatten: der so schön war, so reizend tanzte, so liebenswürdig zu unterhalten wußte, wie kein Anderer rc. — Und sie hatten Recht; ein einziges Mal mit ihm den Saal hinabwalzen, genügte, um mir den rechten Geschmack für ein derartiges Vergnügen zu geben. Diesem
Die Gesellschaft war zu Ende; ich hatte Gute Nacht gesagt und mich in mein Zimmer zurückgezogen. Aber zu Bett zehen und schlafen war zweierlei — wild stürmten die Gedanken an dem heutigen Abend auf mich ein, voll Stolz und Freude gedachte ich an Blanchard, aber wie eine kalte Hand egte es sich um mein Herz, als ich mir Rodegg und Josephine in’« Gedächtniß zurückrief; wie munter konnte er mit ihr scherzen, lachen und plaudern, während er für mich nur immer so viel Zeit hatte, als der Anstand wohl erforderte. —
Die nächsten Tage brachten mir zwei Einladungen; nach- ,em ich einmal von dem berauschenden Kelch der Vergnügungen gekostet hatte, dachte ich nicht mehr daran, mich wieder in die enge Klause zurückzuziehen.
Das Souper bei Frau von N. nahm einen ähnlichen Verlauf, wie der Gesellschaftsabend bei uns, nur daß ich Herrn Blanchards Liebenswürdigkeiten ein noch willigeres Ohr lieh, als ich sah, daß Josephine Rodegg immer mehr zu fesseln wußte. Auf eine zweite Einladung aber verzichtete ich noch im letzten Augenblicke. Ich fand die kleine Else so krank, so fieberhaft erregt, daß ich es nicht über mich zu bringen ver- mochte, mich unter lustigen Menschen zu amüsiren, während ich sie daheim so traurig wußte. Tante Aurelie kräuselte zwar verächtlich die Lippen über meine übertriebene Besorg- niß, wie sie meinte, indeß schien es ihr nicht unlieb zu sein, mich nicht mit unter ihren Schutz nehmen zu müffen. Noch heute bin ich dem Himmel, ach, wie dankbar, daß ich, während der Wagen mit Tante und Cousinen in glänzenden Toiletten davonrollte, mich zu der Kranken setzte und ihr erzählte, bis ihr dis Augen endlich zufielen und sie in einen leichten Schlaf versank — es war ihr letzter, aus dem sie nicht wieder erwachen sollte. Das Fieber steigerte sich derart, daß ich auf eigene Verantwortung nach dem Arzt schickte — er zuckte die Achseln.
Hier war nicht« mehr zu thun, eine Stunde später hauchte die Kleine ihren letzten Athemzug in meinen Armen aus.
VII.
Monate waren vergangen, der Sommer nahte und wieder und wieder fragte ich mich: „Wird Rodegg seines Versprechens eingedenk sein?" „ ,
Ich wußte, daß ich mir durch mein kühles, zurückhaltendes Benehmen seine Freundschaft verscherzt hatte; auch er war inzwischen ein Anderer geworden, doch trotz allerhand Befürchtungen, daß mir die Erlaubniß dazu versagt würde, hoffte ich zuversichtlich auf eine Einladung von ihm und ich hatte mich nicht getäuscht.
Eines Morgens traf ein längerer Brief von Rodegg an Tante Aurelie ein. Er sei — schrieb er — länger als er Anfangs geglaubt hatte, auf feiner Besitzung zurückgehalten, werde sie auch während der nächsten Wochen noch nicht ver- laffen können und würde stch unsagbar freuen, wenn Tante Aurelie und ihre Angehörigen ihm auf einige Zeit die Ehre ihres Besuches schenken wollten. Wir möchten — schrieb er — doch noch einige Gäste mitbringen, Vetter Hugo natürlich, vielleicht Hauptmann Röslin und wen wir sonst noch gern hätten, damit es einmal heiter und munter in seinem düsteren alten Hause herginge und wir nicht zu bald Sehnsucht hätten, heimzukehren.
Die Einladung wurde von Josephine mit halb verlegener Freude, von Martha mit lautem Jubel empfangen. Und rch>
„So also," dachte ich, „entledigt er sich seine« mir ge-


