Airterchaltrrngsblatt 511m Giehenev Anzeigen (Genepsl-AnZeiK-v)
1894.
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Donnerstag, de« 4 October.
Im Strome des Lebens, j
Roman von Jenny Piorkowska.
(Fortsetzung.)
Weder Tante Aurelies Kälte, noch meiner Cousine Josephines Hochmuth und Marthas halb kindisches, halb spöttisches Benehmen ließen mich so wenig innig für die eine oder die andere empfinden, daß ich ost voll unendlicher Sehnsucht und schwerem Herzen an die schöne Zeit in Rodrgg gedachte, und ich mich wieder und wieder fragte, was wird mir in Zukunft beschieden sein? Soll ich ewig mein Leben hier ver- trauern unter diesen kalten, gleichgiltigen Menschen, die nichts von Liebe, nichts von Interesse für mich empfinden? —
Tante Aurelie hielt mich noch für zu jung, um die Ge- fellfchaften zu besuchen, und da mich nichts zu denselben hinzog, fügte ich mich gern ihrem Wunsche und verbrachte die meiste Zeit des Tages oben in meinem Zimmer oder bei der kleinen Else.
Meine einzige Freude war die Hoffnung, Rodegg recht bald besuchen zu können, ohne zu ahnen, daß Tante Aurelie mit allem Vorbedacht unser Wiedersehen möglichst zu verhindern suchte. Ich war noch zu jung, zu vertrauensvoll auf die Menschheit, um auch nur im Entferntesten daran zu denken, daß es kein ärgerlicher Zufall, sondern kluge Berechnung meiner Tante war, daß ich zweimal, als Rodegg kam, nicht zu Hause war.
Die Kreideskizze, die er mir zum Geschenk gemacht hatte, erblickte im Hause meiner Tante nie das Tageslicht; Keiner ahnte etwas von diesem meinem Besitz und ich selbst wagte nur hin und wieder den Kofferdeckel zu heben und im Geheimen einen Blick auf mein Kleinod zu werfen. Bald aber erfüllte mich der Anblick dieses Bildes mit Groll und Bitterkeit, denn mein Freund, wie er sich einst genannt, hatte mich bald vergessen. Er kam öfter in's Haus, oft hörte ich ihn mit Josephine scherzen und lachen, aber an mich, die ich nur durch eine dünne Mauer von ihm getrennt war, dachte er nicht mehr.
Das also war die Freundschaft, die er mir vor wenigen Wochen erst gelobt hatte! — Was aber verpflichtete ihn, den gereiften Mann, mir, dem Kinde gegenüber, sein Wort zu halten? '•
Sein Gebühren verletzte meinen Stolz aufls Tiefste, in wildem Zorne wallte mein Blut auf.
„Nicht will ich ihm meine Freundschaft aufdrängen," rief eine Stimme in meinem Innern, „er hat mir gezeigt, wie er
mir gegenüber zu stehen wünscht und soll sehen, daß ich ihn verstanden habe und die mir angewiesene Stellung einzunehmen weiß." —
Ich weilte seit ungefähr zwei Monaten unter Tante Aurelies Dach, als Martha eines Tages in mein Zimmer gestürmt kam.
„Schnell, schnell! Mach Dich fertig!" rief sie mir ent- gegen. „Rodegg ist mit seinem Wagen da, uns zu einer Spazierfahrt nach der Burgruine abzuholen!"
Freudig sprang ich auf.
„Endlich, endlich soll ich ihn Wiedersehen!" jubelte es in meinem Innern, und schnell eilte ich, um Tante Aurelie zu fragen, ob die kleine Else sich auch zur Spazierfahrt anziehen lassen dürfe.
Aber noch hatte ich nicht die halbe Treppe hinter mir, als ich bei den lebhaften Stimmen, die vom Corridor aus zu mir heraufdrangen, plötzlich stehen blieb.
„Es sollte wirklich keine Anspielung sein," hörte ich Josephine sagen, „als ich gestern Abend davon sprach, wie gern ich wieder einmal Schlitten führe. Aber es steht Ihnen ähnlich, in Ihrer liebenswürdigen Weise so meinem Wunsche nachzukommen. Wie werden wir uns bei dem herrlichen Wetter amüsirenl"
Mit meiner Freude war es vorbei! Langsam kehrte ich um und sagte Martha, sie möchte Rodegg in meinem Namen danken, aber ich könnte heute nicht mitkommen.
„Ich habe Tante versprochen, die Einladungen schnell fertig zu schreiben, damit sie heute noch abgeschickt werden können," gab ich als Entschuldigungsgrund vor. Als aber der Wagen mit den frohen Gesichtern davonfuhr, mußte ich meinen ganzen Stolz zu Hilfe nehmen, um nicht in Thränen auszubrechen, indessen blieb mir nicht lange Zeit, meinem Kummer nachzuhängen. Ich hörte die kleine Else — die ebenfalls hatte zurückbleiben müssen, weil Josephine erklärte, das Kind sei nur eine unnütze Last - in dem Nebenzimmer so jämmerlich weinen daß ich ging, sie mir zu holen. Ich nahm sie auf den Schooß und erzählte ihr vom Schneewittchen und vom kleinen Däumeling, aber 0egen]^onRige ®eroo^n^eit rooate es mir doch nicht gelingen, sie für die hübschen Geschichten zu intereffiren-e enb({$ müde geweint hatte, sank ihr Köpfchen an meine Brust, aber sie schlief nicht ein, im Gegentheil: ihre Augen bekamen einen so seltsamen, ungewohnten Glanz, ihre Stirn und ihre kleinen, mageren Hände waren so fieber- heiß, daß ich angstvoll Tantes Rückkehr erwartete, damit noch zu dem Arzt geschickt werde.


