Ausgabe 
2.8.1894
 
Einzelbild herunterladen

354

Die hatte Adamek auch. Und sie ist in Rauch aufge« gangen. Haben Sie Beweise?"

Noch nicht."

Das heißt, daß Sie solche zu bekommen erwarten?"

Vielleicht."

Und gegen wen richtet sich Ihr Verdacht?"

Kilian blickte sich vorsichtig um und sagte dann in seinem

leisesten Flüstertöne:Robert Morland."

Das ist der Freund Wolskis, der die Angabe machte, daß dieser unwohl oder berauscht war?"

Kilian nickte.

Und in welchen Zusammenhang bringen Sie diesen mit dem Verbrechen?"

Erinnern Sie sich, daß die Aussage der beiden Fiaker dahin ging, daß der betreffende Mann einen Diamantring

trug?"

Das ist doch nichts Besonderes."

Aber auf dem Zeigefinger der rechten Hand."

So und Morland trägt einen solchen Ring?"

Ja"

"Kann ein Zufall sein. - Ist das Ihr ganzer Beweis?"

Zunächst ja."

Der ist sehr schwach."

Der schwächste Beweis kann zu einer Kette werden, die einen ganzen Menschen in Feffeln legen kann."

Morland machte eine ganz klare Aussage. Er traf Wolski sie gingen zusammen in'» Restaurant, wo sie ziem­lich viel tranken. Wolski ging zuerst fort ihm folgte Mor. land mit Wolskis vergeffenem Ueberzieher der ihm dann

gestohlen wurde."

Wurde er gestohlen?" brummte Kilian sarkastisch.

So sagt Morland," meinte Mark.Ah, ich verstehe. Sie glauben, Morland war nicht so berauscht, wie er sagte, hat Wolskis Ueberzieher angezogen und ist zu ihm in den Fiaker gestiegen."

Das ist meine Ansicht."

Scharfsinnig ausgeklügelt! Aber welchen Grund sollte Morland gehabt haben?"

Diese Papiere--"

Wieder Adameks Idee. Woher wiffen Sie von den Papieren?" fragte ärgerlich der Advocat,und was ist nach Ihrer Meinung mit dem Ueberzieher geschehen? Ist er bei Morland?"

Nein."

,',Sie scheinen das sehr sicher zu wiffen. Haben Sie Morland gefragt?"

Ein vorwurfsvoller Blick traf den Advocaten.

So dumm bin ich nicht," sagte er.

Also woher wiffen Sie das?"

Morland ist jetzt Agent bei einer Lebensversicherung«- gesellschast."

Bei einer Lebensversicherungsgesellschaft! Wetter, ein hübscher Nebenberuf für einen Mann, der die Leute umbringt," sagte der Advocat lachend.Die reinste Ironie. Uebrigens, im Ernst gesprochen: Sie sagten Agent! ein Mann, der gewohnt war, den Cavalier zu spielen?"

Wolski hat ihn unterstützt, Herr Doctor, er selbst besaß nie Vermögen."

Nun, mein Lieber, das ist schon Beweis genug, daß er keine Ursache hatte, ihn umzubringen! Er hat von ihm gelebt warum hätte er ihn denn aus der Welt geschafft?"

Sie können ja Recht haben. Ich halte mich nicht für unfehlbar, wie Adamek," unterbrach ihn ärgerlich der Detectiv. Aber so viel ist sicher: Ich habe Morland in einem Gasthause ziemlich untergeordneten Ranges zufällig getroffen und es siel mir auf, daß er einen silbernen Ring am Zeigefinger der rechten Hand trug."

Silber ist kein Brillant."

Nein, aber es beweist, daß er gewohnt ist, an diesem Finger einen Ring zu tragen. Als ich das sah, beschloß ich, sein Zimmer zu durchsuchen. Ich that es und fand"

Nichts," fiel Doctor Mark ein.

Kilian nickte.Nichts."

Und so fällt das Kartenhaus Ihres Verdachts zusammen. Morland ist so wenig der Thäter, wie ich es bin. Er war an diesem Abend übrigens berauscht."

So sagt er."

Nun, man verleumdet sich nicht selbst."

Um einem größeren Verdacht zu entgehen, ja. Ich bin überzeugt, daß Morland in jener Nacht nicht berauscht war. Er sagte es nur, um Allem zu entgehen. Verlassen Sie ich darauf: er weiß viel mehr, als er sagen will."

Und was wollen Sie weiter thun?"

Ich werde zunächst den Rock suchen."

Sie glauben, er hat ihn versteckt?"

Gewiß hat er das- Ich combinire folgendermaßen: Als Morland in der Heugasse den Fiaker verließ . . ."

Aber er war nicht darin."

Sie mögen ja Recht haben," beharrte Kilian,aber nehmen wir an, daß er doch darin war. Ich sage, daß er in der Heugasse ausstieg, gegen die Stadt zurückging bis zum Schwarzenbergplatz, dann durch die Anlagen weiter und daß er, da er wußte, daß der Ueberzieher ihn verrathen könnte denselben in den städtischen Reservegarten warf. Dieser grenzt an die Anlagen und ist dem Publikum verschlossen, so daß Morland darauf rechnen konnte, man werde ihn lange Zeit nicht finden. Dann ging er in die Stadt."

In Salontoilette? Es war damals ziemlich kühl."

Er war nicht in Salontoilette," sagte ruhig der Detectiv.

Das ist noch ein Beweis, daß Ihre Vermuthung nicht stichhaltig ist. Der Thäter trug Salonkleider der Fiaker­kutscher bezeugt dies."

Ja weil er Jvanyi einige Minuten früher in Salon« toilette gesehen hat und ihn für denselben Mann hält, der in den Wagen stieg."

Nun also"

Erinnern Sie sich der zweite Mann hatte den Rock zugeknöpft. Morland trug dunkle Beinkleider ich nehme das an und mit zugeknöpftem Ueberzieher war die Ver­wechslung leicht möglich."

Das klingt wahrscheinlicher und was wollen Sie weiter thun?"

Den Ueberzieher suchen."

Ich halte nichts davon."

Vielleicht irre ich."

Unk wann sehe ich Sie wieder?"

Heute Abend ich hätte fast vergessen die alte Pfeiferin will Sie sprechen."

Ah was ist denn los?"

Es geht ihr sehr schlecht. Sie will Ihnen etwas mit­theilen." ,

Bezüglich der Rosina Mori wahrscheinlich.--Mir

scheint, ich werde diese Sache doch noch ergründen. Gut, ich erwarte Sie um acht Uhr."

Sehr wohl, Herr Doctor." Der Detectiv entfernte sich.

Ob die Pfeiferin etwas weiß?" dachte sich Mark, als er allein war.Vielleicht hat sie gehört, was Wolski und die Rosina miteinander gesprochen haben und will mir das erzählen. Wer weiß ich bin dem Ding vielleicht auf den Grund gekommen, noch ehe Jvanyi mir sein Geheimniß anvertraut.

XXV.

Die alte Pfeiferin lag im Bette. In dem Raume be­fanden sich außer der Kranken noch zwei halbwüchsige Mäd­chen, die Domino spielten. Nur wenig erhellte die kleine Lampe das Zimmer, in welchem ein eigenthümlicher scharser, unangenehmer Geruch herrschte, wie nach Alkohol, abgestandenem Bier und Petroleum. Die Atmosphäre war förmlich gesättigt von dem Dunst des Elends, des Schmutzes. Noch trostloser erschien Alles in diesem Dämmerlichte.

Hie und da rief einer der Mädchen ein lautes Wort- Sonst hörte man nur da« leise Klappern der Dominosteine und den schweren, heiseren Athem der Kranken, die ruhig mn