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rutschte von Sibillens Schooße, das Ende blieb in ihrer Hand; glühende Röthe stieg ihr in's liebliche Antlitz, wie au« einer weißen Wolke, so ragte der feine, schlanke Körper au« dem Linnen hervor. Bardenstein verschlang das reizende Bild mit den Augen.
Justine erwiderte entschuldigend: „Sibille wurde urplötzlich am Singen verhindert, weil ihr die Stimme versagte."
„So wird uns nachher von Euch wohl die Freude werden, etwas zu hören?" fragte der Hofprediger den Rentmeister. „Ich liebe den Gesang von Herzen-"
„Drum gebt uns ein Lied, junger Freund," bat die Hof- predtgerin, „hier neben ist unsere Laute; wir lasten die Thüre offen, damit unsere lieben Sängerinnen auch zu hören vermögen."
Bardenstein ließ sich nicht lange bitten. Ein Wander- uttb Abschiedslied, von ernstem Inhalte, sang der Stimmbegabte und lieblich klang das Saitenspiel dazu.
Justine fing leise an, zu schluchzen; Sibille kämpfte die innere Bewegung nieder. Frau Maria trat ein und fah Justinen« tiefe Ergriffenheit. „Ein solches Lied dringt in die Tiefen der Seele, meine lieben Kinder," sprach sie. „Wollet Ihr nun zusammen ein Lied fingen?"
Beide schüttelten die Köpfe. „Es geht nicht, verzeiht die Weigerung," antwortete Justine, „ich bringe keine Silbe herfür."
Der Rentmeister sang noch einige Lieder, denen die Mädchen entzückt lauschten. Sibille war stumm geworden; auf ihren schönen Zügen spiegelte sich, was in ihrem Innern arbeitete. Justine beobachtete ihre Partnerin; der weibliche Instinkt und ihr eigenes Fühlen öffneten ihr plötzlich das Verständniß. Als es Abend geworden, gingen beide Mädchen nach Hause-
„Wer bin ich? Was ist mein Loos auf Erden?" fragte sich Justine, als sie ihr Lager gesucht. „Wäre es nicht bester gewesen, er hätte mich den Wellen nicht entrissen, als nun so grenzenlos elend und unglücklich zu werden! Was in Sibillens Herz vorgeht, sehe ich genau; es wühlt und tobt darin, wie in dem meinen. Sie wird gerade so unglücklich werden, wie ich, ja, noch viel unglücklicher, denn ich verdanke ihm das Leben, ich darf ihn lieben und verehren; aber sie nicht."
Aehnliche Gedanken bewegten das Mädchenherz im kleinen Häuschen an der Beundegasse. Sibille las der Großmutter den Abendsegen, es war der 91. Psalm: „Wer unter denz, Schirm des Höchsten sitzet!" Tiefbewegt und innerlich gestärkt ging Sibille zur Ruhe und sprach ihr Abendgebet. Als sie an die Bitte kam: „Führe uns nicht in Versuchung", irrten ihre Gedanken ab. — „Hilf mir, mein Herr und Gott," betete sie; „mein Herz ist auf einen unrechten Weg gerathen, der zu Unglück und Verderben führt. Herr, lasse mich ein Ende machen, gib mir Kraft zum Guten, daß ich nicht unterliege." —
Eine Woche später wanderte Sibille nach dem schönen Städtlein Nidda, eine Meile nordöstlich von Bingenheim, lieblich in einem fruchtbaren Thale an dem Flüßchen gleichen Namens gelegen. Dort kaufte die geschickte Arbeiterin allerlei feine bunte Wolle, Seidenfäden, Garn und sonstige Stoffe für ihre zierlichen Gebilde. Der Weg nach dem Städtlein führt über einen Höhenzug, der von herrlichen Laubwäldern bedeckt ist. Eine halbe Meile weit wandert der Reisende auf dem sogenannten „Amtspfade" wie in einem Märchenwalde, fo schön sind die einzelnen Parthieen des Weges. Je eine Viertelmeile vor Bingenheim und Nidda liegen fruchtbare Felder. In einem kleinen Thalkeffel dicht vor Nidda findet man die Heilquellen Salzhausens.
Die Septembersonne lag über dem Niddathale; schon fingen die Laubwälder an, ihr grünes Kleid in ein buntes umzuwandeln. Die fleißigen Ackerleute stellten die Wintersaaten aus. Auf der Höhe hinter Salzhausen, dicht am Waldrande, bietet sich eine entzückende Aussicht. Sibille athmete die erquickende Waldluft und fchaute in die schöne Gotteswelt. Tiefer Friede zog ihr in's Herz. „Wo die Pflicht gebietet, muß die Person zurücktreten, lehrte uns der treffliche Hofprediger," sprach das Mädchen zu sich selber. „Ich kenne meine Pflicht,
ich weiß, was mein Stolz und meine Ehre fordern, ich weiß, daß mein Herz und mein Gemüth Das ersehnen und verlangen, was niemals erreichbar ist, also muß ich entsagen und darf mir keine Gedanken in den Kopf setzen, die mir nicht geziemen." (Fortsetzung solgt.)
Der Bienen-Vetter.
Eine Heide-Novelle von C. Crome-Schwiening.
—----- (Nachdruck verboten.)
I.
Es galt in ganz C., der blühenden Stadt am Eingänge der großen Lüneburger Heide, sür ausgemacht, daß Mariechen Schneider, das einzige Töchterchen des Domänenpächters Schneider, das hübscheste und begehrenswertheste Mädchen auf zehn Meilen in der Runde sei. Ebenso fest aber stand es unter den Offizieren des in C. garnisonirenden Infanterie- Regiments wie unter den jungen Referendaren und unbefol- ,eten Assessoren des Oberlandesgerichts, das seinen Sitz eben- alls in dem Städtchen hatte, daß des Domänenpächters Töchterlein eine der begehrenswerthesten Partien darstelle. Papa Schneider, der noch aus althannover'fchen Zeiten stolz ren Titel Oberamtmann führte, galt nicht mit Unrecht als sehr vermögend, sein Herrenhaus draußen auf der Domäne vor der Stadt zeichnete sich durch Gastfreundlichkeit aus, die von den Honoratioren C.'s gern genossen wurde, und Mariechen — ja, das große schlanke Mädchen mit dem braungewellten Scheitel und den großen braunen Augen, aus denen der Blick so tief und still und doch so offen hervordrang, war freilich ein Magnet, der der Freier schier mehr in das Haus des Oberamtmanns lockte, als weiland Penelope in das des herumirrenden Odysseus.
So groß naturgemäß die Zahl der guten Bekannten des oberamtmännlichen Hauses war, so klein war die der eigentlichen Verwandten. Ja, bis vor wenigen Monaten, seit der Versetzung des Referendars Fritz Gerding an das C'erOber- landesgericht — eines Vetters der Frau Oberamtmann — hatte sich die ganze Verwandtschaft auf eine Person beschränkt und das war der Landwirth Hinrik Schneider auf dem nahen Landguts Horstfelden — der „Menschenscheue", wie ihn die weiblichen Bewohner von C. mit einigem Rechte nannten, der „Bienen-Vetter", wie ihn Mariechen seiner Leidenschaft für die Junkerei halber bezeichnete.
Früher war Hinrik ein häufigerer Gast des Schneider'schen Hauses gewesen als jetzt. Allein auch damals war dies kaum aus eigenem Antriebe geschehen. Wenn ihn seine Geschäfte in die Stadt führten, so spannte er in der alten Gastwirth- schaft vor dem Allerthore aus und hätte still und gleichmüthig wie immer sein Mittagsmahl im Rathskeller eingenommen, hätte ihn nicht dann und wann sein Onkel Oberamtmann entdeckt und mit gutmüthigen Scheltworten ob feines „sich rar machen's" in seiner flinken Kalesche in das Herrenhaus entführt, als ihm selbst stets hochwillkommenen Gast.
Diese Entführungen hatte sich Hinrik, der „Bienenvetter'" sonst in seiner gewohnten stillen Weise gefallen lassen; seitdem Fritz Gerding draußen bei Oberamtmanns ein oft gesehener Gast war, hatte er indessen zum ersten Male nach Ausflüchten gesucht und den guten alten Oberamtmann damit fast ernstlich erzürnt.
„Laß mich lieber hier, Onkel - ich tauge heute nicht unter Menschen!"
„Aber Junge, Du treibst Deine Msnschenscheu zu weit. Uns wenigstens könntest Du von ihr ausnehmen. Zudem sind wir ganz allein. Meine Alte, die Marie und der Jura- Vetter, Du weißt schon."
„Ich danke herzlich, lieber Onkel — aber laß' mich!"
„Du bist unverbesserlich, Junge — das Mädel hat Recht, wenn sie Dich den „Bienen-Vetter" nennt, Deine Bienen gehen Dir über die ganze Verwandtschaft. Gott befohlen!"
Damit war der Alte, der feinen Neffen trotz seiner


