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1894.
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Samstag, den 2. Juni.
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. Die Hexe von Bingenheim.
Von Gg. Schäfer.
(Fortsetzung.)
„Die ist verloren!" schrieen die Leute, rangen die Hände und liefen hin und her. „Gott sei ihrer armen Seele gnädig." Niemand wägte sich in die tobenden Fluthen, ein Kahn war nicht vorhanden. Als die Roth am höchsten gestiegen, erschien Bardenstein. Ohne sich zu besinnen, warf er die überflüssigen Kleider ab und sprang in die Wellen. Bald hatte er die schon halberstarrte Unglückliche erreicht; er ergriff ihre Hand und suchte das Ufer zu gewinnen. Das war die schwerste Aufgabe. Das Mädchen wollte sich an den Retter anklammern, wodurch Beide in's Verderben gerathen wären. Mit Aufbietung aller Kräfte gelang das Rettungswerk. Bardenstein konnte an dem rechten Horloffuser landen. Nachdem er sich ein wenig ausgeruht, nahm er das Mädchen, welches die Besinnung wieder erlangt hatte, in seine starken Arme und trug es in das Dörflein Gettenau. Die Dorfbewohner liefen ihm entgegen und rühmten laut seine menschenfreundliche That. Im Hause des Schultheißen fand der Rentmeister Unterkunft mit dem geretteten Mädchen.
„Ei, Herr von Bardenstein!" sprach der biedere Schultheiß freundlich, „was haben Euer Gnaden für ein sonderbar- lich Fischlein gefangen und wie ruht es sicher und wohlgemuth in Euren starken Armen. Tretet ein in meine Hütte, seid gesegnet für das Rettungswerk und willkommen am häuslichen Herde."
Bardenstein setzte das Mädchen sorglich sin den ledernen Lehnstuhl. Alsbald kam die Schultheißin, führte Justine in eine andere Stube und versah sie mit trockenen Kleidern. Auch der Rentmeister erhielt einige Kleidungsstücke vom Hausherrn, sie wollten aber nicht recht paffen. Als er nun gar den langschößigen Sonntagsrock mit den zahllosen Knöpfen aus großen Silberstücken gefertigt, angezogen und bei dem Schultheißen wieder erschien, meinte Letzterer: „Prächtig steht Euch der Sonntagsrock, Herr Rentmeister, und unsere Bürger, wenn sie Euch sehen, werden sagen: Das wäre ein richtiger Schultheiß für Gettenau, vielleicht können wir ihn bekommen." — Ueber diesen Scherz lachte der biedere Schultheiß selbst gar kräftiglich, er klopfte dem Gaste vertraulich auf den Arm und fragte: „Na, wie meint Ihr zu meinem Vorschläge?"
„Der ist vortrefflich, Meister Schultheiß," war die freundliche Antwort, „inzwischen wollen wir uns dennoch eine Zeit lang als Rentmeister weiter behelfen."
Darnach öffnete sich die Thüre; halb getragen, halb geschoben erschien die kleine, verwachsene Justine im Sonntagsstaate der Schultheißin. Es war ein unendlich komischer Anblick. Das Mädchen raffte die viel zu langen Röcke zusammen, um Schritte machen zu können. Verlegen trat es vor den Retter, hielt ihm beide Hände entgegen und sprach: „Ich dank' Euch, Herr, für die menschenfreundliche Rettung; Ihr habt Euer Leben gewagt, um mein Dasein zu erhalten, so viel bin ich gar nicht werth." Bei diesen Worten Hub Justine die Augen empor, worin zwei Thräneu perlten.
Bardenstein faßte die Hände des Mädchens und antwortete: „Es ist Christenpflicht, dem Nebenmenschen in Noth und Gefahr beizustehen. Keines Menschen Leben ist werthlos, auch das Deinige nicht, mein Kind. Niemand kann wissen, wozu er noch berufen ist." Der Sprecher sah in die Augen der Kleinen und fand, daß sie ungemein schön, wohlgebildet und glänzend waren- Wenn man in das verzogene Gesichtchen des Mädchens sah, blieb der Blick an den seelenvollen Augen, die gerade durch zwei Thränen verschleiert waren, haften.
Justine fühlte, daß Bardenstein Interesse für sie gewann und fuhr fort: „Wenn ich sehen mußte, wie seit Jahren die Menschen hingethan werden, ohne daß man auf ein Leben sonderlichen Werth legt, dachte ich stets: wozu laufe ich nur auf der Welt herum. Man verspottet mich wegen meiner Mißgestalt, Niemand spricht ein freundlich Wort zu mir, nicht einmal der Vater. Nur Sibille König ist mir gut, und Ihr — habt nun gar das Leben für mich gewagt." Bei diesen Worten fielen zwei große Thränen auf Bardensteins Hand.
„Daran siehst Du," antwortete Bardenstein, indem er über den Scheitel der Kleinen strich, „daß man zuweilen mehr Freunde hat, als man ahnt."
„So dachte auch ich, Herr!" sprach Justine. „Ich klammerte mich mit der letzten Kraft, die ich besaß, an das Stück Holz und betete: Herr mein Gott, verleihe mir und dem Retter Kraft, daß wir Beide die Gefahr überstehen und daß ich das Glück habe---"
„Fahre fort, Justine!" ermuthigte der Rentmeister.
„— das Glück habe, einen gütigen, menschenfreundlichen Herrn verehren zu dürfen."
„Du hast ein dankbares Herz, mein Kind 1" sprach Barden- stein; „Du verdienst, daß man Dir gut ist. Nun freut es mich doppelt, Dir ein Helfer geworden zu sein- Hast Du noch Weiteres in Deiner Angst und Noth gedacht? Sage es uns, Du darfst Dich ohne Rückhalt aussprechen."
„Als Ihr mich auf Euere Arme nahmt, so federleicht — und vorwärts ginget, da fielen Wassertropfen von Eurem Haare mir in's Gesicht. Jeder Tropfen dünkte mir ein Dia-


