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Nach einer längeren allgemeinen Unterhaltung zog ich mich mit Sdith an ein kleines Seitentischchen zurück und diese griff nach einem Buche, das vor ihr lag und fing an, darin herumzublättern. Dabei bemerkte ich den Ring, den ich ihr gegeben hatte, an ihrer linken Hand, aber an demselben Finger glitzerte noch ein neuer Ring.
Ich fragte, woher sie denselben habe.
Sie lächelte und flüsterte halb verlegen: „Guido hat ihn mir geschenkt."
„Sagte er irgend etwas über den Ring von mir?" fragte ich.
„Er fragte mich, woher ich ihn habe; und als ich ihm erzählte, es sei ein Geschenk von Dir, Du hättest ihn früher selbst getragen, meinte er nur, er erinnere sich dessen."
„Bist Du mit ihm verlobt?" fragte ich weiter.
„Ja," antwortete sie erröthend, „er trug mir gestern seine Hand an."
„Wußte er, daß — daß ich heute Abend hier sein würde?" fragte ich unwillkürlich.
„Gewiß," entgegnete sie verwundert, „wie kommst Du auf diese Frage?"
„Ah, da kommt er," sagte ich, „ich will ihm meinen Platz überlassen."
Ich stand hastig auf und ging mit unsicherem Schritt nach dem anderen Ende des Zimmers. Als ich den Kopf wieder hob, sah ich, wie Guido sich über Edith beugte, die an dem Flügel Platz genommen hatte und ihre schlanken Finger über die Tasten gleiten ließ.
Jetzt verstand ich Alles; jetzt wußte ich, warum er nicht versucht hatte, mir den Verlobungsring wieder an den Finger zu stecken. Meine Schönheit an jenem Ballabend hatte ihn für kurze Zeit geblendet, aber am nächsten Tage hatte er mich gesehen, wie ich wirklich war — nicht mehr in derselben Atmosphäre von Eleganz und Luxus, in welcher Edith bei ihrem Reichthum stets blieb.
O, Guido, Du hast Deine Liebe sür Gold verkauftl — Du hast über das Lächeln eines neuen Gesichts, über den Reichthum der zukünftigen Erbin Deine Treue, Deine Ehre, Deine Aufrichtigkeit, Dein Gelübde vergessen I — Es sei; ich werde nicht versuchen, mir in einem so wankelmüthigen Herzen einen Platz zu bewahren. — Mit solchen Gedanken in meinem Innern zeigte ich der Gesellschaft an jenem Abend ein kaltes, stolzes Gesicht. Wenige Minuten später sprach ich mit Guido so ruhig, als gelte er mir nicht mehr, als alle die übrigen Gäste.
Wie er sich mir zuerst zuwandte, vermochte er nicht, mich anzusehen, als ich aber anfing, mich in kaltem, scheinbar gleich- gilttgem Tone mit ihm zu unterhalten, da schaute er mich mit so sorschendem Blicke an, daß ich Mühe hatte, demselben mit ruhigem Gleichmuth zu begegnen.
Als ich ihm zu seiner Verlobung mit Edith gratulirte, biß er sich auf die Lippen und schwieg, ohne mir auch nur mit den üblichen Worten zu danken.
Am nächsten Tage machte Lady Ponsonby auch dem Rector Walter Mittheilung von dem Ereigniß.
Dieser kam erregt zu mir. „Was höre ich da, Made- leine?" sprach er mit angsterfülltem Gesicht. „Ich kann es nicht glauben. Guido von Berry ist mit Edith verlobt! Ich wähnte ihn bereits anderwärts gebunden."
„Aber nicht mit dem gordischen Knoten," antwortete ich lächelnd. „Die Banden sind nicht so stark, daß er sie nicht lösen und sich davon befreien könnte."
„Ich glaubte, die Banden wären der Art, daß ein ehrenhafter Mann sie nicht lösen würde," entgegnete Walter ernst. „Wäre es möglich, daß er sich mit Ihrer Zustimmung mit Edith verlobt hat?"
„Mit meiner vollen Zustimmung," versetzte ich; „ich habe ihm zu seiner Wahl gratulirt und wünsche nur, daß sie glücklich miteinander werden mögen."
„Madeleine, Sie sind ein hochherziges Mädchen," sprach er mit Wärme. „Bei Gott! Er wäre Ihrer nicht würdig gewesen."
„Still, still," versetzte ich; „ich werde noch eingebildet werden, wenn Sie so reden."
„Davor ist mir nicht bange," sagte er mit ernstem Lächeln; „mein Lob ist nicht unverdient."
Ich schwieg. Selbst Walter konnte nicht wissen, welch' tiefer Kummer in mein Herz eingezogen war — selbst er wußte nicht, was ich mit Guido verloren hatte.
Viele Wochen hindurch nahm ich diesem jede Gelegenheit, mich allein zu sprechen. Mehr als einmal schien er eine Unterredung mit mir zu suchen, aber ich blieb meinem Vorsatz treu und ging jeglicher Aussprache mit ihm entschlossen aus dem Wege.
Wir sahen uns häufig; manchmal begleitete er Edith zu mir, bisweilen besuchte ich sie im Bergschloß. Er war stets artig und ehrerbietig gegen mich, aber in seinem ganzen Wesen lag eine mir unerklärliche Schwermuth.
Bisweilen behielt er beim Abschied meine Hand in der seinen und seine Lippen bewegten sich, als wollte er etwas sagen, aber mein entschlossenes Wesen und meine Selbstbeherrschung ließen ihn den angefangenen Satz nie beenden.
Die Wintermonate wollte das junge Paar in der Rest- denz zubringen. Guido miethete ein Haus im vornehmsten Stadtviertel und stattete es mit größter Eleganz aus. Die ansehnliche Mitgift, welche Edith erhielt, schien ihn so zu beglücken, daß mein schon halb begründeter Verdacht, er heirathe sie mehr ihres Vermögens wegen als um ihrer selbst willen, zur festen Ueberzeugung bei mir wurde.
Es war ein feuchter, trüber Tag, an welchem die Hochzeit stattfand; gleich einem grauen Schleier lag ein dichter Nebel über der ganzen Natur, der sich allmälig in einen feinen Regen auflöste. Edith sah in ihrem Brautstaat unbeschreiblich lieb und reizend aus. Bevor ich selbst in den Wagen stieg, hob ich einen Moment den lang herabwallenden Brautschleier und preßte meine Lippen mit thränenfeuchten Augen auf ihre weiche runde Wange.
Auf der Treppe kam mir Guido entgegen. Ich schaute ihm ernst in das schöne Gesicht und sagte mit leiser, erregter Stimme: „O, Guido, sei gut mit ihr; sie kennt nicht Kummer und Sorge. Halte von ihrem jungen Leben jeden Hauch von Bitterkeit fern; sie ist so verwöhnt, nicht wahr, Du versprichst mir, immer gut gegen meinen Liebling zu sein?"
„Ja, Madeleine, ich schwöre es Dir," antwortete er; „aber sprich, kannst Du mir vergeben, was ich Dir Böses zugefügt? Jetzt kannst Du mich nicht begreifen, aber vielleicht später einmal. Das Eine aber glaube mir, Du kannst mich nicht mehr verachten, als ich in diesem Augenblick mich selbst verachte."
„Ich verzeihe Dir, Guido," erwiderteich; „und was das Verachten anbelangt, so gehe und verdiene Dir meine Achtung durch Deine Liebe und Ergebung zu Deiner jungen Frau."
Damit entzog ich ihm meine Hand und eilte die Treppe hinab.---
Die Trauung hatte schon begonnen, als noch ein Wagen mit einem verspäteten Hochzeitsgaste vorfuhr. Es war ein junger Mann, ungefähr Mitte der Zwanziger, von schlanker, schöner Gestalt, bleicher Gesichtsfarbe, regelmäßigen Zügen und dichtem, schwarzlockigem Haar; seine Zähne waren von auffallender Weiße und seine dunklen Augen schauten feurig um sich. Aber um seine Lippen spielte ein sarkastischer Zug, der seinem Gesicht einen keineswegs angenehmen Ausdruck verlieh.
Al» die Trauung zu Ende war und das junge Paar dem Ausgang der Kirche zuschritt, that der neue Hochzeitegast wie zufällig einen Schritt vorwärts und sah der Braut in's Gesicht. Als diese, auf Guidos Arm gestützt, seinem Blick begegnete, wich allmählig alle Farbe aus ihren rosigen Wangen und um die Lippen, die noch soeben gelächelt hatten, legte sich ein ernster, strenger Zug. Ihre Hand mußte schwerer auf Guidos Arm gesunken sein, denn dieser wandte plötzlich den Kopf nach ihr und umschlang sie dann rasch mit dem Arm, um sie vor einem Fall zu schützen.
Es entstand eine leichte Erregung unter den Gästen- —


