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Samstag, de« 1. December.
Verworrene Wege.
Roman von A. Nicola.
(Fortsetzung.)
Am Nachmittag des folgenden Tages besuchte mich Walter und wenige Minuten später hielt eine lustige Caval- cade vor der Gartenthür, von welcher aber nur Guido und Edith abstiegen.
Wenn Theodors Liebling am vorhergehenden Abend reizend ausaesehen hatte, so war sie heute in dem knappanschließenden stahlblauen Kleide und dem koketten Hütchen mit der lang herabwallenden Feder geradezu bestrickend schön. Sie war voller Leben und Uebermuth, und Guido schien nicht minder lustig.
Meine Augen senkten sich einen Augenblick, als er mir die Hand reichte; aber Edith wurde gleich sehr lebhaft. „Wer würde in dieser kleinen, unscheinbaren Gestalt die Königin des gestrigen Balles wiedererkennen? ' rief sie. „Was für ein häßlich graues Kleid hast Du da an? Und das schöne Haar hast Du so glatt und gleichgiltig zurückgestrichen, während wir gestern doch Alle grün vor Neid wurden. - Herr von Berry'' wandte sie sich zu diesem, „der Schmetterling hat seine glänzende Flügel abgelegt und ist wieder zur Puppe geworden."
Dieser sah mich verwundert, — ja, wie mir scheinen wollte, etwas enttäuscht an.
„Sagte ich Dir nicht, Kleider machen Leute?" erwiderte ich lächelnd. „Meine Verhältnisse erlauben mir nicht immer solchen Luxus, Edith."
Diese schaute sich in dem kleinen Zimmer um, das behaglich und nett, aber ach, so ganz anders war, als die eleganten Räume, an die sie jetzt gewöhnt war. „Ich könnte nicht wieder hier wohnen," sagte sie in entschiedenem Tone; „ich glaube, es könnte mir nichts Schlimmeres passiren, als daß ich wieder zur Armuth herabsteigen müßte — ich härmte mich zu Tode."
Diese Worte kränkten mich. Ich war stets bemüht gewesen, sie unsere Armuth nicht empfinden zu lassen; und bis jetzt hatte ich geglaubt, es wäre mir auch gelungen.
„Du hast nie erfahren, was Armuth heißt, Edith," sprach der Rector Walter, ihr Oheim, „wie kannst Du darüber urtheilen?"
„Nun, ich meine nur ein solches Leben ohne Bälle, ohne Gesellschaften." I
H III
Ein leises Lächeln der Mitleids, als betrachte er sie als ein thörichtes, unwissendes Kind, spielte um Walters Lippen.
„Ich hoffe, Du wirst einst noch lernen, das Leben richtiger zu schätzen und begreifen, daß es noch Wichtigeres gibt, als nichtige Dinge."
Währenddem hatte Guido die Bücher auf einem Seiten- tische scheinbar gemustert, in Wahrheit war ihm aber kein Wort von der eben geführten Unterhaltung entgangen.
„Du besuchst mich doch recht bald, Madeleine?" sagte Edith beim Abschied. „Und Du auch, Onkel? So helfen Sie mir doch bitten, Herr von Berry!"
Dieser sah einen Augenblick in die Ferne und es glitt ein Ausdruck über sein Gesicht, den ich mir nicht zu deuten wußte; dann öffnete er das Fenster und hieß den Diener die Pferde vorsühren.
„Ihr Pferd wird unruhig, Fräulein Edith," sagte er, „es will nicht mehr stehen; kommen Sie!"
Seine Eile konnte wohl die Anderen täuschen, mich aber nicht. Die Pferde wurden vorgeführt; Guido half Edith in den Sattel, dann schwang auch er sich auf sein Pferd — ein letzter Gruß und sie sprengten davon.
Als mich auch Walter verlassen hatte, kehrte ich langsam in mein Zimmer zurück, öffnete meinen Schreibtisch und nahm ein Packet eingeschriebener Briefe, einen Ring und ein Porträt daraus hervor. Von den Briefen legte ich einen nach dem andern auf die glühenden Kohlen und betrachtete, wie die Schrift in der Flamme immer deutlicher hervortrat. Schluchzend preßte ich meine Lippen auf die Augen des Porträts, die mich mit so unverändert treuem Blick anschauten, dann wandte ich den Kopf, als ich sah, wie die Flammen das Bild verzehrten.
Nach einer halben Stunde war mir von Guidos Liebe kein anderes äußeres Zeichen geblieben, als ein Häufchen Asche. Den Ring siegelte ich ein und sandte ihn an Edith mit der Bitte, ihn um meinetwillen stets zu tragen.
Das war das Ende meiner Verlobung mit Guido von Berry.
• e ♦
Volle vier Wochen waren vergangen, ehe ich Ediths oft wiederholter Einladung Folge leistete.
Eines Tages wurde ich zu einem Diner nach dem Schloß geladen; ich schlug es aus, versprach aber, später noch eine Stunde zu kommen.
Das that ich. Als ich gegen acht Uhr in den eleganten Salon trat, fand ich Lady Ponfonby mit Edith und noch mehreren Damen darin.


