XVII.
»Ist es wahr? Darf ich Ihnen gratuliren? '
Die Herzogin von Edenfield fragt es im liebenswürdig» sten Tone. Mit ausgestreckten Händen geht sie Lola entgegen, die soeben den Saal betritt.
Die beiden Damen treffen sich in der Blumenausstellung. Jede von ihnen sieht in ihrer Art vollendet schön aus. Die Herzogin trägt ein schwarzes Sammtcostüm mit reichem Feder» besah. Den dunklen Kopf bedeckt ein cremefarbener Rembrand- Hut mit langer, schwarzer Straußenfeder.
An Lolas schlanke Glieder schmiegt sich ein mattlila Atlasgewand mit Silberstickerei. Auf dem goldigglänzenden Gelock thront ein Pariser Capothütchen von derselben Farbe mit Reiherfeder und einer Diamantagraffe.
«Ist es wirklich wahr?" wiederholt die Herzogin- „Ich wollte es gar nicht glauben."
„Was soll denn wahr sein?" lacht Lola.
„Wiffen Sie nicht, daß ganz London in diesem Augen» blick von Ihrer grandiosen Eroberung spricht?"
»Ich dächte, ganz London hätte etwas Besseres zu thun."
„Gibt es etwas Befferes, als über die Siege der Saison» königtn zu sprechen?"
„Eine Saisonkönigin, die augenblicklich eine Taffe Thee sehr nöthig hat," scherzt Lola.
Die Herzo in droht mit dem Finger.
„Sie wollen meiner Frage ausweichen, Baronin. Das sagt mir genug. Um meinem Urtheil Gerechtigkeit widerfahren zu laffen, muß ich Ihnen gestehen, daß ich nicht sogleich daran glaubte."
„Aber woran denn glaubte?" fragt Lola ungeduldig, indem sich ihre Augenbrauen ein wenig zusammenziehen.
«Daß Sie den Fürsten Orlowsky heirathen-"
Lolas Antlitz ist wie mit Blut übergoffen. Sichtlich verlegen beugt sie sich tief über einen duftenden Rosenstock.
„Ich glaubte es gleich nicht," wiederholt die Herzogin in etwas verletzendem Tone. „Ich scherzte vorhin nur."
Lola wirft den Kopf in den Nacken.
„Und warum glaubten Sie es nicht?"
„Weil Adler sich mit Adlern paaren sollen," lautete die harmlos klingende Entgegnung. „Der Fürst ist solch' ein königlicher Adler und —"
und ich bin es nicht," fällt Lola schnell ein. „Nicht wahr, das wollen Sie doch sagen?"
„Gewiß. Ich erklärte Lord Rawdon von Anfang an, daß an den Gerüchten nichts Wahres sei."
Die Röthe de« Aergers auf Lolas Wangen vertieft sich. Man hat sie also zum Gegenstand des Gesprächs gemacht und entschieden, daß der Fürst ste nicht heirathen würde, weil ihr Rang dem seinigen zu sehr nachstände!
„Und was ist Lord Rawdons Meinung ?" fragt sie pikirt.
„Er stimmt mit mir darin überein, daß die Gerüchte unwahrscheinlich seien, daß der Fürst Sie zwar enthusiastisch bewundere, daß er aber niemals um Ihre Hand bitten würde "
„Warum?"
„O, aus verschiedenen Gründen. Erstens liebt der Fürst sein ungebundenes Leben; zweitens könnte er sich, wenn er überhaupt an's Heirathen dächte, mit königlichen oder kaiserlichen Familien verbinden; drittens —"
„Noch ein Grund?" spottet Lola.
„Ja, noch einer, der aber meinem Empfinden entspringt, nicht Lord Rawdons."
„Ich bin äußerst gespannt."
Die Herzogin zögert.
„Man spricht sonst nicht überdergleichen," sagt sie langsam. „Aber da Sie mich direct fragen — Sie entsinnen sich, daß Sie mir einmal mittheilten, Sie seien die Tochter eines Geistlichen —"
Hochmüthig kräuseln sich Lolas Lippen.
„Ich bin stolz darauf. Ein Geistlicher muß ein Ehrenmann sein, was man nicht von Jedem behaupten kann."
"Zugegeben. Aber eine Pfarrerstochter ist nicht ganz die paffende Partie für einen Fürsten."
Jetzt schießen die blauen Augen Blitze. Die lieblichen Züge nehmen ihre abweisendste Miene an.
„Und ich- denke," sagt sie kalt, „ein Pastor ist einem russischen Fürsten in jeder Beziehung gleichberechtigt, wenn nicht überlegen. Euer Gnaden können denken, was Ihnen beliebt."
„Ich kenne die Welt bester, als Sie, liebe Baronin," entgegnet diese in verletzend überlegenem Tone.
„Sie sind sehr weise," spottet Lola. Ihr hübsches Köpfchen durchziehen im Nu eine Masts Gedanken. Fast war sie schon entschlossen, sich von den Bewerbungen des Fürsten zurückzuziehen Jetzt wird sie wieder wankend. Sie möchte dieser stolzen, hochmüthigen Herzogin zeigen, daß sie Fürstin Orlowsky werden kann, wenn sie will.
„Wie hübsch der Titel „Fürstin" klingt," beginnt die Herzogin wieder in unbefangenem Tone- „Ich wünschte, ich könnte ihn führen."
Wie verwundert blickt Lola auf.
„Ach, wirklich?" ruft sie naiv. „Und ich glaubte, Euer Gnaden Wünsche seien in einer ganz entgegengesetzten Richtung gegangen."
Die Herzogin versteht die Anspielung auf Lord Rawdon wohl. Sie erbleicht jählings; doch erwidert sie schnell gefaßt: „Nein, ich wäre wirklich gern „Fürstin" geworden. Es klingt viel schöner, als „Herzogin". Ah, da kommt der Fürst," fährt sie lebhaft fort. „Wenn man vom Wolf spricht, ist er nie weit. Doch der Fürst sieht kaum aus wie ein Wolf. Wie?"
„Wie diese Frau mich haßt," murmelt Lola zwischen den Zähnen, „und nur, weil Lord Rawdon mich liebte. O, ich will ihnen zeigen —"
Da tritt der Fürst zu den Damen heran- Nicht weit entfernt davon taucht auch Lord Rawdon auf. In letzter Zeit scheinen die Beiden unzertrennlich.
„Wir waren gerade in einem Gespräch über Sie begriffen, Fürst!" sagt die Herzogin leichthin.
Lächelnd verbeugt er sich.
„Eine große Ehre für mich. In den Händen so anmuth» voller Damen ist man stets gut aufgehoben."
„In den meinigen waren Sie sicher!" ruft Lola und gönnt dem Fürsten einen ihrer unwiderstehlichen Blicke. Wie von einem Magnet angezogen, tritt er näher an sie heran. Die Herzogin beobachtet die kleine Scene aufmerksam- Um ihre Lippen schwebt ein schwaches Lächeln des Amüsements und des Spottes.
„Weich' herrliche Rosen haben Sie in England," beginnt der Fürst lebhaft. „Ich glaube, dergleichen gibt es nur hier. Was meinen die Damen?"
„Ich bin kein gelernter Gärtner," bemerkt die Herzogin in solch' hochmüthig abweisendem Tone, daß Lola erstaunt aufblickt.
„Eine Frau soll überhaupt in nichts „gelernt" sein," entgegnet der Fürst ruhig. „Es ist genug, wenn sie schön aussieht und des Lebens Sonnenschein genießt."
Die Herzogin wendet sich mit einer etwas gelangweilten Bewegung schweigend ab.
„Haben Sie die berühmte neue Rose schon gesehen, Frau Baronin?" fragt der Fürst mit einem Lächeln. „Man nennt sie: Da« Licht der Liebe."
„Nein, mein Fürst."
„Darf ich das Vergnügen haben, die Rose der Frauen der Rose der Blumen vorzustellen?"
„Weich' blumiges Compliment," spottet die Herzogin, „aber nicht übel."
„Wollen Euer Gnaden —" beginnt er zögernd. Doch sie unterbricht ihn kurz: „Nein, ich danke. Ich will die Vor» flellnng nicht stören. Dort hinten gewahre ich Frau von Grey. In zehn Minuten werde ich allen interessanten Klatsch von London erfahren haben. Auf Wiedersehen!"
„Viel Vergnügen!" ruft Lola, innerlich froh, daß die Herzogin nicht mitgeht.
Die beiden schönen Gestalten bewegen sich langsam durch


