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Arbeit war ihre beste Arznei gegen Schwermuth und ließ ihr keine Zeit zum Grübeln und Trauern. Zuweilen sang sie auch bei der Arbeit, aber kein trauriges Lied, sondern eine heitere fröhliche Weise. So schwanden die Jahre dahin, ruhig, ohne Stürme und Mühseligkeiten und von vollkommenem Frieden erfüllt. Man konnte sie aber nicht langweilig nennen, denn sie waren reich an stillen Freuden.

So saß Annie auch heute friedlich an ihrem Stickrahmen und füllte die Nachmittagsstunden mit Arbeit aus. Zum Abend waren ein paar Freundinnen geladen, welche häufig in dem sehr gemüthlichen Wittwenhäuschen einkehrten, um einige Stunden mit Erzählen von Stadtgeschichten zu verbringen, welche auch die beiden Damen nicht ganz verschmähten.

Du möchtest doch den Kaffeetisch Herrichten, Annie, das Wasser kocht schon sehr lange," sagte die Räthin zu ihrer Tochter.Ich bin bei meiner Näherei ganz durstig geworden, und sehne mich nach einem Täßchen Kaffee. Du kannst auch die Lampe anzünden, es wird ja völlig dunkel im Zimmer 1"

Annie erhob sich sogleich von ihrem Sessel uud eilte ge- schäftig hin und her. Sie breitete schneeweißen Damast über den Tisch, stellte die feinen Porzellantäßchen zurecht und holte aus dem Vorrathsschränkchen die silberne Zuckerschale und das silberne Kuchenkörbchen mit dem frischen Gebäck. Dann brühte sie den Kaffee auf, dessen Aroma die Luft mit wür­zigem Duft erfüllte. Eben hatte sie die große Hängelampe über dem Tische angezündet, als draußen vor dem Hause mit ungewöhnlicher Eile eine Droschke vorfuhr.

Die Frau Gerichtsräthin schnellte auf:Gott l Gottl Da kommt unser Besuch schon und ich habe noch meinen Schlaf­rock an!" rief sie erschrocken.Und da klingelt's auch schon I Geh nur, und öffne, Kind und entschuldige mich! Ich komme gleich!"

Sie verschwand rasch im anliegenden Schlafgemach.

Annie flog bereits hinaus und über den Halbdunkeln Cor- ridor zur Hausthür und öffnete.

Auf der breiten Schwelle stand regungslos eine hohe Männergestalt im Reisemantel und sie hörte eine liebe nie vergessene Stimme.

Annie, mein herziges Mädel, da bin ich wieder!" klang's ihr mit einer Engelstimme entgegen.

Sie blieb zitternd und verwundernd stehen. Ihre Augen starrten die stolze Gestalt an, wie einen Geist.

War er es wirklich? War es ihr Franz Bernthal? Dieser fremde Herr im schlichten dunkeln Civil sah ganz anders aus, als der elegante österreichische Offizier in seiner kleid­samen Uniform.

Annie ich bin'»! Kennst Du mich nicht mehr? Ich sage Dir, ich bin's!" rief er jetzt heiter.

Ja, er war es und kein Anderer, wie konnte sie sich durchras Aeußere nur so verwirren lassen. Und er stand vor ihr mit strahlendenMugen und in so vollkommener männ­licher Schönheit und Kraft, wie sie ihn vor Jahren in Karls­bad nicht gesehen hatte.

Und plötzlich fühlte sie sich von seinen Armen umschlungen, und an seine Brust gedrückt. Er küßte ihr den Mund, ihre Augen und das braune wellige Haar. Und immer zärtlicher küßte er sie und immer fester preßte er sie an sein Herz.

Er war still um sie her in dem dämmrigen Flur, ganz still. Sie fanden keine Worte in ihrer großen Seligkeit. Sie lagen sich in den Armen, küßten sich und sagten nichts und sprachen nicht.

Im Zimmer nebenan hörte man ein Geräusch. Annie schrack auf und flüsterte:

Da kommt meine Mutter!"

Er aber lachte leise und sagte:Dann will ich zum zweiten Male um Dich bei ihr werben!"

Und ehe sie es wehren konnte, hatte er sie auf seinen starken Arm gehoben überwältigt von Glück, wie damals, als er sich mit ihr verlobte und über den dunkeln Flur mitten über das hellerleuchtete Wohnzimmer getragen.

Die Frau Räthin hatte eilig Toilette gemacht und schloß eben noch hastig ein paar Haken ihres Kleides. Jetzt wandte

sie sich um, ihr Gesicht nahm plötzlich den Ausdruck starren Schreckens an und dann entfuhr ihrem Munde ein lauter Schrei.

Gott im Himmel! Welch' ein Anblick! Wie kam der wildfremde Mann dazu, ihre Tochter auf den Armen zu tragen.

Bernthal riß jetzt den großen Filzhut vom Kopf und wendete der Frau Rath fein glückstrahlendes Antlitz zu und nun erkannte sie ihn wieder.

Die alte Frau war sprachlos. Zu der großen Erregung kam noch die Ueberraschung dazu. Ihre Augen verdunkelten sich von Thränen sie wußte nicht, ob eine große Freude oder ein großer Schmerz sie treffen würde.

Bernthal trat jetzt dicht vor sie hin, beugte sich über ihre Hand und küßte dieselbe in tiefster Bewegung.Gnädige Frau müssen gütig verzeihen, daß ich solchen Schrecken ver­ursachte. Aber das Glück und grenzenlose Freude übermannten mich so vollständig, daß ich übermüthig wurde. Ich bin näm­lich jetzt in der glücklichen Lage, heirathen zu können ich hänge jetzt nicht mehr von der Brutalität des fehlenden Geldes ab! So hoffe ich auch, daß Sie, gnädige Frau, nun mir die Einwilligung zu einem Ehebunde mit Ihrer Fräulein Tochter nicht versagen und zwei Menschen dadurch glücklich machen werden!"

Das Licht der großen Hängelampe beleuchtete jetzt mit Hellem Schein das junge glückliche Paar. Bernthal war rasch zu Annie getreten und hatte den Arm um ihre Schultern ge­legt. Beider Hände waren fest ineinander geschloffen. Die zarte Mädchengestalt schmiegte sich eng an den großen Mann, die blauen Augen sahen zu ihm auf wie verklärt. Und er hielt den schönen, characteristischen Kopf hoch aufgerichtet, kühn und siegesgewiß war der Blick seiner dunklen Augen und ein stolzes Lächeln schwebte um seinen Mund.

So standen sie vor der Mutter.

Dieser Anblick überwältigte und beruhigte die erregte Frau. Und sofort wieder herzlich und mütterlich theilnehmend legte sie ihre zitternde Rechte auf die verschlungenen Hände der Beiden und stammelte:Gott sei gepriesen! Denn ich hätte es selbst im Traume nicht gedacht, diesen glücklichen Tag zu erleben; und Annie hoffte auch nicht mehr, Sie jemals im Leben wiederzusehen, mein Herr Sohn! Doch jetzt ist Alles gut! Gott segne Euch und seid tausendmal gesegnet auch von mir!"

Sie konnte vor Rührung und Ergriffenheit nicht weiter sprechen, ihre Stimme bebte. Erst nach einer guten Weile fing sie wieder an und fragte:Sie haben wohl den Abschied ge­nommen, um Annie heirathen zu können, lieber Sohn?"

Ja, Mutter, mit dem kaiserlich-königlichen Dienst ist es für mich längst aus!" antwortete er munter.Ich schnallte meinen Säbel ab, sagte den Kameraden Lebewohl und wurde ein Landwirth. Am schönen Donaustrand in der ungarischen Tiefebene pachtete ich ein Gütchen. Dort steht ein kleines, von Reben umsponnenes Haus unter schattigen Plantanen. Das ist mein Daheim. Eine schwere, sorgenvolle Zeit liegt hinter mir, die ich aber nicht mit Träumereien verlor, sondern ich arbeitete Tag und Nacht wie ein gemeiner Mann und machte meine Sache gut, trotzdem ich niemals landwirthschaftliche Studien getrieben hatte. Ich ging ganz auf in dem schwie­rigen Beruf, schaffte mit Kopf und Hand, um das Ziel zu er­reichen, nach dem ich mich sehnte. Viel Arbeit und große Sparsamkeit haben den Erfolg herbeigeführt. Wenn ich mich spät Abends todtmüde auf mein Lager warf, dann leuchtete mir aus weiter Ferne ein heller Stern, und ein holdes Mädchenbild tauchte dann vor meinem geistigen Auge auf, das einmal an meiner Brust geruht und das ich nicht vergessen konnte. Und nun fand ich immer frische Kraft und frischen Muth zu neuem Schaffen, und unverrückbar lockte das schöne Ziel. Ich wollte aber nicht eher etwas von mir hören lassen, als bis ich ganz am Ziele war, denn ein halber Erfolg hätte unser Glück nicht begründen können. Ich mußte meine Schul­den erst los werden und dann mir genügendes Vermögen er­werben. Gott segnete mein Thun und jetzt fehlt es mir nicht mehr an Hab und Gut, ich bin ein wohlhabender Mann. Mit