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Annie saß am Fenster weit vorgebeugt und den Blick
Lie alte Dame brach über diese starre Erklärung der I mächtigen Qualm verbreitend. Rasselnd liefen die Wagen Über
Tochter in Thränen aus. Sie weinte und schluchzte Herz- die Weichen und immer schneller ging die Fahrt.
brechend. Dann bedeckte ste das Gestcht mit den Händen und I Annie saß am Fenster weit vorgebeugt und den Blick sagte seufzend: „Solch' ein Glück mit Füßen zu treten, Annie, voll Trennungsweh auf die schöne Kurstadt gerichtet. Noch
wie es sich vielleicht Dir nie wieder bietet, es ist unerhört-" einmal — zum letzten Mal entrollte sich vor ihr das ent-
— Dann weinte die Frau wieder bitterlich. zückende Landschaftsbild, die herrlichen Karlsbader Berge,
Dieser Anblick erschütterte Annie, auch ihr kamen die Kuppe um Kuppe und ferne Höhenzüge. Das malerische Eger-
Thränen in die Augen. Zerknirscht kniete sie vor der Mutter thal schimmerte herauf mit seinem sonnenbeglänzten Fluß, im
nieder, küßte ihre Hände und streichelte ihr den Arm. Flehent- Hintergründe der Hirschensprung mit seinem Kreuz und der
lich bat sie, ihr nicht zu zürnen. I Gemse, und zum letzten Male grüßte die Franz-Josess-Höhe
„Ich möchte gern gehorsam sein, Mama," schluchzte sie, mit ihrem Gloriet. Im raschen Fluge ging es vorwärts an
„aber in diesem Falle kann ich es nicht! Dringe nicht mehr I Wäldern und einsam gelegenen Kohlenmeilern vorbei. Dicht
in Dein armes Kind. Ich kann meine erste Liebe nicht ver- am Wege reihten sich kleine Kapellen, Bildsäulen und Kreuze,
geffen, Du weißt es gar nicht, wie viel ich um ihn geweint I Dann bog der Zug plötzlich in eine düstere Waldgegend habe, so viel bittere Thränen, wie wohl selten ein Mädchen I ein, wo sich große dunkle Tannen riesenhoch aus schwarzem in meinen Jahren geweint hat. Aber ich trug mein Schicksal I Moor erhoben und jeder Fernsicht den Blick entzogen. Das schweigend — um Deinetwillen, Mama, und übte mich, zu I Gebirge blieb dahinter zurück, die anmuthigen Höhen und liebleiden und zu entsagen, ohne zu klagen, damit auch Dir das I lichen Thäler — und Alles, Alles, was Karlsbad so bezaubernd
Herz nicht schwer wurde!" I macht.
Und dann barg Annie leidenschaftlich weinend ihr Haupt „Vorbei! Vorbei!" erklang es in Annies Herzen und ste in der Mutter Schooß. I lehnte sich in ihren Sitz zurück, deckte die Hand über die Augen
„Ach Annie, ach Kind! Wie habe ich Dich und Deine erste I und weinte. —
Liebe verkannt!" rief darauf die alte Frau in überströmender * * *
Reue und streichelte ihr zärtlich den dunklen Scheitel. „Aber I h .. nv sKUnt«
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S Vuienbä leib Ä S tff" in eine kalte Leichenbecke, unter ber fast alles Pflanzenleben
MädSen blickte dankbar m der Mutter auf und erstarrte. Eisige Nordstürme durchtosten die Lüfte, die Ge- saate- Und Du ickreibii ibm bitte aleich beute daß ich seine ! wässer waren erstarrt und auf den entlaubten Bäumen lag bÄ« llebe .1Ä ÄÄW# Wi-M- Md
Aber aSl- Das mufi ia leider sein!" sommerlicher Frieden. Es war ein bescheidenes Haus mit
",Und dann reisen wir morgen schon ab? Bitte, bitte, I kleinen eingerichteten Zimmern, an Traulichkesi aber überreich, liebste Mutter!" flehte das junge Mädchen. I Mutter und Tochter saßen am gemüthlichen Fammentisch
„Wenn Dir so viel daran liegt, ist es mir auch recht! ! und arbeiteten. Die Räthin hatte einen großen Nähkorb vor Meine Kur ist beendigt und die vier Wochen in Karlsbad I sich stehen und nähte emsig darauf los. Die Servietten, die haben viel Unruhe und Kummer gebracht. Auch ich sehne mich sie säumte, sollten morgen noch in die große Wäsche. Anme nach unserem friedlichen Heim. Aber ehe wir abreisen, schrei- war mit einer feinen Stickerei beschäftigt und entwickelte gletch- ben wir erst einen Brief an den guten Professor Hiller und I falls eine emsige Thätigkeit.
klären ihn höflich auf, warum Du feine uns beehrende Werb- Es war anheimelnd im Wohnzimmer der beiden Damen, ung leider nicht annehmen konntest." Auf den Fenstern blühte und duftete ein ganzer Blumenflor
Annie nickte zustimmend. und der gelbe Kanarienvogel in seinem vergoldeten Bauer
. * | sang fast eben so schön, wie im Lenz die Vöglein im Walde.
* Sogar Suse, die schneeweiße Hauskatze, schnurrte behaglich
Am nächsten Tage waren die Koffer zur Reise gepackt am warmen Ofen. Von der Straße her tönte der Klang
Fräulein Brunner kam, um den Damen Blumen zum Abschied einer Drehorgel, welche den Donauwalzer spielte, und aus
zu bringen. Sie weinte, denn das Scheiden von der lieben dem Servirtischchen summte das Wasserkesselchen auf der Ber-
Annie that dem alten Fräulein bitter weh. zeliuslampe, aus dem der Nachmittagskaffee gebrüht werden
Die Damen und Fräulein Brunner hielten übrigens so sollte. ..
gute Freundschaft, daß letztere hatte versprechen müssen, nach Annie war kein halbes Kind mehr, sondern eine gereiste Beendigung der Saison, wenn keine Kurgäste mehr in Karls- Jungfrau von dreiundzwanzig Jahren. Aber die schlanke zter- bad waren, auf Besuch zur Frau Rath Göhren nach Stettin liche Gestalt bewegte sich noch eben so leicht und ohne Zwang, zu kommen und ste freute sich jetzt schon auf die Fahrt in die als ob sie nur siebzehn Jahre zählte. Friede leuchtete aus fremde Welt und auf das Wiedersehen. bett blauen Augen unb Gesunbheit von der zart gerötheten
f Nun rollte ber Wagen vor bas Haus, ber bis Damen Wange. Das süße Gesicht war heiter und frisch, ste blühte nach dem Bahnhof bringen sollte; jetzt gab es noch ein letztes wie eine Rose. o »
kurzes Abschiednehmen, dann zogen die Pferde an. Das Ge- Sie hatte den ersten größten Schmerz rhres Lebens längst fährt setzte sich in Bewegung und fuhr rasch die Straße hinab, überwunden und wieder Freude am Dasein gewonnen. Aber
In einer halben Stunde war der Bahnhof erreicht. Die | vergessen hatte sie doch nicht und die Erinnerung an ihre ver- Räthin winkte einen Kofferträger herbei, der ihr Handgepäck lorene Liebe feuchtete ihr noch oft die Wimpern, doch die in Empfang nahm und die Collis expediren ließ. Dann eilten Thränen kamen nie wieder ins Strömen.
beide Damen in die große Halle, aus welcher der Zug ab- I Sechs Jahre waren vergangen, seitdem Bernthal sich von fahren mußte. Eine Menge von Waggons standen auf den I Annie getrennt hatte, und sie hatte nichts wieder von ihm er- Geleisen und aus bett Wartesälen fluthete eine wahre Menschen- fahren. Sie wußte nicht, ob er lebendig war oder todt — welle. Das war ein Hasten, ein Drängen und Schieben und aber die Treue hatte sie ihm gehalten. Den lungen Männern, es gehörte Kraft und Umsicht dazu, in diesem Gewoge sich zu welche sich um ihre Gunst bewarben, begegnete sie mit ruhiger behaupten und einen guten Platz im Zuge zu erobern. End- Unbefangenheit und versicherte ihnen lachenden Mundes, daß lich hatten die Damen in einem fast unbesetzten Coupö eine sie nicht daran dächte, zu heirathen und frohen Herzens dem bequeme Unterkunft gefunden und athmeten erleichtert auf. ehrsamen Stande der alten Jungfern entgegengehe.
Gleich darauf setzte sich das schnaubende Dampfroß in Sie tummelte sich von früh bis spät in dem kleinen Haus- Bewegung — ächzend, stlhnend, wie in schwerer Qual und ' halt umher, kochte, bügelte und hantierte mit Lust und Freude.


