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1894.

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Samstag, den 1. September.

Geläuterte Herzen.

Novelle von Johanna Berger.

(Schluß.)

Er hatte bis jetzt wenig Verkehr zum weiblichen Geschlecht gehabt, und er dachte so recht als idealer Mann von den Damen. Aeltere Frauen hatten etwas Ehrwürdiges für ihn, junge Mädchen etwas Heilige«. Liebeständeleien verdammte er und Sittenlosigkeit war ihm ein Gräuel. Er selbst verstand sich aber zu beherrschen und ließ so leicht keine leidenschaftliche Liebe in seinem Herzen aufkommen.

Nun hatte er Annie kennen und lieben gelernt und der süße, berückende Reiz, der ihr eigen war, steigerte seine Liebe doch zur Leidenschaft und fing an, sein ganzes Leben zu be­herrschen.

Er hatte niemals ein Phantasieleben geführt und so über­legte er auch nicht lange, sondern dachte ernsthaft daran, sein Junggesellenthum aufzugeben und das liebliche Mädchen als Gattin heimzuführen. Daß er bedeutend älter war, kam bei ihm nicht in Betracht. Er konnte ihr ja eine sorgenfreie Zu­kunft bieten, eine angesehene Stellung in der Welt und ein reines Herz voll warmer Liebe. Alles, was ein Mädchen sonst nur beglücken kann, besaß ja in Wirklichkeit der gute Professor. Und er wollte sie auf Händen tragen, wenn sie die Seinige geworden war. Er hoffte von ganzer Seele, daß er sie erringen würde, zumal er allen Grund zu haben glaubte, daß die Frau Rath seine Werbung begünstigen werde.

Und nachdem er seinen Entschluß gefaßt, hielt er auch mit der Zähigkeit seines Characters daran fest. Er machte Annie einen Antrag und zwar einen schriftlichen.

Dieser Brief rief zumal bei der Frau Rath die höchste Aufregung hervor. Ehe Annie ihn nur zu Ende gelesen hatte, stürmte die Mutter schon mit Fragen über den Inhalt auf sie ein und al« sie den wichtigen Inhalt in Erfahrung gebracht, da faltete sie ihre Hände wie zum Gebet und blickte dankerfüllt zum Himmel hinauf.

Annie, mein Herzenskind Gott fei gepriesen! Du bist nun versorgt, wenn es einmal mit mir an's Sterben geht!" sagte sie tief ergriffen.Der Professor ist ein respectabler, ehrenfester Mann und Du wirst unbeschreiblich glücklich mit ihm werden I Es gibt gute Männer und böse Männer auf der Welt, aber er ist einer der Besten von Allen I Daß er Dich liebt, wußte ich schon längst, und wie danke ich Gott, daß er ihm die Liebe zu Dir in's Herz gelegt hat. Zuerst fürch­tete ich freilich, daß Du den Lieutenant nicht vergessen könn­

test, aber als ich sah, daß diese Gefahr vorüber wär, athmete ich erleichtert auf. Und nun nimm meinen herzlichen Glück­wunsch an, mein liebes Kind, und den Segen der Mutter!"

Annie wurde weiß wie der Kalk an der Wand, das Licht verschwamm vor ihren Augen und eine furchtbare Angst brachte ihr eine Anwandlung von Ohnmacht. Sie wankte und fank schwer auf einen Sessel.

Mein Kind! Mein Herzenskind! Wie stehst Du aus, was hast Du?" rief die Räthin erschrocken.

Liebe Mama!" stammelte sie gepreßt.Ich muß Dir von Neuem Kummer bereiten. Ach, Mitleid hab' ich mit mir selber, daß ich's muß! Aber ich kann nicht thun, was Du wünschest ich kann den Professor nicht heirathen! Es ist mir unmöglich!"

Unmöglich? Aber warum unmöglich?" frug die Mutter starr vor Staunen.

Weil ich ihn nicht liebe weil ich überhaupt keinen Anderen mehr lieben kann! Ich werde überhaupt wohl mich niemals verheirathen, Mama!"

Die Mutter sah sie halb erschrocken, halb zweifelnd an und schüttelte ärgerlich den Kopf.s

Du bist von Sinnen, Mädchen! Denn Du weisest ein Glück von Dir, um das tausend Andere Dich beneiden würden. Es ist besser, einem braven Manne als Gattin anzugehören, als ein ganzes Leben mit einer unglücklichen Liebe vertrauern!"

Ich will dieser Liebe getreu bleiben, wenn sie auch hoff­nungslos ist," erwiderte Annie mit Festigkeit.

Die Mutter rang die Hände.

Annie, jetzt sei einmal vernünftig!" rief sie energisch, fast drohend.Ich bin eine alte Frau und weiß, wie schnell diese ersten Jugendlieben überwunden werden. Die Zeit heilt Alles, auch kranke Herzen- Du bist nicht dazu geschaffen, Dich ewig in Sehnsucht zu verzehren und Phantomen nachzuhängen. Und was willst Du anfangen, wenn mich der Tod ereilt dann stehst Du mutterseelenallein auf dieser Erdenwelt. Da« rum überlege Dir die Sache einmal ganz in Ruhe und dann entscheide mit Verstand. Solch' ein Glück winkt Dir nicht zum zweiten Mal! Das bedenke! - Darf ich dem braven, guten Professor nicht schon heute ein Fünkchen Hoffnung geben? Du kannst Dir doch denken, wie glücklich ihn das machen würde I"

Annie zitterte an allen Gliedern.

Nein! Nein! Um Gotteswillen nicht!" rief sie entsetzt. Ich kann nicht» versprechen ich will auch nicht I Ich hei« rathe den Professor nicht! Sei nicht böse, Mama, aber mein Entschluß steht fest! Ich kann keinen Mann heirathen, den ich nur achte, aber nicht liebe."