— 199 -
das Siechthum, am 27. Juni 1651 gab das zarte Kind den ^^Da^entstand ein groß Weinen und Wehklagen im Schlosse. Die Herrschaft, insonderheit die junge Landgräfin, zerfloß in Thränen und wollte sich über den Verlust ihres erstgebocnen Lieblings nicht trösten lasten. Eine Landestrauer wurde wegen des höchstbedauerlichen Ablebens des Erbprinzen angeordnet; das Volk nahm an dem Unglück des Fürstenhauses herzlichen Antbeil. Man sah überall nur schwarz gekleidete Menschen und tiefe Betrübniß lagerte auf den Mienen der Leute.
(Fortsetzung folgt.)
Werthers Schatten.
Novelle von Carl Cais au.
(Fortsetzung.)
Nun, wie ist's abgelaufen, Werth er?" fragte Reißner den Ankommenden, die Hunde zur Ruhe verweisens wobei er einige mächtige Züge aus der Pferfe ^t. »Apropor Werther, ist Deine Frau Mama auch eigen mit ihren Gardinen. Wir können ja die Fenster öffnen; es ist zudem sehr hech!
„Mir lst noch heißer, Armin!" brummte Weither mch-
^Gab's eine Strafpredigt? So sprich doch!"
Der Andere stöhnte: „Wenig Worte waren es von met- nem Alten, aber schneidend wie die Mester des Barbiers an der Universitälsecke!"
Große Freude herrschte ob der Ankunft dieses Stammhalters bei seinen fürstlichen Eltern und bei allen Landeskmdern in der fuldischen Mark und als die Lüfte mild wehsten und die Maiensonne gar weich und lieblich vom blauen Himmel hernieder lachte, da brachte man das schöne Prinzlem hinaus I in'« Freie, damit es in der köstlichen Luft immer bester wachst und gedeihe. Wer das schöne Menschenkind sah, Jung und Alt, Groß und Klein, Arm und Reich, freute sich des lieb- I lichen Anblicks. |
Im Brachmonat Juni des Jahres 1651 wurde es sehr heiß, daher trug man das Prinzlein erst gegen Abend spazieren. Um die Monatsmitte wurde es etwas unpaß. Der Hof- und Leibmedicus verordnete Umschläge; nach emer Wochegmges wieder bester, so daß Amme und Kmderfrau das Prmztem gegen Abend wieder in der zarten Luft spazieren tragen konnten. Sie gingen mit dem Kinde den sogenannten Herrn- oder Heerweg hinab, welcher von Bingenheim zwischen Wiesen un Felder gen Bistes führt. Auf halbenr Wege begegneten den fürstlichen Kinderwärterinnen der Schweinehirt von Bistes und fein Sohn. Jeder von ihnen hatte einen Sack nut junge« Schweinen auf dem Rücken hängen. Als die Träger das schone Fürstenkind sahen, welches friedlich im Arme der Wärter m schlummerte, fragten sie: ob es erlaubt sei, das Herrlein etwas näher anzufehen. Die Erlaubniß wurde gegeben und tue Schweineträger rückten mit ihrer Last näher. „El, was ist das für ein prächtig Menschenkindlein!' riefen sie, reckten die Hälse und thaten noch einen Schritt vorwärts. Das bewirkte, daß sie mit ibren Säcken aneinander stießen, worauf ine em- gesperrten Ferkel ein häßlich Grunzen und Quicken vernehmen ließen. Hierdurch wurde das zarte Prinzlein aus dem Schlafe aufgeschreckt, es fing jämmerlich an zu weinen. Die Schweine- Hirten eilten davon und die Kinderwärtermnen zogen sich nach dem Schlöffe zurück. In der Nacht stellten sich Brech-Krämpfe ein; alle ärztlichen Mittel halfen nicht, mehrere Tage dauerte
ihrem Verdienste und Brod Einbuße erleiden. Doch die große I Mehrzahl der Landeseinwohner fand die Besserung gar behag- I sich, sintemal sie die Fuhrwerke nicht mehr so häufig in den tiefen Schlammlöchern stecken ließen oder dre beladenen Wagen an den ungefügigen Wegrainen umschmissen. Etwas harter hielt es schon mit Einführung neuer Sämereien, Fütterungs- I Methoden oder Pflugarbeiten. Da wollten die biederen Land- I leute durchaus nicht heran und so ist es nach drttthalbhundert I fahren und bis auf den heutigen Tag geblieben. Was unser I oberhesfischer Landmann nicht kennt, das ißt er mcht, mag es auch noch so gut schmecken, und was er beim Aelter-(Groß-) Vater nicht schaffen sah, das hält er nicht für gut. Darin liegt viel Beständigkeit und Vorsicht und ganz recht hat der Bauer, wenn er meint: nicht alle neuen Posten und Spässe müste er allsoglsich nachahmen. Aber wenn wirklich etwas Neues erprobt und nachgewiesen ist, und daß das Alte abge- than, unzweckmäßig oder gar widersinnig geworden, dann soll der Landmann feinen Widerstand, Eigensinn und Steifnackig- i keit ablegen und das gute Neue auf- und annehme«, ansonsten er zu seinem eigenen Leid und Schaden das Verkehrte semer Widerspenstigkeit, bevorab im Geldbeutel, deutlich zu verspüren die Gelegenheit haben kann, soll und mag.
Auch im Geld-, Gerichts- und Verwaltungswesen wurde gebestert. Maß und Gewicht wurden untersucht und am Rathhause zu Bingenheim eine eiserne Elle aufgehangen, daß Jedermänniglich die feinige daran vergleichen und zu seinem Rechte und richtigen Maße gelangen könnte. (Die Elle wurde in den zwanziger Jahren unseres Jahrhundert« abgenommen, ist aber von vielen noch jetzt lebenden Einwohnern Bmgenherms gesehen und benutzt worden.)
Caspari, der gestrenge Justizcommistarius, waltete rm Sinne seines Herrn, sprach Recht und wachte nach Gebühr über die Einkünfte des Landes an Geld, Fruchten, 3eWen und nutzbaren Rechten. Schneller, als man dachte, verstrichen die Monate und al» der 12. März 1651 heraufzog, da genas die Landgräfin eines Knäbleins, welchem der Name des Groß- vaterS: Friedrich, beigelegt wurde.
„Teufel auch!" _. .. . o
Mein Vater hat dabei nicht ganz unrecht! statt fast ständig im „Kühlen Keller» zu sitzen, welcher Aufenthalt m der Unterwelt mir nichts als den Spottnamen Pluto und einen leeren Beutel eingebracht, hätte ich lieber bei den Pandecten bleiben sollen, das wäre besser gewesen!" , m .
, Und wärst vielleicht ein — Philister geworden, Bruderherz! 'Nein, nein, das durfte nicht sein.
Rundgesang und Rebensaft Lieben wir ja Alle!
Edite, bibite collegialis!“
Reißner trällerte die Anfänge dieser Weise vor sich hin- । Werther lächelte schon wieder und meinte: „Nun, fei Du nur stille, Armin! Dein Spitzname Cazike ist wenig ehren, voller! Weißt Du wohl noch, wie Du bet der Umverfitittsfeter mit Deiner Rede zur Ehrenrettung der Peruaner m den sumpf aeriethest? Nichts blieb Dir davon, als der Name Caztke!
I Reißner lachte laut auf und fagte: „War thut s, wenn wir ein paar Semester länger studiren als andere Leute;
I unsere Väter können's ja! Und wohin gehen wir heute Nach mittag,^Werther^n, Berstadt ifl etn verdammt lang-
i welliges Philisternest!" „
Und hier willst Du acht Wochen bleiben — ?
Werther legte dem Freunde die Hand auf den Mund und flüsterte: „Nicht acht Tage möchte ich hter bleiben, aber der Alte und die Goldstücke!"
so, da geht'« Dir rote mir!' lachte Rechner.
Die Hunde knurrten, denn Gröhlmann, da« alte, wunder- I liche Factotum des Hauses, trat em uno meldete, daß in Wohnstube zum Mittageffen gedeckt fei- ,
J »T
■ I laut auflachen, als Reißner Anecdoten von zerstreuten Univer- ' ! sttätsprofefforen mit vieler Virtuosität zum Besten gab. Seine > I volle Freundlichkeit erhielt der alte Helbig aber erst wteder, | Must erklärte, daß er morgen Früh mit der Fahrpost ; I mch HarpM ^ reifen wolle' Man stand heiter vom


