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1894.

Untevhaltringsblatt zrrnr Gießenev Anzeigen (GeNepal-Anzeigev)

Dienstag, dm 1. Mai,

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Die Hexe von Bingenheim.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung.)

Rasch füllt sich der zweite Schloßhof mit hereindrängen­dem Volke, welches von neuem in Jubelrufe ausbricht, als sich das Fürstcnpaar an einem Fenster zeigte. Die Blumen« spenderinnen werden von dem Lehrer aus dem Gedränge ge« "Ährt. An der inneren Schloßbrücke staut sich die Menschen« mässe, daß die Kinder nicht weiter können. Auf dem Prell» stein daneben stand ein herrschaftlicher Stallknecht, der den Vorgang mit dem Blumensträuße von seinem erhöhten Stand­punkte aus beobachtet und die kleine Blumenspenderin nun dicht neben sich sah.

Na, schwarz' Hex'!" sprach der Rohe mit Behagen, hast Deinen Strauß zuletzt behalten müssen. Hättest 'auch besser gethan, zu Hause Werg zu spinnen, als sich unter die blumenstreuenden Bürgerkinder zu drängen. Solch aufgelesenes Gesindel muß aber überall zuvorderst sein."

Ich habe mich nicht herzugedrängt, es ist mir vom Pfarrherrn besohlen worden, da mußte ich gehorchen," sprach Sibylle Beilstein, der alten Anna Beilstein Enkelin von Bingenheim.

Hat sich was mit dem Befehlen, man weiß das schon lange und kennt Euer Gelichter."

Die Kinder benutzten eine Lücke in der Mengs und zogen nach dem Schulhause, wo sie mit Wein und Backwerk be« wirthet wurden. Still und in sich gekehrt saß Sibylle vor ihrem Weinglase. Die Bretzel rührte sie nicht an, einmal weil ihrem kindlichen Herzen hart mitgespielt worden, daß sie keinen Bissen hinunter bringen konnte, dann: weil sie der alten Großmutter die Bretzel mitbringen wollte.

Sei getrost, mein Kind!" sprach der würdige Pfarrherr zu der Kleinen.Lasse Dir den schönen Tag nicht durch ein kleines Mißgeschick verderben. Vergiß nicht, daß in jedem Freudenbecher auch ein kleiner Tropfen Wermuth zu sein pflegt. Grüße die Großmutter und erzähle ihr, wie schön Alles gewesen."

Wie ein Sonnenstrahl ging es über das Gesicht des Mäd­chens; die großen, dunklen Augen leuchteten hell auf bei diesen Worten. Dankbar küßte Sibylle die Hand des Geistlichen und eilte davon.

Im Schlosse war Abends ein herrliches Mahl aufgerichtet worden, an dem die geladenen Gäste, Cavaliere, hohen Be­amten und Geistlichen der Landgrafschaft theilnahmen. Als

Commissarius Caspari gegen Mitternacht sein Lager aussuchte, fiel ihm das Kind mit dem Blumensträuße wieder ein.Die kleine Bauerndirne hat mich heftig aufgeregt!" sprach der Ge­strenge zu sich selber.Mir ist, als hätte ich diesen Blick schon einmal vor Jahren gesehen, weiß aber nicht wo. Ich weiß auch nicht, was mir so scharf in's Innere gedrungen, ob Zuneigung oder Widerwille! Zuneigung! Wie? Für eine uneheliche Bauerndirne! Der Gedanke ist abscheulich. Es wäre ein schwerer Verstoß gegen Sitte und Anstand von Seiten des Pfarrers, wenn er eine uneheliche kleine Dirne unter die Blumenspenderinnen ausgenommen hätte. Ich kann das nicht glauben und werde mit dem Geistlichen sprechen; der Forst­meister war der Ansicht, es sei ein uneheliches Kind, aber er kann sich irren. Endlich senkte sich der Schlaf auf die Lider des Gestrengen, aber jäh fuhr er wieder empor; es schien ihm, als richteten sich zwei glühende Teufelsaugen auf ihn, die drohten, ihn zu versengen. Aus jeder Ecke blickten ihn die glühenden Augen an. Zuletzt barg er das Haupt unter die Decke, um des quälenden Anblicks ledig zu werden, aber jede Mühe war umsonst. Nun sprang er aus dem Bette und trat an das Fenster; um frische Luft zu schöpfen, öffnete er den einen Flügel und schaute hinaus. Herrlicher Frühlings­odem strömte ihm entgegen. Ueber dem Horloffthale lag, vom Mondschein überstrahlt, ein silberner Nebelschleier. Vor ihm, kaum ein Viertelstündchen gen Nord entfernt, befanden sich die stattlichen Dörfer Echzell und Gettenau, deren Helle Kirchihürme schlank in die Luft ragten. Deutlich vernahm Caspari den Glockenschlag, welcher die zweite Morgenstunde verkündete. Nach West und Südwest, nur eine halbe Stunde entfernt, lagen Heuchelheim und Reichelsheim; darüber hinaus konnten deut­lich noch mehrere Kirchihürme unterschieden werden. Selbst die wuchtigen Massen des Taunusgebirges waren zu unter­scheiden. Zu seinen Füßen, in den Büschen des Festungs­grabens, sang eine Nachtigall ihre unvergleichlichen Weisen. Ein tiefer Gottesfrieden lag über dem Ganzen, von Zeit zu Zeit durch ein leises Rauschen der mächtigen Roßkastanien im Schloßhofe oder der etwas entfernteren uralten Dorflinde, welche neben dem schmucken Kirchlein stand, geheimnißvoll unter­brochen.Ein kleines Paradies!" sprach der Gestrenge,das selbst durch die Greuel des dreißigjährigen Krieges nur wenig gelitten zu haben scheint. Hier könnte ich mich wohl fühlen! Daß mir der erste Tag durch diese kleine Bauerndirne so elendiglich verdorben werden mußte! Ich kann mir das Gesicht nicht aus den Gedanken schaffen und hasse das Geschöpf aus tiefster Seele!"

Jauchzendes Rufen ließ sich aus dem nahen Dorfwirths- hause, das den NamenZum Darmstädter Hofe" noch heute