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Ruths Besuch bei Alma Sternau hatte doch einen Auf. schub erlitten, da Frau von Linden ein kleines Unwohlsein zu überwinden hatte. Das Ende des Septembers war heran« gekommen, als Ruth endlich auf Deppenhof, dem Gute des Herrn von Sternau, nahe bei der Universitätsstadt belegen,
Felder prangten im Sonnenschein, als der Postwagen dem Gute zufuhr. Ruth traf es prächtig, denn Almas Bruder Norbert, der Arzt, war auch eben unerwartet zu Besuch em« getroffen, Herr von Sternau aber, der den Rang einesJßco# fessors einnahm, weilte seit einigen Tagen wieder in der Stadt- Frau von Sternau dagegen nahm die beste Freundin ihrer Tochter liebevoll auf.
Deggenhof lag romantisch am Bergabhange ; nacht weit
Vater Decan der Universität und ein in den höchsten Kreisen hochangesehener Professor der Theologie mar, angesponnen; wie es um dieses Verhältniß gestanden, soll sich der Beschret« bung entziehen; kurz, eines Tages hatte sich die arme Veronika in den Schwarzsee, der nahe bei der Stadt liegt, gestürzt und wurde als Leiche herauszezogen. Der Professor Pf. wies alle Anklagen, die gegen ihn erhoben wurden, starr ab, aber seitens der Regierung wurde er in sehr ungnädigen Ausdrücken kurz darauf entlassen. Dieses sind so bekannte Thatsachen, daß ich für ihre Mittheilung nicht einmal Dein Schweigen zu erbitten brauche.
Und nun, meine Liebe, wiederhole ich meine Bitte, uns Deinen Besuch zu schenken, womit Dich herzlich tausendmal
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Du Alles wissen! Mutter," — sie weinte laut auf, — „ich habe ihn gern gehabt, vom ersten Augenblicke an!"
Frau von Linden nickte: „Ich vermuthete es! Und er ist Deiner Liebe werth, Kind! Ein treuer Mensch!"
„Nein, das ist er eben nicht!" schrie hier Ruth wild auf. „Er ist meiner Liebe nicht werth 1"
Sie griff in ihren Busen, holte einen Brief hervor und
reichte ihn der Mutter: „Lies, Mama!"
Die Frau Oberst nahm und las:' „Liebe Camilla! So leid---zu Dir--,---anderweitig ge.
fesselt.---Küsse. Dein E."
Sie blickte auf. „Und dieses Blatt soll der Hauptmann Von Bach geschrieben haben?"
„Unzweifelhaft, Mama, ich kenne seine Handschrift sehr genau!" ’s
Sie schluchzte und fuhr dann fort, als die Frau Oberst den Kopf schüttelte: „An dem Tage, als er uns seinen Eon- dolenzbesuch machte, fand ich nach seinem Fortgänge diesen Brief, den et gewiß hatte besorgen wollen, verloren vor der Thür auf dem Corridor; Niemand als er hat an diesem Tage das Haus betreten, zudem ist es seine Handschrift!"
„Abscheulich!" versetzte die Mutter. „Abscheulich! Man kann doch keinem Freier trauen!"
„Und ich," schluchzte Ruth, „könnte keinen Mann heirathen, von dessen Sittlichkeit und moralischer Reinheit ich nicht triftige Zeugnisse hätte! Eben dieses, Mama, was ich trotz aller an« deren Eigenschaften an meinem Vormund so sehr verachte, die Lascivität der Sitten in Bezug auf die Frauen, das muß ich auch an dem Manne finden, dem ich mein Herz zu schenken im Begriffe war! Aber wenn ich auch darüber zu Grunde gehen sollte, Mama, einem solchen Manne reichte ich nie meine Hand!"
Die Frau Oberst nickte, fuhr dann aber in demselben Tone fort: „Was liegt denn gegen den Professor vor, Kind?" Ruth ward sehr ernst und entgegnete: „Es muß schließlich auch einmal gesagt sein, Mama, und muthig getragen werden, ich fürchte, daß Papa in seiner Biederkeit einen Fehl« griff gethan, als er dem Professor Pfeil sein Vertrauen schenkte!"
„Wieso?"
„Höre! Durch Zufall entdeckte ich neulich, daß Herr Pfeil, Professor der Chemie an der Nachbar-Universität gewesen! Da aus der Universitätsstadt auch meine Freundin Alma von Sternau stammt, so schrieb ich ihr vor einiger Zeit und fragte auch nach Herrn Professor Pfeil. Lies die Antwort, welche gestern eingetroffen ist!"
Sie holte den Brief hervor und^reichte ihn der Mutter, die dann wörtlich las:
„Meine liebe Ruth!
Als Du die Pension verließest, trauerte das ganze Haus! Mir persönlich war es schrecklich, länger dort zu verweilen, wo ich Dich ständig vermißte. Ich ging ebenfalls heim und war gerade im Begriff, Dir zu schreiben, als mich Dein Bries traf, der mir so schmerzliche, Deine hellen Mädchenjahre so tief verdunkelnde Nachrichten brachte. Arme Ruth! Den Vater verloren! O, wie bedauere ich Dich! Komme, sobald Deiner lieben Mama, die ich herzlich un» bekannter Weise zu grüßen bitte, Deine Abwesenheit nicht zu schmerzlich ist, auf einige Zeit zu uns, um im heitersten Familienkreise das Gleichgewicht Deiner Seele wiederzufinden I Nicht wahr, Du kommst?
Was nun Deinen Vormund, Herrn Professor Pf. betrifft, so konnte ich nur Einiges durch meinen Bruder Norbert erfahren, soweit dieser andeutungsweise über den Herrn Mittheilungen machen konnte. Norbert hat unter Pf. noch selbst Chemie gehört; er hatte die Vorlesung belegt, weil er als sind. med. sich für Chemie interesstrte. Er gab an — mein Bruder ist jetzt Arzt in.M. — der Herr Professor sei ein gewiegter Kopf, aber ein höchst unmoralischer Mensch I Während seiner Anstellung als außerordentlicher Professor hat er ein Liebesverhältniß mit Veronika Mempler, deren
Alma v. Sternau."
Frau von Linden ließ den Brief sinken und rief: „Allmächtiger Gott!"
„Und was das Schlimmste ist, Mama," fiel hier Ruth ein, „mein Vormund ist noch heute derselbe, denn auch für diese Behauptung habe ich Beweise."
„Und Du schwiegst?"
„War Papa denn zu überzeugen?"
„Arme Ruth I"
Aber die gute Tochter umfaßte die Mutter und sagte: „Nie hat eine Stiefmutter ihre Stieftochter so geliebt wie Du, Theure; nie hat eine Tochter ihre Mutter mehr geliebt, als ich Dich, Du Liebe; so lauge wir uns Beide haben, sind wir noch nicht arm!"
Die Frau Oberst nickte und küßte Ruth auf die Stirn, dann entschied sie: „In der nächsten Woche siedeln wir nach M. über, acht Tage später kannst Du Alma begrüßen; vielleicht zerstreut es Dich ein wenig!"---
Am andern Tage warb Herr Professor Pfeil bei der Mutter feierlich um Ruths Hand. Die Frau Oberst wies ihn birect an Ruth selbst. Diese aber sagte: „Herr Professor, wir verkennen nicht, was Sie für uns gethan, aber für Die. Ehre, Ihre Gattin heißen zu sollen, muß ich denn doch danken! Sie werden mich nicht zwingen wollen, Ihnen die Gründe dafür. angeben zu müssen!"
„Keineswegs; ich habe es nur gut gemeint, denn ein Mädchen ohne männlichen Schutz —"
Ruth richtete sich hoch auf und sagte stolz: „Ich werde mich selbst zu schützen wissen! Nicht wahr, Sie wohnten früher in der Nachbar-Universitätsstadt?"
„Allerdings, Fräulein Ruth, aber —"
„In der Familie des Professors Mempel?"
Bei diesem Namen ward Pfeil bleich wie der Tod, doch raffte er sich zusammen und sagte: „Ich habe Ihre Antwort gehört, Ruth; mögen Sie dieselbe nie bereuen! Was mir böser Leumund angedichtet, weiß ich; ich kann nur versichern, daß ich schuldlos leide!"
Er zog sich zurück, ballte aber auf der Treppe die Hände zusammen und knirschte zwischen die Zähne hindurch: „Dai sollt Ihr mir büßen, Ihr hoffärtigen Weiber!"
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