Ausgabe 
1.2.1894
 
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Walter setzte die erhobene Kaffeetasse nieder und sah den Sprecher groß an.

Ja, ja, ich spreche die volle Wahrheit," lachte Jener.

Wirklich? Gott Lob und Dank, dann wird die ver­fluchte Wirtschaft hier ja wohl endlich ihr Ende finden."

Aber Vater I" mahnte die Frau.

Mutter, laß mich, endlich muß es doch einmal gründlich heraus." Scheffler legte dem Alten, der weiter reden wollte, beschwichtigend die Hand auf den Arm und sagte:Laß jetzt, ich werde Dich vielleicht noch selber gründlich ausfragen. Aber zuerst will ich Dir nun sagen, wie es mit mir steht und wa­rum ich hier bleiben muß."

Das Taschentuch der alten Frau fuhr bei den nun folgen­den Eröffnungen verschiedentlich über die Augen, während ihr Mann nur seine buschigen Augenbrauen in die Höhe zog und zuweilen mißbilligend den Kopf schüttelte.

So, nun wißt Ihr, wie's mit mir steht," schloß Scheff­ler.Tannenhof muß mich jetzt ernähren."

Und kann'« auch," brummte der Alte,wenn diese in­fame Kanaille von Verwalter erst aus dem Thors ist. Nehmen Sie's nicht übel, Herr, Sie können mich ja auch wegjagen, wenn Sie wollen, aber ich habe Sie ja schon auf den Armen getragen, da werden Sie mir meine hastigen Worte zu gut halten. Lange kann ich's nicht mehr mit ansehen, wie Ihr Eigenthum hier veruntreut und zu Grunde gerichtet wird. Gottlob, an den Wald hat der Herr Malten nicht kommen können und da wir seit zwei Jahren die Bahn so nahe haben, werden Sie da hinten aus denKlostertannen" ein schön Stück Geld nehmen können. Sie sind eben schlagbar."

Nun, das ist jedenfalls gut, Walter, denn da unten in Tannenhof liegt Alles herunter," der Alte nickteda wird erst viel dazu gehören, es wieder hoch zu bringen. Ich habe das heute Morgen gefehen- Laß uns zu den neuen An­pflanzungen gehen, da wird's besser aussehen, al» in meinem Tannenhof."

Es war ein weiter Weg, den die Beiden miteinander machten, aber er erfrischte. Der alte Förster ward nicht müde, zu zeigen und sein Herr lernte verstehen, daß er in seinem Forst ein hübsches Kapital besitze, welches er bis dahin gar nicht in Rechnung gebracht hatte. Müde und hungrig langte er wieder zu Hause an. Das Abendessen, welches er mit Malten wieder gemeinschaftlich einnahm, verlief unter ziemlich einsilbiger Unterhaltung. Scheffler suchte möglichst unbefangen und freundlich zu sein, da er bemerkte, wie ihn sein Verwalter nach seiner Rückkehr aus der Försterei scharf beobachtet hatte. Auch entging ihm nicht, wie Jener versuchte, durch nebenhin eingeworfene Bemerkungen den Förster in ein schlechtes Licht zu stellen. Er that, üls beachte er da« nicht. Müller servirte etwas linkisch und er hielt es für gut, ab und zu ihm eine kurze Zurechtweisung zu ertheilen- Nach dem Essen ging er auf sein Zimmer.

Die Wirthschastsbücher lagen auf dem Tische. Er öffnete sie und versuchte, sie nachzusehen. Aber er mußte bald merken, daß er ohne Hilfe doch nicht einen richtigen Einblick haben werde. So wartete er ungeduldig aus Müller, der unten noch mit dem Abräumen beschäftigt war.

Haben Sie die Dinger schon durchgesehen?" war sein erstes Wort, als Jener eintrat.

Noch nicht gründlich, da sie erst vor ein paar Stunden mir übergeben wurden. Es stimmt Alle«, so viel ich bis jetzt finden konnte. Aber einzelne Posten im Verbrauch find viel zu hoch und einzelne Beläge scheinen nicht in Ordnung. Hier ist z. B. eine Rechnung über Saathafer im Betrag von acht­tausend Mark. So oiel kann unmöglich dafür ausgegeben sein, wenn ich die Erträge vergleiche, außerdem scheinen die letzten Nullen auch mit anderer Tinte geschrieben zu sein. Das sind die Beobachtungen, welche ich gemacht habe. Ich werde aber Alles genauer durchsehen müssen, um einen getreuen Bericht geben zu können."

Das wäre denn doch zu plumper Betrug."

Müller zuckte die Achseln.Wenn die Bücher nie nach­gesehen wurden, wie Herr Scheffler selbst sagten und der Ver­

walter das wußte, wie es wohl auch zu vermuthen steht, so durfte er das vielleicht wagen."

Scheffler war roth geworden. Ja, es war feine eigene Schuld, wenn der Mann ihn betrogen hatte. Warum hatte er nicht wenigstens einmal die Bücher einem Sachverständigen in die Hand gegeben?

Prüfen Sie weiter, Müller," sagte er gedrückt.Ich werde dann mit Ihnen die Sachen einzeln ansehen und wenn Malten mich betrogen hat, so daß ich ihm den Betrug nach­weisen kann, so werde ich ihn entlassen müssen. Aber bringen Sie keine Anschuldigungen ohne Beweise."

Die Aufgabe war nicht schwer. Zwar bei oberflächlicher Durchsicht schienen die Rechnungen glatt. Aber bald war hier ein Posten doppelt, bald erschienen auf den Quittungen hinzu­gefügte oder radirte Zahlen, um die Summen zu vergrößern. Malten hatte blindlings darauf getraut, daß fein Herr von der einmal eingeschlagenen Weise der Revisionen nie abgehen werde und so in der gewagtesten Weise gefälscht. Das ergaben auch Nachforschungen bei jenen Leuten, von welchen die einzelnen in Rechnung gestellten Posten gekauft sein sollten. Sie bestätigten einfach die von Müller ausgestellte Behauptung.

Bitten Sie Herrn Malten, zu mir zu kommen," schickte Scheffler eines Vormittags Müller zu Jenem hinunter.

Es währte nicht lange, so trat der zu seinem Herrn Be- schiedene ein. Sein Wesen hatte je länger je mehr etwas Ge­zwungenes und heute sah man ihm deutlich an, daß die zu un­gewöhnlicher Stunde kommende Forderung ihn peinlichst be­rührte, so sehr er das zu verbergen trachtete.

Bei seinem Eintritt erhob sich der bi« dahin an seinem Schreibtisch gesessene Gutsherr und der Blick, welcher zu dem Verwalter hinüberstreifte, ließ dessen Unruhe nicht geringer werden.

Es muß Klarheit zwischen uns sein, Malten. Ich will Ihnen nichts verhehlen von den Aufschlüssen, welche mir die letzten Tage gebracht haben- Es ist eine Schuld meinerseits, daß ich bis dahin die Bücher und Rechnungen, welche Sie mir vorlegten, nie gründlich prüfte. Der Einblick, welchen ich jetzt nahm, brachte mir die Ueberzeugung, daß Sie mich feit Jahren schon auf das Schmählichste betrogen"

Herr!" brauste der Verwalter auf, dessen Gesichtsfarbe sich von der feurigen Röthe in Leichenbläffe verwandelt hatte.

Lassen Sie mich ausreden!" rief ihm Scheffler in so befehlendem Tone entgegen, daß er verstummte.Ich werde Ihnen vollauf Zeit und Gelegenheit geben, sich von der mit vollem Bedachte ausgesprochenen Beschuldigung zu reinigen. Dann werde ich der Erste sein, der Sie um Verzeihung bittet- Bis dahin halte ich Sie für einen Betrüger. Hier meine Be­weise! Treten Sie heran!"

Er legte dem Verstummten die einzelnen gefälschten Rech­nungen vor, wies ihm die Posten in den Büchern, welche als falsch notirte durch die Briefe der betreffenden Lieferanten be­zeichnet wurden. Dann legte er das Ganze bei Seite, nahm seinen Sitz vor dem Schreibtische wieder ein und sah finster mit verschränkten Armen auf den niedergeschlagenen Blickes Dastehenden.

Sie wissen jetzt meine Gründe zu jener Beschuldigung, haben auch die Beweise gesehen. Ich warte nun auf Ihre Verteidigung."

Der Angeredeie hielt die Lippen zusammengekniffen wie in wilder Wuth. Aber kein Wort kam hervor.

Bitte, lassen Sie mich nicht zu lange warten!"

Malten blieb stumm. Auf einmal stürzte er Scheffler zu Füßen und streckte die Arme aus, als wolle er feine Kniee umklammern.

Erbarmen, Verzeihung, Herr!"

Der war schnell aufgesprungen und einen Schutt zurück- aewichen-

Lassen wir die Comödie! Durch Ihr Wort haben Sie wenigstens Alle» zugegeben, wessen ich Sie beschuldigte. Da« Richtigste würde sein, wenn ich Sie dem Gerichte übergäbe. Da Sie aber nur mich geschädigt haben, so mag's d'rum sein. Aber noch heute verlassen Sie mein Hau», ich rathe Ihnen