Segelschiffe die entzückende Fläche. Wir standen an den Coupe, fenstern stumm vor Bewunderung. Meine Hand ruhte neben der Fräulein Minnies. Auf einmal, fortgerisien von der Herr« lichkeit der Schöpfung, legte ich meine Finger auf die kleinen daneben. Diese duldeten es einige Secunden lang. Dann zogen sie sich zurück, und sich erröthend zum Vater umdrehend, fragte Minnie verschämt:Vater, willst Du noch eine Wurst­semmel, es sind noch zwei im Korbe?"

Aber Kind, wer kann jetzt an Wurstsemmeln denken!" Minnie erröthete noch tiefer.

O, ich wußte mir diese holde Verlegenheit, der in Wahr­heit nichts ferner gelegen hatte, als sich mit Semmeln zu be­schäftigen, wohl zu deuten! Jetzt gähnte nur noch der räthselhafte Vorwurf jener Schreckensnacht auf dem Meere zwischen uns!

Die Stadt selbst war wie ausgestorben. Zum zweiten Pfingsttag schien Alles auf's Land geeilt zu sein. Auf den leeren Straßen sah man hin und wieder dunkelröckige Polizisten feierlich wallen, deren Erscheinung theils an Feuerwehrleute, theils an Pastoren erinnerte. Im nur von Damen bedien­ten Hotel Sidsel fanden wir uns bald hernach angenehm unter­gebracht.

Herr Saffe schlug den Besuch des Lustschloffes Oskarhall und dann eine Wagenpartie auf den berühmten Aussichtsberg Frognesaeter vor. Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Asmus hatte wieder die großartigsten Spendierhosen an, er tractirte von meinen zweihundert Mark nach Herzenslust. Hin­gegen ward mir die Genugthuung zu theil, Minnies Plaid und Regenschirm tragen zu dürfen, und da es weder kalt wurde noch regnete, würde mir Beides niemals abgenommen worden sein, wenn ich den Plaid nicht in Oskarhall vergessen und den Schirm nicht auf dem Frognesaeter hätte stehe» lassen. Uebri- gens erhielten wir Beides wieder zurück, was mir bei meinem persönlichen Eigenthum selten passirt.

In Oskarhall interessirte uns weniger das Schloß, als die schöne Lage des Parks, sowie die altnordische, hölzerne Stave- kirke und die alten hölzernen Bauernhäuser, die mit voller Ein­richtung hier aufgestellt sind. Nur ein solches Bauernhaus und Minnie darin, und ich hätte nichts mehr in der Welt begehrt!

Am Nachmittage fuhren wir also nach dem Frognesaeter hinauf. Wir bedienten uns der landesüblichenSkuds", Wagenverbindungen, die sich über ganz Norwegen erstrecken. Unsere zweiräderigen Karriolen waren je für zwei Personen eingerichtet. Man mußte selbst kutschiren. Der sonst übliche Junge, der hinten aufhockt und die Fuhrwerke später wieder zur Station bringt, fehlte, da wir ja nach Christiania zurück­zukehren gedachten.

Wie sollten wir uns nun vertheilen? Wer sollte die Rosse lenken? So recht verstand dies wohl Keiner von uns Vieren. Karl freilich warf sich in die Brust, welche notabene eine neue hochrothe Cravatte zierte. Er habe in seinem Leben mehr ge­fahren, als mancher Berufrkutscher und mit fabelhaft wilden Pferden. Mir waren diese seine Künste total unbekannt- Aller­dings erinnerte ich mich, daß ihm einmal ein Stuttgarter Droschkenkutscher die Zügel überlassen hatte, während er selbst sich im Bergauffahren gemüthlich seine Pfeife stopfte und an­zündete.

Der Schlaue erreichte es aber doch, daß ihm Minnies Leben anvertraut ward, während ich mit Herrn Sasse hinter­her gondeln mußte. Wir zwei Tugendwächter waren sehr ver­drießlich über diese Eintheilung, weshalb unsere Fahrt einen recht trübseligen Anfang nahm. In der vorderen Karriole schien dagegen eitel Fröhlichkeit zu herrschen.

Nachdem der gute Karl zehn Mal eine verkehrte Richtung eingeschlagen und durch falsches Ausbiegen etwa ein Dutzend Fuhrwerke zum Stillstand gebracht oder ihre Räder hart an­gefahren hatte, gelangten wir endlich bei glühender Hitze auf die rechte Straße, auf welcher es langsamer und langsamer bergan ging. Wir begegneten Schaaren von schwerbelasteten Touristen, oft nur Damen ganz allein- Andere lagerten seit­wärts von der Straße unter Koniferen und Birken, an mur­

melnden Bächen, zwischen sich ausgebreitete Tischtücher mit un glaublich reichhaltigen Massen von Speisen und Getränken Daher also jene riesigen Körbe und Kober!

Nach ein paar Stunden erreichten wir glücklich da« prangende Gasthaus des Gipfels.

Zwischen Karl und Minnie mußte inzwischen irgend etwas Unliebsames vorgegangen sein. Sie verschmähte kühl seine Hand, als er ihr vom Wagen helfen wollte, und er besaß un­natürlich rothe Ohren, wobei er seine bekannte forcirte Heiter­keit an den Tag legte. Diese kleinen Anzeichen hoben meine gedrückte Stimmung einigermaßen.

Das Gasthaus war aus Holz erbaut und mit dunkelbraun gebeizten Baumstämmen bekleidet. Es zeigte durchweg eine originelle und elegante Einrichtung. Wir saßen auf der Veranda und genossen die herrlichste Aussicht auf das zu unseren Füßen liegende Christiania und den inselbedeckten Fjord.

In der anderen Veranda-Ecke entdeckten wir einige der Studenten von unserem Schiff. Wie der Augenschein lehrte, waren sie hierher gereist, um Skat zu spielen.

Karl trank mehr, als ihm gut war. Nach norwegischer Sitte durften keine gebrannten Wasser verkauft werden. Auf Herrn Saffes Bitte hatte die Frau Wirthin zum kühlen Bier aber doch eine Flasche vorzüglichenBrännvin" verabreicht, für den keine Zahlung angenommen wurde. Karl schien nun das Bedürfniß zu empfinden, diese Flüssigkeit als Sorgenbrecher zu benutzen. Seine unnatürliche Lustigkeit, sowie die schiefe Stellung seines Filzhutes nahmen von Viertelstunde zu Viertel­stunde zu.

Da Minnie nicht für feine Reden begeistert schien, hielt er sich an Herrn Sasse, dem er Reise-Reminiscenzen vortrug.

Ich bin nicht die Spur seekrank gewesen! Wahrhaftig, Herr Sasse, ich versichere Ihnen!"

Wenigstens haben Sie so viel Ueberlegung noch besessen, sich höchst eigenartige Lagerstätten auszusuchen."

Ach, Sie meinen in der Kajüte," erwiderte Karl, in dem Glauben, seine Seekrankheit sei constatirt, verrätherisch verlege« werdend.Haben Sie mich denn dort gesehen?"

Natürlich, in des Doctors Mantel; und wie sonst noch, will ich hier nicht weiter erörtern."

Nanu, wie denn etwa? Hinten war's mir zu heiß, des­halb war ich nach vorn gegangen und weil die Stühle immer kippten, hatte ich mich auf den Fußboden gefetzt. Das war doch ganz in Ordnung."

In Ordnung? Schöne Ordnung, wenn man in unmittel­barer Nähe von Damenkajüten auf Abenteuer ausgeht, die, die nun, wie gesagt, schweigen wir jetzt darüber!"

Karl machte ein ungewisses Gesicht. Sein Herz wußte von keinem Abenteuer, aber wenn er solches aufgesucht hätte, so mußte dies doch ein Beweis für ihn fein, daß er sich in der That nicht allzu leidend hatte befinden können. Dieser Jdeen- gang ward durch den verschmitzten Stolz bezeugt, mit welchem er des Apothekers Vorwurf acceptirte.

Nun ja," rief er,ein kleines Abenteuer war wohl da­bei. Dazu hatte ich mir Döderleins Mantel geliehen, der wie ein Bravomantel die Gestalt verhüllte. Famose Idee. Nicht?"

Dieses prahlerische Eingeständniß ging Herrn Saffe doch über die Hutschnur.Mein Herr," erwiderte er ceremoniell, Sie befinden stch hier in Gegenwart meiner Tochter! Ich habe nicht über Ihre, wohl aber über die Moralität meines Kindes zu wachen, und so muß ich Sie dringend ersuchen, dies Thema als abgebrochen zu betrachten."

Karl blieb die Entrüstung des alten Herrn entschieden ganz unverständlich, ja, in seiner beginnenden Begriffsverwirrung hielt er sie nur für einen schlechten Witz, über den man lachen müsse.

Das that er denn auch herzlich und zerschnitt damit ahnungslos das letzte Fädchen seines kühn entworfenen Planer, wenn anders es überhaupt noch etwas für ihn zum Zerschneiden gab.

Ich wäre nun wohl in der Lage gewesen, die Prahlerei des Freundes zu entlarven, um seine Moralität zu retten,