Dienstag, den 31. Oktober.
1893.
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Eine verhängnißvolle Nordlandsfahrt, i
Huinoristische Novelle von Johannes Wilda.
(Fortsetzung.)
Fräulein Minnie hatte bisher schweigend zugehört. Nun traf mich ein Blick, in dem allerlei eigenartige Gefühle aus« gedrückt lagen. Ja, er traf mich und nicht Asmus! Und nach Versendung dieses Blickes erklärte das junge Mädchen in edler Barmherzigkeit: „Leider bin ich wohl die Schuldige an dem großen Verlust, der namentlich Herrn Doctor Döderlein betroffen zu haben scheint. Die dumme Blume! Wenn ich doch nur nichts gesagt hätte!"
„Hm, hm," meinte Herr Saffe und musterte mich abermals nachdenklich. „Thut mir leid, Herr Doctor. Mir scheint doch, es wäre verständiger gewesen, Sie hätten die gemeinschaftliche Kaffe bei sich getragen. Indessen — nun ja — wenn ich Ihnen aushelfen kann — innerhalb meiner bescheidenen Mittel —"
„Menschenfreund! Edler Mann!" fiel hier Karl in die zögernde Rede des Apothekers und schloß den kleinen Mann stürmisch in seine Arme. „Fünfhundert Mark reichen ja schon! Ich telegraphire unverzüglich nach der Tuttlinger Fabrik, so daß das Geld bei Ihrer Rückkehr nach Kiel vermuthlich bereits zu Ihrer Verfügung steht. Hier der treue, zuverlässige Döderlein garantirt für baldigste Rückzahlung, nicht wahr, Ingo?"
Und ich Verworfener schaute Minnie an. Und als ich dies gethan hatte, nickte ich. Zu meiner Entschuldigung diente mir das Bewußtsein, daß ich allein Derjenige war, auf dessen Schultern die Rückerstattung fiel.
„Schön," meinte Herr Saffe darauf. „Fünfhundert Mark vermag ich freilich augenblicklich nicht zu entbehren, allein etwa zweihundert kann ich Ihnen leihen, wenn Ihnen das genügt, Herr Doctor Döderlein?"
„Auch das genügt!" erwiderte Karl großartig und ich stammelte meinen verbindlichsten Dank.
Bis auf Herrn Sasse, der noch immer nicht im Klaren zu fein schien, ob er recht gehandelt oder nicht, geriethen wir nun Alle in heiterste Stimmung. Asmus war völlig aus der Tüte.
„Mensch," sagte ich zu ihm in einem passenden Augenblick, „Du hättest ja wirklich verunglücken können."
„I bewahre, Wuz! Ich hatte ja das linke Bein zwischen dem Geländer und dem hart daran stehenden Laternenpfahl ingeschoben und konnte gar nicht fallen. Es war nur bedenk
lich, die Brieftasche unauffällig zum Hinausrulschen zu bringen. Natürlich war kein rother Heller darin"
„Das kann ich mir denken, Du Gauner!"
„Gauner? Liebster Wuz, geschah es nicht auch für Dich? Nun mußt Du Dich doppelt dankbar beweisen. Du hast Minnie ein paar Mal ein paar sehr verdächtige Blicke zuge« worfen. Das geht nicht mehr an, hörst Du! Ich will nicht daran schuld sein, Dich in Deinen heiligsten Prinzipien wankend zu machen und Dich würde sie doch nicht heirathen. Also Wuz, nimm Dich unser als unser väterlicher Freund an wie bisher, und die zweihundert Mark übernehme ich dann, sobald ich--"
„Schwiegersohn geworden bin," ergänzte ich.
„Allerdings. Ich denke, mehr kannst Du wahrhaftig nicht verlangen!"
Also hatte der Racker die Wandlung meiner Seele trotz seiner Hasenfüßigkeit doch durchschaut. Und besaß er denn Grund zu einer aufkeimenden Besorgniß? Mit Nichten! Zwar begegnete mir Fräulein Minnie wiederum um einige Grade wärmer, als vor der Brieftaschengeschichte, allein noch immer schien der unverschämte Asmus in der Sonne der Gnade und ich im Schatten zu stehen.
Selbstverständlich konnte jetzt von einer Trennung keine Rede mehr sein. Der geliehene Mammon schmiedete uns nun definitiv für Christiania aneinander.
Noch am Abend, nachdem wir zuvor noch die hochinteressanten, auch landschaftlich anziehenden Etagenfchleusen des Troll- hättakanals bewundert gehabt, traten wir die lange Eisenbahnfahrt an- Herr Saffe hatte mich Minnie gegenüber placirt. In ihrer weißen Wollkapotte sah sie wie ein Seraphim aus. Ich betrachtete fast die ganze Nacht ihr schlummerndes Antlitz. Welcher verliebte Schuljunge war aus dem hageren Weiberfeind geworden! . ,
Asmus war in seinem Leben noch selten zweiter Klasse gefahren. Dieser Umstand, verbunden mit der Unmöglichkeit, näher an Minnie heranrücken zu können, veranlaßten wohl das gediegene Schnarchen, mit welchem er Stunden hindurch seinem projectirten Schwiegervater , die erfolgreichste Concurrenz machte.
Endlich lag Christiania vom Frühroth übergossen vor uns. In einer Kurve sausten wir thalabwärts auf die Ersehnte zu. Welch' wunderbar schöner Anblick! Man denke sich eine schiffreiche, ausgedehnte Hafenstadt mit originellen Thürmen und malerischem Festungswerk, im weiten Halbkreis von hohen, mit Fichten bestandenen Bergen umschlossen. Davor ein seeartiger blauer Fjord, übersät mit großen und kleinen Inseln, alle durch Nadel- und Laubholz begrünt, alle mit schimmernd hervorlugen- den Villen geschmückt. Dazwischen kreuzten Dampfer und


