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Noch einmal schüttelte er ihre Hände, dann trat er zu dem Fischer, der in hellem Erstaunen der Begrüßungsscene zugesehen und sich bei der Plötzlichkeit der Ueberraschung mit keinem Wort betheiligt hatte, und, die Hand auf seine Schulter legend, sagte er bewegt:Das war eine böse Fahrt, Vater Locke, schlimmer als in mancher Sturmnacht, welche ich draußen erlett habe. Ich danke meinem Herrgott, daß ich glücklich an Land bin und Euch, daß Ihr mir den letzten Beistand dazu geliehen habt."

Einen Augenblick schien's, als wolle der Fischer sich auf eine paffende Antwort vorbereiten, dann kam dar gewöhnliche: Ja, ja, das ist, wie'» kommen soll," von seinen Lippen und es war, als ob feine Beredsamkeit damit ihr Ende erreicht habe. Aber das unerwartete Ereigniß war doch so groß, daß es ihn zu weiteren Kundgebungen anspornte und so reichte er denn dem Angekommenen die Hand mit:Grüß Gott, Erich Hagen, und ich 6tn'« nicht allein gewesen, da ist auch unser neuer Herr Pastor, den Du noch nicht kennst, und er hat mit Hand an Dein Boot gelegt, als ob er ein Schiffer wäre, wie unser Einr."

Die dunkeln Augen des Fremden blickten auf den Pastor, der etwa» abseits stand; sie musterten die schlanke, mittelgroße Gestalt, die schmalen Hände und das blaffe Gelehrtenantlitz. Ein etwas ungläubiges Lächeln, als ob er die Worte des Fischers, die ihm das höchste Lob ertheilen sollten, das der Mann überhaupt auszusprechen vermochte, nicht so recht in Ein­klang mit dem vor ihm Stehenden bringen könne, glitt über seine Züge hin, dann wiederholte er seinen Dank, den der Pastor mit freundlicher Beglückwünschung zu seiner Errettung aus großer Gefahr beantwortete.

Ja, wahrhaftig, ich glaubte fast, ich müßte im Angesicht der Heimath noch Waffer schlucken," sagte er ernst,ich halt' es schon aufgegeben, auf Crumbach zu halten. Ich konnte vor Regen und Wellen keine Spur vom Lande sehen und wollte mich schon dem Waffer überläffen, deffen Rauschen in mein Ohr tönte wie Grabgeläut. Da mit einem Male taucht es vor mir auf wie ein Licht.Das ist des Steuermanns Haus auf dem Höwt," sprach mir'» im Herzen. Ich faßte neuen Muth, denn nun mußt' ich, wo ich war und wie ich heran­kommen mußte, das Steuer gehorchte mir noch und Euer Licht hat mein Leben gerettet, Vater Locke."

Der Fischer schüttelte den Kopf.Ja," meinte er be­dächtig,das soll wohl so sein und es ist, wie'» kommen soll, aber das Licht hat gar nicht oben gebrannt. Ich will nur jetzt hinaufgehen und es anstecken," und schwerfälligen Schrittes verließ er das Zimmer und erstieg die Stufen der Treppe.

Erich Hagens Gesicht trug einen befremdenden Ausdruck. Ich glaubte es so sicher zu erkennen," meinte er zweifelnd, ich kann mich kaum geirrt haben, oder hat Gott mir ein St. Elmsfeuer angezündet, wie wir'» in den Tropen kennen, um mich zu führen, Herr Pastor?"

Aber der Pastor schüttelte den Kopf.Gott hat den heimgekehrten Wanderer geleitet ohne Zweifel und ihm sei der Dank dafür, aber eines St. Elmsfeuers hat er sich nicht dazu bedient. Ich denke, die kluge Vorsicht und die schnelle Hand des jungen Mädchens, deffen alten Freund Sie sich vorhin nannten, sind sein Werkzeug gewesen."

Erich wandte sich schnell zu Marie.Du, Marie, aber warum machst Du ein Geheimniß daraus? Und warum läßt Du den alten Mann sich nach Oben bemühen, wenn das Licht schon brennt?"

Sie lachte, aber etwas gezwungen.Ja, siehst Du, Erich, ich hatte es ausgelöscht, während er mit Herrn Pastor zum Strande ging. Du mußt nämlich wiffen, seit Karl und Wilhelm tobt sind"

Meine beiden guten Kameraden," rief er in schmerz­lichem Ton.Und ich hoffte, die alte Freundschaft zu er­neuern, nun ich nach Hause komme."

Es sind im Herbst fünf Jahre," berichtete Marie,daß sie auf der See geblieben sind. Aber sie wurden an den Strand geworfen jenseits de« Dorfes und liegen auf dem Kirchhof in Willnick begraben. Seitdem hat sich's nun Vater in den Kopf gesetzt, daß er mich von Allem fernhalten will,

was mit dem Meere in Zusammenhang steht. Am liebsten wär' er auch im Dorf geblieben, aber das Boot war mit den Brüdern verloren gegangen, und wir mußten Gott danken, daß der Pathe mir dies Haus hinterließ mit dem Land, da« dazu gehört- Run hab' ich'« hier oben immer vor Augen, und er ist in einer Angst, daß ich'« nicht lieb gewinnen soll, und da« ist nun doch geschehen, wo es Dich uns zurückgebracht hat, Erich," und sie blickte mit leuchtenden Augen in sein schönes, männliches Gesicht.

Man hörte den alten Mann jetzt die Treppe hinabkommen, und das Mädchen setzte etwas befangen hinzu:Du brauchst dem Vater ja nichts davon zu sagen, wenn'« ja auch freilich kein Unrecht ist, daß ich das Licht angesteckt hatte, um Dir zu helfen, Erich. Wie es aber nur der Herr Pastor errathen haben mag?" Er lächelte nur, ohne zu sprechen; es war nicht schwer gewesen, die Antwort auf Erichs Frage in ihren aufrichtigen Zügen zu lesen.

Bald darauf saßen der Pastor, der sich seines naffen Ueberrocks entledigt hatte, der Fremde, in den viel zu kurzen und engen Sonntagskleidern seines Wirthes, und der Fischer in der wollenen Jacke, die nur in Nothfällen als anständiges Bekleidungsstück anzusehen ist, um den eichenen Tisch mitten im Zimmer. Vor Jedem stand ein Glas des heißen Getränk«, das den durchkälteten Männern das Blut wieder warm durch die Adern treiben sollte. Marie hatte auf einem niedrigen Stuhl am Kamin Platz genommen und lauschte von dort den Berichten, welche Erich von seinen Erlebniffen gab, von den blauen Fluthen des indischen Oceans, die er durchschifft, wie von den EiSblöcken des Polarmeeres.Aber nirgends ist'« wie in der Heimath, Vater Locke. Die Sehnsucht nach Deutsch­land hat mir im Herzen geseffen all' die langen Jahre, und zuletzt ist mir'« so bange geworden, daß ich'» nicht mehr über­winden konnte."

Er schwieg einen Augenblick und strich mit der Hand über da» dunkle, kurzgeschnittene Haar, während ein leichtes Lächeln über sein Gesicht flog, dann setzte er hinzu:Ich nahm in New«York Dienste auf einem englischen Schiff; in Dover fand ich eins, das nach Hamburg ging, von dort ging'« mit der Bahn und zuletzt, ja, Vater Locke, Ihr werdet mich schelten, aber ich konnte nicht länger warten mit der Ueber- fahrt, ich nahm ein Boot und nun seht Ihr, da bin ich daheim, hier in Crumbach! Und das ist aus dem Wort ge­worden, das ich mir selbst gegeben hatte, daß ich nie mehr nach Hause zurückkehren wollte, so lange in Grashagen Ihr wißt ja, was ich meine, und warum ich damals in Nacht und Nebel mein Elternhaus verließ"

Eine dunkle Wolke überzog die offene Stirn des See­manns, er blickte finster vor sich nieder- Ja, sie wußten, was er meinte, sie verstanden ihn Alle und noch anders, als er es glaubte. Auf das Gesicht des Pastors war ein fast harter Zug getreten, als er den vor ihm Sitzenden mit forschendem Blick betrachtete, der alte Fischer nickte mit dem Kopfe und wiegte ihst dann wie in sorgenvollem Sinn hin und her, und Marie wandte sich ab und schaute in da» Feuer, deffen letzte ersterbende Gluthen ihr ernste» Antlitz mit einem rothen Schein übergoffen.

III.

Sieben Jahre waren vergangen, seitdem Erich Hagen die Heimath, welche er nie vergeflen konnte, und da» Elternhaus verlassen hatte, seitdem jene Veränderung in seinem Schicksal sich vollzogen hatte, die er selbst heraufführte. Damals lebte die Mutter Maries noch und sie wohnten zusammen in Dorf Crumbach mit dem Vater und beiden Brüdern, die aus der Kinderzeit her die liebsten Kameraden Erichs waren- Halbe Tage lang war er schon als Knabe, wenn er in den Ferien daheim war, mit ihnen auf der See zusammen gefahren. Keiner war so waghalsig und kühn, wenn es galt, Wind und Wetter Trotz zu bieten, und den überlegenen Willen des gott­gegebenen Geistes auf die blinde Gewalt der Natur zur An« wendung zu bringen.Es ist ein Jammer, daß Du kein Schiffer werden sollst," meinte der alte Fischer, wenn er von