Ausgabe 
31.8.1893
 
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Nr. 102

1893

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Donnerstag, den 31. August.

Das Erbe.

Preisgekrönte Erzählung von R. Blankenburg.

(Fortsetzung.)

II.

Ein eigentümlich rothflammendes Licht erleuchtete die Fenflrr des Häuschens auf dem Höwt, als die drei Männer v0.m Strande heraufstiegen, nachdem sie das Fahrzeug so weit wie möglich auf das Ufer gezogen hatten, aus Furcht, daß die heranstürmenden Wellen es wieder mit sich in das Wasser ziehen möchten, wo es dann ohne die leitende Hand sicher an den Steinen zerschellt sein würde- Langsam nur kamen sie auf dem unsicheren Weg vorwärts, der Fischer, die Richtung anweisend, voran, der Fremde ihm folgend und der Pastor den Zug beschließend. Sie sprachen nicht miteinander und hatten auch bisher nur die nothwendigsten Worte gewechselt, welche das Brausen und Rauschen rings um sie her nur für das Ohr des Nächststehenden verständlich machte. Ebensowenig hatte noch einer von ihnen das Antlitz des Erretteten gesehen. Es war von dem großen Hut, aus welchem wahre Wafferrinnen herabträusten, fast verborgen. Auch aus der Seemannrkleidung, welche die breite, große Gestalt umschloß, ergossen sich kleine Strome und liefen zur Erde hernieder. Als sie den Rand der Klippe erreichten, dehnte und streckte der Mann die gewaltigen, lugendkräftigen Glieder, faßte mit der einen Hand diejenige des Fischers, hielt die andere dem Pastor entgegen und drückte dann die beiden herzhaft und so kräftig, daß der Pastor die Lippen zusammenbeißen mußte. Es war jetzt dunkler geworden, wenn auch der Abend noch nicht hereingesunken war. Der Donner hatte aufgehört, zu rollen und der Wind fing an, nach- zulaffen, aber das Meer trieb ungestüm wie vorhin seine brau­senden Fluthen zum Strande. Das Leuchten der Blitze war müder geworden, aber die Bäche der Wolken hatten nicht auf­gehört, zu strömen. Der Fremde ging den Andern jetzt voran, dorthin, wo das Licht ihm zu winken schien und, als sei er e n längst Bekannter, suchte er die Eingangsthür des Hauses nicht auf der dem Meer zugekehrten Seite, sondern schritt um befand ^tUm ba^tn' roo "ach dem Lande zu führend, sich

Einen Augenblick blieb der Fremde in dem kleinen Flur stehen, dessen Hintere Wand sich zur Küche erweiterte, während im Vordergrund die Treppe nach dem oben gelegenen Zimmer führte, aus dessen Fenster, nach der Bestimmung des alten Be­sitzers, jede Nacht ein freundliches Licht schimmern sollte, um den auf der See befindlichen Fischern den rechten Weg zu

zeigen. Auch die andern Männer hatten jetzt das Obdach des Hauses erreicht und der Fischer war's, der die Thür zum Wohngemach öffnete und dann zurücktrat, um dem Pastor den Vortritt zu überlassen. Ihm folgten die Andern in die freund­liche Stube, die ihnen heute ganz besondere Annehmlichkeiten zu bieten schien, wenn sie auch einfach und schlicht, freilich in etwas vornehmerem Stil, als in den gewöhnlichen Fischer- Häusern, eingerichtet war. In dem Kamin, welchen der viel« gereiste Mann sich nach englischer Art hatte bauen lassen, brannte ein schnell entfachtes Feuer in röthlicher Gluth und an diesem stand, von den Lichtstrahlen übergossen, die Tochter des Hauses. Sie hatte den dunkeln durchnäßten Alltagsanzua abgelegt und war jetzt in dem Sonntagskleids, dem mit Streifen von lebhafter Farbe durchzogenen Rock und dem schwarzen Jäckchen, das ihre schlanke und doch kräftige Gestalt dicht umschloß. Das volle, blonde Haar war zurückgestrichen und am Hinterkopf in mächtigen Flechten ausgenommen, aber kleine, kurze Löckchen drangen hervor und fielen in anmuthiger Weise auf die weiße Stirn und in den Nacken. Ihre ernsten blauen Augen sahen den Ankommenden entgegen, forschend und auf- merksam, denn neugierig konnte man den ruhigen, gesammelten Bück nicht nennen, der schnell über den Vater und den Pastor hinwegglitt und dann auf dem Fremden hasten blieb. Dieser hatte beun Eintreten den großen Wetterhut entfernt, der sein Gesicht bisher verborgen hatte, und bot es jetzt den Augen Derjenigen dar, welche gespannt darauf blickte. Und er hatte keinen Grund, es scheu zu verbergen, dies offene, männliche Gesicht mit den klaren Zügen und der freien Stirn, welche von kurz gehaltenem, dunklem Haar beschattet war. Auch die Augen waren dunkel, groß und sprechend. Sie begegneten denen des Pastors mit ruhig ernstem Blick, winkten denen des Fischers mit freundlich bekanntem Gruß, suchten dann die des Mäd- chens wie in schalkhafter Frage. Der Pastor hatte, der Rich- tung folgend, die seinen ebenfalls auf Marie gewendet, die den Fremden noch immer unverwandt anschaute, als ob sie etwas in der Erinnerung suche, was sie noch nicht recht finden könne. Dann ging es plötzlich wie ein Leuchten über die sonst ruhigen Züge, ein dunkles Roth stieg in den Wangen empor, schnell schritt sie auf den ruhig Wartenden zu, und ihm beide Hände entgegenstreckend, rief sie im Tone freudigster Ueberraschung: Willkommen daheim, willkommen, Erich HagenI" Er drückte sie herzhaft in den seinen, indem er heiter rief:Also Du hast den alten Freund in mir wiedergefunden, kleine Marie Locke, wie er Dich auch sogleich erkannt hat, so groß und stattlich Du geworden bist, und Du bist die Erste, die ihm ein reundlich Wort zu seiner Heimkehr zuruft. Das wird er Dir nie vergessen, Mariechen!"