1893
Untrrhattiingsblatt jum Girsisnsx Anzeigen (General-Anzeiger)
WWW
WWW WM
Samstag, den 30. Deeember.
Die beiden Schwestern.
Novelle von F. Sutau.
(Schluß.)
X.
Drei Monate sind nach diesen Begebenheiten vergangen und ein Aufsehen erregendes Ereigniß hat sich in der Residenz vollzogen.
Bornstettens und Helenens Hochzeit ist im November in glänzender Weise gefeiert morden, und Johanna, die groß- müthige, edele Schwester und die gute Tante Hopfen haben zusämmen für eine standesgemäße Ausstattung Helenens gesorgt, welche die Leute fürstlich nannten.
„Es ist ein fabelhaftes, unverdientes Glück, welches diese kleine Else macht," hörte man in der Residenz über Helenens Verheirathung urtheilen. „Sie soll arm sein wie eine Kirchen- maus und heirathet einen bildschönen, hochgebildeten, adeligen Officier, der ein schönes Rittergut ganz allein besitzt. Das nennt man Glück für ein armes, unbedeutendes Profefforen- töchterchen, welche weiter nichts als ein hübsches Gesicht und ein Paar Märchenaugen besitzt."
„Nun, dieses Glück hat sie eben ihrer Schwester, der berühmten Sängerin, zu verdanken, die den kunstliebenden Born- stetten lange an das Haus ihrer Tante feffelte und wohl auch an sich mit Rosenketten zu feffeln suchte, aber der schöngeistige Officier nahm schließlich die schöne, jüngere Schwester der unschönen Sängerin. So gehts in der Welt!"
„Wer weiß übrigens, ob es wirklich ein großes und dauerndes Glück ist, welches die Helene Halm mit dem Herrn von Bornstetten haben wird!"
Solche und ähnliche Urtheile konnte man bei der Hochzeit Helenens mit Bornstetten vielfach in der Residenz hören.
Freilich war es für Helene Halm ein großes, glänzendes Glück, die Gemahlin des stattlichen und reichen jungen Edelmannes Herrn von Bornstetten geworden zu sein.
Das neuvermählte Paar begab sich auf eine längere Hochzeitsreise nach Italien, Konstantinopel und Egypten und kehrte erst nach sechs Wochen über Paris in die kleine Residenz zurück, wo sie durch ihre Schilderungen der südländischen Schönheiten und klassischen Kunstschätze Aufsehen erregten.
Bornstetten war und blieb ganz entzückt von seiner reizenden kleinen Frau und erfüllte alle ihre Wünsche. Er kaufte in der Residenz eine schöne Villa, führte ein großes Haus und gab Feste und Bälle, auf welchen Frau von Bornstetten mit Geschick und Anmuth die Königin des Tages zu
spielen verstand, denn Jugend, Schönheit, kostbare Kleides seltene Diamanten und Perlen, sowie eine stets gefüllte Börse standen der koketten Frau zur Seite.
Fast sämmtliche Damen der Residenz beneideten Frau von Bornstetten, alle waren geblendet von dem Glanze, mit dem sie sich zu umgeben wußte und selbst Helenens gute Mutter und die sonst so nüchtern urtheilende brave Tante waren ganz von dem Glücke bezaubert, welches Helene durch ihre Heirath gemacht und um sich zu verbreiten verstand. -
Eine sehr reservirte Rolle spielte Johanna in der Schwester glänzenden Kreisen. Es war Johanna nicht möglich, für all den Glanz und Flitter, die Feste und Bälle in der Weise zu schwärmen wie Helene und für die Koketterien derfelben hatte sie gleich gar kein rechtes Verständniß, denn dies lag ihrem ganzen Wesen fremd. Johanna kam daher auch nicht oft in das glänzende Haus der viel beneideten Frau von Bornstetten und zu den Festen erschien sie nur dann, wenn musikalische Vorträge damit verbunden waren und wobei zuweilen auch Johanna ein Lied in meisterhafter Weise vortrug und die Hörer entzückte.
Die Theilnahme an wöchentlichen musikalischen Abenden, wie solche Bornstetten liebte, lehnte Johanna ab, weil sie an solchen keine künstlerischen Anregungen finden konnte und schließlich auch nicht jeden Abend singen wollte. Der kunstsinnige Schwager Bornstetten war über diese Ablehnung Johannas sehr verstimmt und hoffte seine mit einer so seltenen Stimme begabte Schwägerin allmählich doch für seine musikalischen Abende zu gewinnen, aber er gab sich in dieser Hinsicht einer vollständigen Täuschung hin.
„Sie sind doch ein wenig egoistisch, lieber Schwager," erwiderte ihm auf seine betreffende Bitte Johanna mit einem leichten Lächeln, „wenn Sie wünschen, daß ich' wöchentlich einen Abend auch bei Ihnen singen soll, Drei Abende in der Woche muß ich gewöhnlich in der Oper singen, den einen oder anderen Abend habe ich die Ehre in einem Concerte im Schlöffe vor den höchsten Herrschaften zu singen und zwei bis drei Tage in der Woche sind oft für neue Studien und Proben nölhig. Wollen Sie denn meiner Kehle da nicht einmal einen Ruhetag gönnen?"
Bornstetten erschrak fast bei dieser kühlen Antwort auf seine Bitte und stotterte einige entschuldigende Worte. Zu seinem Tröste sagte dann Johanna noch, daß sie ein Mal im Jahre, vielleicht zu Helenens Geburtstage oder sonst bei einem größeren Feste in seinem Hause singen werde, aber mehr versprechen könnte sie nicht, da zumal sie auch eine ganz neue Rolle einzustudiren habe.
Verschnupft ging Bornstetten heim, denn fein künstlerisch


